Wien, 30. August 2019 / Martin Balluch ist österreichweit bekannt als der Tierschützer schlechthin. Der Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) ist doppelter Doktor (Physik & Philosophie), hat darüber hinaus Astronomie und Mathematik studiert und war wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Stephen Hawking, dem brillantesten Wissenschaftler unserer Zeit. Im Interview mit ZackZack.at spricht er über seine Ziele für Tier- und Klimaschutz in der Politik und erzählt, wie ihn Korruption und Lobbyismus im Tierschützer-Prozess finanziell ruiniert und psychisch fast vernichtet haben, er aber gleichzeitig das wahre Land in Form von Solidarität und Unterstützung der Österreicher kennenlernen durfte.

ZackZack.at: Warum kandidierst Du für JETZT – Liste Pilz?

Martin Balluch: Ich kandidiere als unabhängiger Kandidat für Tierschutz und Klimaschutz, weil ich diese Themen ins Parlament tragen will. Die Liste JETZT ist dafür die geeignete Partei, die das am besten unterstützen kann – weil sie nicht in einem ideologischen Eck steht, es geht um Inhalte. Das ist mir gerade im Tierschutz wichtig weil Tierschutz für Menschen aus allen ideologischen Ecken ein wichtiges Thema ist.

ZackZack.at: Du bist bekannt als Tierrechtsaktivist, Tierschützer. Wofür wirst Du Dich im Parlament konkret einsetzen?

Martin Balluch: Ich möchte Weichen stellen für sukzessiven Ausstieg aus der industriellen Tierproduktion. Schritt für Schritt echte Verbesserungen für die Tiere schaffen, sodass ihre Lebensqualität sich verbessert. Auch andere Themen sind mir ein Anliegen, das reicht von Tierversuchen über Jagd bis zu den Haustieren. Im Klimaschutz möchte ich, dass die Bundesregierung den Klimanotstand ausruft. Jede Regierungsmaßnahme muss an der Auswirkung aufs Klima gemessen werden und mittels CO2 Steuer und Einschränkung der Tierproduktion sollen Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz gesetzt werden.

ZackZack.at: Du hast mehrfach Studienabschlüsse und bist Doppel-Doktor. Du hast mit Stephen Hawking zusammengearbeitet und warst in Physik und Mathematik ganz vorne mit dabei. Warum Tierschutz, warum Politik – und nicht Wissenschaft?

Martin Balluch: Ich habe 8 Jahre zusammen mit Stephen Hawking in Cambridge gearbeitet. Wir haben in einem mehrköpfigen Team das Problem des Ozonlochs gelöst, auf Basis meiner mathematischen Berechnungen, die ich in meiner Dissertation zur Entstehung von Sternen anstellte. Im Rahmen der Forschung zum Ozonloch habe ich zum ersten Mal Tierversuche erlebt: Nagetiere wurden rasiert und auf Overhead-Projektor-ähnliche Geräte gespannt. Dann wurden sie bestrahlt um zu schauen, wie lange es dauert bis sie sterben und um sich dann auszurechnen wie lange es bei uns Menschen dauert bis wir sterben. Diese Tiere sind bei lebendigem Leib verbrannt. Und das vollkommen unnötig: weil wir konnten das Problem ja lösen. Das mitanzusehen hat mich nachhaltig beeindruckt – ich habe mich daraufhin mit Tierschutz auseinandergesetzt und begonnen aktiv zu werden.

Die Universität Cambridge, an der ich gearbeitet habe, hat ein Disziplinarverfahren gegen mich geführt, weil ich öffentlich ihre Tierversuche kritisiert habe. Das ist mit einer Verwarnung ausgegangen. England wollte mich auf Grund meines Tierschutzengagements deportieren, ich habe mich gegen Hunde-Hetzjagden des Hochadels eingesetzt. Nur durch Einschreiten von Stephen Hawking und anderen wissenschaftlichen Kapazitäten durfte ich an der Universität bleiben. Ich habe heute noch das Schreiben von Stephen Hawking an den Innenminister, in dem er schreibt, dass junge geniale Wissenschaftler nicht auf Bäumen wachsen und England diese behalten muss. Und er verwies auf freie Meinungsäußerung. Mein Buch „Im Untergrund“ handelt von meinen acht Jahren in England.

