Gerhard Haderer im Exklusiv-Interview

Wien, 9. Juli 2019 / Seit die NEOS am vergangenen Montag eine Karikatur von Othmar Wicke auf ZackZack.at verbieten wollten, diskutiert Österreich über Politische Korrektheit und den Umgang mit Satire. Gottfried Gusenbauer, der künstlerische Direktor des Karikaturmuseums in Krems, dazu: „Karikaturen mit Tiervergleichen zu Menschen gab es schon immer. Karikaturen sollen niemals verboten werden“.

Im Exklusiv-Interview erklärt die Ikone unter den Karikaturisten, Gerhard Haderer, warum sich NEOS-General Donig blamiert und rigorose Moralvorschriften den demokratischen Diskurs gefährden.

ZackZack: Herr Haderer, guten Morgen. Sie haben es mitbekommen: Die NEOS wollten ZackZack eine Karikatur verbieten, die auf den Spenden-Irrsinn der Pinken hinweist. Was war ihre erste Reaktion?

Gerhard Haderer: Naja meine erste Reaktion war, dass ich immer sensibel reagiere, wenn Männer eine Karikatur als frauenfeindlich einstufen. Also in diesem Fall hat’s mir schon ein bisserl die Nackenhaare aufgestellt. Dieser Herr (NEOS-General Donig, red.), der sich da aufgeplustert hat, hat sich natürlich blamiert bis auf die Knochen. Dieser Hype, Karikaturen zu bashen – das ist ja so unglaublich dumm. Da fallen immer wieder Kategorisierungen wie frauenfeindlich, hundefeindlich oder männerfeindlich oder was weiß ich was noch feindlich. Die Absicht dahinter ist immer leicht durchschaubar: Man will von der eigentlichen Aussage ablenken. Manfred Deix würde vor Freude im Grab rotieren, wenn jemand versuchen will, für Cartoons politisch korrekte Kategorien zu schaffen! Ich persönlich wünsche mir ja, dass diese Art von aufgeregten Reaktionen weiter zunehmen. Die NEOS sollen sich bitte ja nicht verändern, sollen genauso bleiben wie sie sind, denn dann haben wir Karikaturisten die allerbesten Mitarbeiter für unsere Arbeit.

ZackZack: Wie beurteilen Sie denn persönlich unsere Karikatur von Othmar Wicke?

Gerhard Haderer: Natürlich habe ich sie mir angeschaut. Offensichtlich hat der Zeichner hier einen wunden Punkt getroffen. In diesem Fall ist es so, dass es da ja eine Parallele zur Wurst-und Politdackel-Rede von Peter Pilz gibt. Es ist natürlich ein Spiel, das in der Politik Tradition hat. Es gilt ja auch für Politiker die Notwendigkeit, dass man bestimmte Sachverhalte vereinfacht und pointiert zuspitzt. Das ist auch das Metier der Karikaturisten. Natürlich ist bei Mensch-Tier-Vergleichen sensibel vorzugehen, das wissen wir aus der Geschichte. Aber bitte: Jeder einzelne Zeichner muss den Freiraum haben, mit seinem Repertoire so umzugehen, wie er es für richtig hält. In diesem Prozess gibt es keinen Platz für Vorschriften und selbsternannte Moralinstanzen. Dass Satiriker hin und wieder an die Grenzen des sogenannten öffentlichen Anstandes herantreten, ist ja wohl logisch. Wir werden damit weiterhin selbstbestimmt umgehen, da pfeif‘ ma uns null!

Der Stein des Anstoßes: Karikatur für ZackZack von Othmas Wicke

ZackZack: Ihr Kollege Helnwein sagte kürzlich im Standard-Interview, Political Correctness sei das Diktat der Meinungskontrolle. Sehen Sie das genauso? Ist politische Korrektheit gerade wieder oder immer noch auf dem Vormarsch?

Gerhard Haderer: Helnwein hat das natürlich richtig gesagt. Political Correctness und vorauseilender Gehorsam sind wieder aktueller denn je.  Man kann das Thema ja, wenn man will, sehr flach spielen und kann sich amüsieren über die Aufregung von diesem Herrn aus der pinken Ecke, der Karikaturen verbieten will. Man kann natürlich auch weiterdenken und sagen: Vorsicht! Denn solche Vorstöße betreffen den demokratiepolitischen Diskurs im Kern, denn hier stellt sich die Frage, was darf Satire und was darf sie nicht. Und da sage ich, bitte hört’s auf, Kategorien für eure Empfindlichkeit zu etablieren, das ist lächerlich und funktioniert nicht.  Es kommt natürlich immer wieder zu Missverständnissen, das liegt in der Natur der Sache, auch in meinem Fall. Es kamen immer wieder wüste Beschimpfungen von Seite der Betroffenen, wir erwarten ja, dass auch wir kritisiert werden. Ist ja auch gut so. Es lebe der Diskurs! An die Ecke NEOS noch einmal ein Satz: Bleibt‘s bitte genauso, regt’s euch über jede einzelne Karikatur auf, das fördert den Spaß an unserer Arbeit und an der Politik insgesamt!

ZackZack: Was sagt das aus über eine demokratische Gesellschaft, wenn sie Überzeichnung nicht aushält?

Gerhard Haderer: Das sagt sehr viel aus. Zum einen haben wir eine Tradition der politischen Satire in Österreich, die sich im deutschen Sprachraum als Alleinstellungsmerkmal darstellt. Das weiß man seit Karl Kraus, Herrn Karl und Manfred Deix. Zum zweiten lauert im Hintergrund natürlich ein ganz großes Thema: Die Freiheit der Kunst und die Freiheit des Wortes. Und da sind wir an der Basis unserer demokratischen Vereinbarung. Politiker müssen es aushalten, karikiert und kritisiert zu werden. Wenn diese lebendige öffentliche Debatte eingestellt wird, entfernen wir uns von einer wesentlichen Qualität unserer Demokratie.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk /

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