„Der Standard“ ist ein echtes Qualitätsmedium. Er ist sogar so gut, dass er schon im Vorhinein weiß, was sich Berichtenswertes ereignen wird. Nur manchmal liegt die Kristallkugel in der Redaktion ein bisschen daneben – so geschehen heute bei der Presskonferenz von JETZT-Liste Pilz.

Wien, 29.07.2019 / Montag Vormittag präsentierte JETZT-Liste Pilz bei einer Presskonferenz in Wien Kandidaten für die Nationalratswahl am 29. September. Präsentiert wurden Nationalbankökonom Bernd Nussbaumer, Historiker und Journalist Thomas Walach, die iranisch-stämmige Pädagogin Golaleh Ebenhöchwimmer und Radiologietechnikerin Nadja Helmy. Das Café Landtmann war außerordentlich gut besucht, Kamerateams von allen österreichischen Fernsehsendern, Journalisten von APA, Radiosendern und Printredaktionen.

Respekt: Der Bericht war fertig, bevor das Ereignis begonnen hat

Kein Wunder, dass der „Standard“ sich da einen kleinen Vorteil verschaffen wollte und Innenpolitik-Redakteur Conrad Seidl einen Blick in die redaktionseigene Kristallkugel warf. Nur so ist schließlich zu erklären, dass es Seidl gelang, seinen sorgfältig recherchierten Artikel über die Pressekonferenz bereits zwei Minuten vor Beginn der Veranstaltung zu veröffentlichen.

Leider dürfte die Kugel eine leichte Trübung aufgewiesen haben. So konnte bei Seidl der Eindruck entstehen, Peter Pilz hätte persönlich die Kandidaten vorgestellt. Das alles, „um den Eindruck zu verwischen, die Liste Jetzt sei nur eine One-Man-Show.“ Natürlich: Die simple Tatsache, dass für eine Nationalratswahl gemeinhin mehrere Menschen kandidieren und diese auch der Presse vorgestellt werden, kommt laut Kristallkugel nicht als Motiv in Frage.

Wer wird denn päpstlicher sein als der (Bier-)Papst?

„Pilz präsentierte am Montagvormittag weitere Kandidaten für das neuerliche Antreten bei der Nationalratswahl.“, wusste Seidl zu berichten, und: „Den Vortritt überließ er zunächst der Listen-Obfrau Maria Stern.“ Woher sollte der erfahrene Innenpolitikredakteur auch wissen, dass Pilz sich bereits im Urlaub auf der steirischen Alm befand und daher schwerlich irgendjemanden im ersten Wiener Gemeindebezirk präsentieren konnte?

Leider ließ sich auch der eine oder andere Fehler bei der Schreibung der Namen von Kandidaten nicht vermeiden („Wallach“ statt „Walach“, „Ebenhöchschwimmer“ statt „Ebenhöchwimmer“), obwohl bei der Pressekonferenz zu diesem Behufe Namenslisten an die anwesenden Journalisten verteilt wurden.

So geht Qualitätsjournalismus!

„Die anwesenden“ dürfte hier der Schlüsselbegriff sein. Man muss das verstehen: Die Standard-Redaktion ist immerhin knappe zehn Minuten vom Landtmann entfernt, das ist es nicht zumutbar, vor Ort zu recherchieren, wenn man stattdessen auch frei erfundene Begebenheiten zusammenschreiben kann. Der Kunst ihre Freiheit!

Vor einigen Jahren machte man sich bei den Redaktionskonferenzen des „Standard“ noch über Boulevardblätter lustig, die bloß so taten, als wären sie vor Ort gewesen und deshalb wichtige Fakten durcheinanderbrachten. Die Boulevardmedien des Landes waren heute vor Ort und bemühten sich um saubere Recherche, fragten auch telefonisch noch Details nach, die unklar geblieben waren. Und der „Standard“? Braucht das nicht. Wozu hat er seine Kristallkugel? (red)

Titelbild: APA Picturedesk

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