Ich habe mich gefragt: Wie kann dieser Wissenschaftler, der die Nagetiere aufgespannt hat, solche Tierversuche machen – und ist dabei ein ganz normaler Mensch? Deshalb habe ich Philosophie studiert und mich in meiner Dissertation diesem Thema gewidmet, wie sich das Mensch-Tier-Verhältnis so entwickeln konnte und dass man Tiere so brutal behandelt.

ZackZack.at: Warum hast Du England verlassen?

Martin Balluch: Weil der Spagat zu groß wurde. Ich konnte mich nicht mehr so engagieren wie ich wollte und bin immer mehr in Konflikt geraten mit Behörde und Staat und Arbeitgeber. Ich bekam das Angebot einer Professur an der Universität Jena. Es war klar: ich kann entweder Karriere machen oder mich für Tierschutz engagieren. Für die Professur hätte ich mein Engagement für Tierschutz aufgeben müssen. Das habe ich emotional nicht geschafft. Zurück in Österreich habe ich mich zuerst einmal ein Jahr ehrenamtlich engagiert, bis ich die Möglichkeit hatte, beim VGT zu arbeiten und ihn mit aufzubauen.

ZackZack.at: Du bist auch durch den sogenannten Tierschützer-Prozess bekannt. Nach einer Untersuchungshaft und jahrelangen Verhandlungen kam der Freispruch, jedoch auch die finanzielle Zerstörung. Wie stehst Du zum Rechtsstaat Österreich, zu Österreich an sich?

Martin Balluch: Der Rechtsstaat kann extrem leicht zerbrechen. Er ist total fragil, wir müssen darauf aufpassen. Wir als protestierende Menschen sind den Reichen total ausgeliefert. Die haben jederzeit das Geld dafür, den Killer-Squat vorbeizuschicken.

Als mich die Polizei überfallen hat in der Nacht und mir die Pistole an den Kopf gehalten hat, mir Wohnung und Büro leergeräumt hat, mich in Haft gesteckt hat und ich 6 Tage in Isolationshaft war und mit niemandem reden konnte, habe ich beschlossen, das Land zu verlassen. Dann habe ich aber durch diese ganze Geschichte so unglaublich große und starke Solidarität erlebt. So viele Menschen haben mich unterstützt und die Solidarität auch nach der Haft war so unglaubliche, unendliche Solidarität: mir wurde eine Wohnung angeboten, damit ich mich in meiner eigenen nicht vor einem erneuten Überfall durch die Polizei fürchten muss. Ein Mann kam zu mir und sagte, er geht mit mir jetzt in ein Elektronikgeschäft und ich kann mir um sein Geld einen Laptop kaufen, um sicher zu sein, dass er nicht überwacht ist, und dann sehen wir uns nie wieder. Der nächste ging mit mir ein Fahrrad kaufen. Alles, um sicher zu sein, dass da keine GPS Tracker etc. drin sind. Das alles hat mir klar gemacht: die Menschen hier sind völlig ok. Es sind nur diese grässlichen Netzwerke, die Agrar-Lobbyisten, die ihre Macht missbrauchen, sind das Problem. Ich finde Österreich toll, aufgrund der Menschen.

ZackZack.at: Wenn Du Dich nicht für Tiere einsetzt, was machst Du in Deiner Freizeit?

Martin Balluch: Ich suche mir gerne Urwälder. Einen Wald, der seinen Namen verdient: dort setze ich mich hin und sauge die Atmosphäre in mich auf. Ich bin in Elternkarenz und verbringe viel Zeit mit meiner wunderbaren Tochter. Momentan passiert kaum etwas ohne sie – morgen gehen wir gemeinsam in den Wald.

ZackZack.at: Zum Abschluss: Schnellfragerunde. Das höchste Gut in unserem Land ist …?

Martin Balluch: Demokratie

ZackZack.at: Einsame Insel, wen würdest Du mitnehmen? HC oder Philippa Strache?

Martin Balluch: Um Himmels Willen! Philippa, die ist weniger schlimm. Hoffentlich kokst die nicht. Dann ist es verträglicher.

ZackZack.at: Auf welche Handy-App willst Du nicht mehr verzichten?

Martin Balluch: Signal, weils verschlüsselt ist und der Staat nicht mitlesen kann hoffe ich.

ZackZack.at: Hund oder Katze?

Martin Balluch: Hund

ZackZack.at: Danke für das Gespräch!

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

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