Man stelle sich vor, der 3-jährige Sohn malt die Wohnzimmerwand mit Ölkreiden an. Für die Aufklärung, wer dahinter steckt, stellen die Eltern ebendiesen 3-jährigen an. Ungefähr so verhält es sich wohl auch mit der sagenumwobenen Historikerkommission, die die „braunen Flecken“ der von früheren Nationalsozialisten gegründeten Partei zum Vorschein bringen soll. Unter den Kommissionsmitgliedern sollen sich vor allem FPÖ-nahe Historiker befinden.

Wien, 05. August 2019 / Heute sollen erste Einblicke in den lange angekündigten und immer wieder verschobenen Historikerbericht der FPÖ gewährt werden. Anstoß war im Frühjahr 2018 die „Liederbuch-Affäre“ des niederösterreichischen Landesparteichefs Udo Landbauer. Kurios: Dieser war kürzlich erst von seinem Rücktritt als Landesparteichef wieder zurückgetreten. In den Liederbüchern der Burschenschaft „Germania zu Wiener Neustadt“ befanden sich NS-verherrlichende Texte. Darunter Passagen wie: „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million“ – eine geschmacklose Anspielung auf den Holocaust. Besonders irre: Schlagende Burschenschaften und deren Verbindung zu den Blauen sind kein Thema der Untersuchungen.

Die gar nicht so unabhängige Kommission

Besonders in der Kritik ist die Zusammenstellung der Kommission. Statt unabhängiger Historiker engagierte die FPÖ parteinahe Wissenschaftler! Dies könnte auch der Grund sein für die freiheitliche Geheimnistuerei um die Zusammensetzung. Teile des Komitees sickerten jedoch bereits an die Öffentlichkeit. Darunter:

Wilhelm Brauneder: Leiter der Kommission. Ehemaliger dritter Nationalratspräsident (1996-1999) und FPÖ-Abgeordneter, Jurist und ehemaliger Universitätsprofessor, regelmäßiger Gastautor bei der rechtsextrem eingestuften Zeitschrift Aula.

Thomas Grischany: Chef von Straches Think-Tank „Denkwerk Zukunftsreich“. In einem Aufsatz sprach er einst davon, dass die Zeit von 1922 bis 1945 nur ein „Probelauf“ des Faschismus darstellen könnte und dass die echte Herrschaft des Faschismus erst bevorsteht.

Lothar Höbelt: FPÖ-naher Historiker an der Universität Wien. Mitglied der politischen Stiftung der AfD, der Desiderius-Erasmus Stiftung. Schrieb an einer Festschrift für den Holocaust-Leugner David Irving mit.

Reinhard Olt: Autor bei der vom Mauthausen-Komitee als „tendenziell antisemitisch“ bezeichneten Zeitschrift „Alles Roger?“

Skurril: Überwacht wird die Kommission von FPÖ-Mandataren und Unterstützern wie Andreas Mölzer, Ursula Stenzel oder Peter Fichtenbauer.

 

Unabhängige Historiker mit massiver Kritik an Zusammensetzung

Anerkannte Geschichtsprofessoren kritisieren die Nicht-Einbeziehung von wissenschaftlichen Fakultäten und die Nicht-Veröffentlichung der Mitglieder. Der Historiker und Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien, Oliver Rathkolb, übt massive Kritik an der Zusammensetzung der Kommission: “So etwas Unprofessionelles hat es noch nicht gegeben. Das ist absolut unüblich und widerspricht den wissenschaftlichen Standards wie Transparenz und Nachvollziehbarkeit“.

Auch der renommierte Universitätsprofessor für österreichische Geschichte, Karl Vocelka, schlägt in dieselbe Kerbe. Er zweifelt an der Unabhängigkeit der Kommission und fragt: „Ob diese Zusammensetzung eine neutrale ist? Und diese hilft, der Wahrheit ans Licht zu kommen?“ 

 

(bf)

Titelbild: Bezirksblatt

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