Wien hat ein neues Besoldungsschema für seine Gemeindebediensteten eingeführt. Dabei profitieren vor allem Angestellte im Gesundheits- und Krankenpflege-Bereich. Allerdings nur neue Angestellte. Die Stadt Wien lässt altgediente Mitarbeiter im Stich, sie sollen für gleiche Arbeit weiterhin schlecht bezahlt werden. Ohne Unterstützung durch die Gewerkschaft mussten sie selbst aktiv werden – sie haben die Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gegründet und erfolgreich protestiert: Gewerkschaft und Stadt sind gezwungen, neu zu verhandeln.

Wien, 31. Juli 2019 / Das reformierte Gehaltsschema für Mitarbeiter, die ab dem 1. Jänner 2018 von der Stadt angestellt werden, sorgt für viel Zorn und Enttäuschung bei allen altgedienten Angestellten. Die rote-grüne Gemeinde Wien und die rote Gewerkschaft Younion (die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten) haben es ausgehandelt – und ihre bestehenden Mitarbeiter durch den Rost fallen lassen.

Die Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ hat sich selbst ans Rechnen gemacht, da weder vom Arbeitgeber (Stadt Wien) noch von der Gewerkschaft FSG Bemühungen gezeigt wurden, die Ungerechtigkeit den Arbeitnehmern gegenüber aufzuzeigen. Hier ein errechnetes Beispiel.
Grafik: Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“

Neue gegen alte Mitarbeiter ausgespielt

Saftige Vorteile für alle neu Angestellten sind wesentlich höhere Einstiegsgehälter bei gleichzeitig flacheren Lohnkurven. Außerdem geht es nicht mehr ums Alter: Bezahlt wird nach Funktion und Leistung. Der Pflegeberuf wird dadurch aufgewertet, harte Arbeit etwas besser bezahlt und dem Personalmangel damit hoffentlich entgegengewirkt. Klingt gut? Ist es auch – der so wichtige Pflegeberuf wird endlich aufgewertet. Aber: Die Stadt ignoriert dabei die 30.000 Angestellten des KAV, die vor dem Stichtag schon für sie gearbeitet haben. Sie sollen weiterhin unter schwersten Bedingungen für schlechte Bezahlung arbeiten.

Zackzack.at spricht mit einer Pflegekraft (anonym) in der Rudolfsstiftung:

 „Wenn ich in das neue Schema optieren könnte, würde ich einen Tag Urlaub verlieren aber 8.500 Euro brutto pro Jahr mehr verdienen. Außerdem werden die Zulagen mit dem 13. Und 14. Gehalt im neuen System auch doppelt ausgefertigt, das ist im alten System nicht der Fall.“

Der Pflege brechen noch mehr Mitarbeiter weg

Von den 30.000 bestehenden MitarbeiterInnen des KAV sind rund 80% Frauen. Ihnen wird nicht die Möglichkeit geboten, an der Aufwertung ihres Berufsstands teilzuhaben. Die neue Gleichberechtigungs-Schiene der SPÖ ist da nicht sehr glaubwürdig. Besonders absurd: Eigentlich sollte die Reform durch Besserbezahlung auch dem Personalmangel im Pflegebereich entgegenwirken. Das geht aber vorerst nach hinten los: Durch die Ungerechtigkeit den alten Mitarbeitern gegenüber kommt es immer wieder zu Kündigungen. Das ist derzeit die einzige Möglichkeit, um durch eine spätere Neuanstellung ins neue, in vielen Fällen besser gestellte Gehaltsschema zu gelangen.

Gewerkschaft fällt eigenen Mitgliedern in den Rücken

Die beschlossene Gehaltserhöhung von 172 Euro brutto für alle im alten Gehaltsschema wirkt wie Hohn. Nahe liegt die Vermutung, dass hier versucht wird, die Bediensteten ruhig zu stellen und bei den Gewerkschaftswahlen nicht allzu viele Wähler zu verlieren: Kundgetan wurde die Einführung der Gehaltserhöhung nämlich kurz vor den Gewerkschaftswahlen. Die Gehaltsunterschiede machen aber immer noch rund 500 Euro aus.

Teresa Roscher, Pflegeassistentin und Pflegesprecherin der Liste – JETZT sagt im Gespräch mit zackzack.at:

 „Die Geringschätzung all jener Pflegekräfte, die bereits lange in den Berufsgruppen etabliert sind, durch die fehlende Optierungsmöglichkeit und den Verlust von Dienstjahren, ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Personalkrise im gesamten Pflegesystem nicht die Relevanz hat, die dringend notwendig wäre.“

Rotes Wien verhandelt mit sich selbst

Die angeschmierten KAV-Mitarbeiter fallen den roten Netzwerken in der Wiener Politik zum Opfer. Die Absurdität schlechthin: Der rote Younion-Gewerkschaftsboss Christian Meidlinger ist gleichzeitig Landtagsabgeordneter und Mitglied im Gemeinderat der Stadt Wien. Er wird selbst von der Stadt Wien bezahlt und ist Stellvertreter von Bürgermeister Ludwig. Wo eigentlich eine Verhandlung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter, der Gewerkschaft, stattfinden hätte sollen, ist eine Verhandlung zwischen Rot und Rot passiert.

Bei der Eröffnung des Skandal-Spitals KH Nord protestierten rund 250 betroffene für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit.
Foto: Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“

Mehr als 15.000 Beschäftigte unterschrieben Petition

Mittels Petitionen fordern Pfleger nun die Möglichkeit, in das neue Vertragsschema zu wechseln. Die zahlreichen Proteste und Demonstrationen haben Stadt und Gewerkschaft zu erneuten Verhandlungen gezwungen. Die Entscheidung, ob alte Mitarbeiter ins neue System optieren können werden, ist für Ende September angekündigt.

Ein betroffener Krankenpfleger in der Rudolfstiftung ist enttäuscht:

„Es ist einfach ein extrem harter Job. Man hat nicht wirklich Karrierechancen, man macht einfach seinen Job. Es kann sich jeder gern mal hier reinstellen und den Job machen, das ist nicht lustig. Dann möchte man auch nicht verarscht werden. Weil das ist eine Verarschung, was sie da gemacht haben mit uns. Und sie haben es ja niemandem gesagt. Das ist komplett intransparent.“

Rote Faulheit: Umstellung wäre zu viel Aufwand

Fairness, Diskriminierungsfreiheit und Transparenz sollte die Reform bringen – so Schlagworte in der Präambel des neuen Wiener Bediensteten Gesetzes. Frust, Benachteiligung und Unmut brachte sie stattdessen für viele Angestellte der Stadt Wien. Jürgen Czernohorsky, Personalstadtrat in Wien, schreibt in seiner Stellungnahme zur Petition: „Die Eröffnung einer Optierungsmöglichkeit wäre noch zusätzlich mit gewaltigen unmittelbar anfallenden individuellen Erledigungen und einem großen zusätzlichen Beratungsangebot verbunden gewesen.“ Wofür werden die vielen Bediensteten bei Stadt und Gewerkschaft eigentlich bezahlt, wenn sie Aufwand für Fairness und Gerechtigkeit gegenüber altgedienten Mitarbeitern scheuen?

(lb)

Titelbild: Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, Demonstration am 7. Mai 2019 am Wiener Ring mit über 1000 Demonstranten

Aktuell

Kickl kommentiert