In Wien tobt ein Kampf osteuropäischer Geschäftsleute. Die Methoden: Fragwürdig. Die Beteiligten: teilweise dubios. Mittendrin: Prominente Politiker von SPÖ und FPÖ. Es geht auch ums Güssinger Wasser, doch wer über Güssinger spricht, meint viel mehr. Es ist ein Krimi, der Justiz und Banken in Atem hält.

Wien, 18. September 2019 / Im Kalten Krieg war Wien Tummelplatz für ausländische Spione. Heute ist die Stadt der Schauplatz eines Showdowns zwischen russischen und bulgarischen Investoren und ihren politischen Kontakten. Die Geschichte hält alle Investigativjournalisten des Landes auf Trab. Mindestens vier Redaktionen werden von wenigstens einer der beiden Seiten mit Informationen gefüttert. So soll öffentlicher Druck auf den Gegner ausgeübt werden. ZackZack.at hat mit beiden Seiten ausführlich gesprochen. Unsere Redakteure haben sich durch dicke Stapel von Justizakten, Gesprächsprotokollen und Bankbelegen gewühlt. Jetzt veröffentlichen wir erstmals den Kern einer Geschichte, die Verzweigungen unter anderem nach Russland, Bulgarien, Ukraine, Liechtenstein und eben Österreich hat.

Ein Oligarch in Nöten

Andrei K. ist kein Oligarch wie Oleg Deripaska. Er backt deutlich kleinere Brötchen. Doch das Firmengeflecht des Russen mit österreichischem Pass ist beachtlich. K. ist schon lange im Geschäft. Zu seinen Freunden und Geschäftspartnern zählen unter anderem Ex-SPÖ-Minister und FPÖ-Politiker. Die Umstände, unter denen K. Geschäfte macht, sind rau. Stolz zeigt er eine lange Messernarbe, die sich über seinen Oberkörper zieht – Ergebnis „russischer“ Geschäftspraktiken.

Andrei K. wird selbst von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, Mitglied der „Diebe im Gesetz“ – so das Codewort für eine Fraktion der Russenmafia – zu sein. Am Höhepunkt der Auseinandersetzung mit seinen bulgarischen Konkurrenten soll K. die Ermordung von deren Anführer in Auftrag gegeben haben. Dazu später mehr.

Am Beginn der Auseinandersetzung stehen wirtschaftliche Sorgen. Das Kernstück von K.s Firmengeflecht, die E&A GmbH, ist bei der russischen VTB-Bank hoch verschuldet. Ein hochrangiger Banker der VTB wechselt zur Sberbank Europe und nimmt K.s Kredit sozusagen mit. Als Sicherheiten dienen Vermögenswerte der E&A, darunter Logistikterminals in Russland, Dividendenrechte an einer Privatfluglinie, deren Aufsichtsratsvorsitzender Ex-SPÖ-Finanzminister Andreas Staribacher war, und Verwertungsrechte am Güssinger Mineralwasser.

Das Firmengeflecht von Andrei K. Die AvconJet AG hat mittlerweile neue Besitzer. Grafik: Zackzack

Ein alter Bekannter aus der FPÖ

Hier ist der Geschäftsfreund und mutmaßliche Strohmann des Ex-FPÖ-Abgeordneten Thomas Schellenbacher, ein Ukrainer namens Anatolii B., seit 23.07.2019 Geschäftsführer. (Schellenbacher ist jener Abgeordnete, für dessen Mandat ein Ukrainischer Oligarch zehn Millionen Euro an die FPÖ gezahlt haben soll – Zackzack.at berichtete.)

Mit der Umschuldung beginnt die Misere. Denn die Sberbank macht per Schiedsverfahren Druck auf K. Dieser hat Schwierigkeiten, Geld zur Begleichung seiner Schulden aufzutreiben. Nun wird die Sache vertrackt.

Auftritt: Der Retter

In dieser brenzligen Situation bietet ein wegen Betrugs vorbestrafter bulgarischer Geschäftsmann, Stoyan S., an, die Schulden K.s aufzukaufen. Abgewickelt werden soll das über die Regent Capital AG. Stoyan S. ist dort über eine liechtensteinische Stiftung Mehrheitseigentümer. S. setzt einen langjährigen Geschäftspartner, den Schweizer Thomas S. als Geschäftsführer in der E&A ein. Er soll dafür sorgen, dass der Deal glatt über die Bühne geht. Thomas S. gerät damit zwischen die Fronten eines schnell eskalierenden Konflikts. Der Plan des Bulgaren war laut Thomas S., die Schulden der E&A fällig zu stellen, im Wissen, dass K. nicht flüssig ist. So soll Regent auf die Vermögenswerte der E&A, die als Sicherheiten für den Kredit dienen, zugreifen und sie gewinnbringend verkaufen können.

Doch, so Thomas S.: Die Regent hat nicht genug Geld, um der Sberbank die Schulden der E&A abzunehmen. Sie muss sich also selbst Geld von einer Bank leihen. Dafür benötigt sie Sicherheiten. Und nun passiert Seltsames: Die E&A überträgt ihre Vermögenswerte – die zuvor als Sicherheiten für die Sberbank dienten – für einen Euro an Stoyan S.‘ Firma Nordinvest. Der bulgarische Unternehmer hält nun also sowohl die Vermögenswerte der E&A als auch die offenen Forderungen gegen sie.

Ein Schuss nach hinten?

Doch es scheint, als wäre der Plan von Stoyan S. nicht aufgegangen. Am selben Tag, an dem die Vermögenswerte der E&A an Regent gehen, erwirkt die Sberbank eine einstweilige Verfügung beim Bezirksgericht Josefstadt. Die Vermögenswerte der E&A werden vorläufig eingefroren. Brisant daran: Das Gericht stellt fest, dass die Sicherheiten der E&A wenigstens teilweise wertlos sind. Die Hypotheken auf russische Liegenschaften wurden nie im russischen Grundbuch eingetragen. Das Garantieversprechen einer weiteren von K.s Firmen ist gegenstandslos, weil das Unternehmen mittlerweile in Konkurs ist. Und Güssinger?

Herbert A., ein Vertreter von Stoyan S. behauptet, auch die Verwertungsrechte am burgenländischen Wasser wären wertlos, weil Güssinger mit Leitungswasser gepanscht werde. A. hat eine entsprechende Anzeige erstattet. Ob diese Vorwürfe stimmen, ließ sich nicht eruieren.

Thomas S. bestreitet die Wertlosigkeit der Vermögenswerte der E&A, die er auf 35 Millionen Euro schätzt. Der ursprüngliche Kredit der E&A bei der Sberbank sei damit überbesichert gewesen. Beide Seiten fühlen sich nun voneinander betrogen. Gegenseitige Anzeigen sind da noch das gelindeste Mittel.

Ein Mordauftrag unter Geschäftspartnern?

Am 07. Juni 2019 klicken bei Andrei K. die Handschellen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Mitglied einer Gruppierung der Russenmafia, der sogenannten „Diebe im Gesetz“ zu sein. Er soll außerdem einen Auftragskiller angeheuert haben, um Stoyan S. ermorden zu lassen. Die angeblich beauftragte Person gibt das in einer ersten Vernehmung auch zu, relativiert aber später: Der Auftrag sei auf Russisch mehrdeutig, es könnten auch andere Lösungswege als Mord gemeint gewesen sein. Dieser Zickzackkurs erscheint dem Oberlandesgericht unglaubwürdig, K. wird aus der U-Haft entlassen.

Wenige Wochen später gab es ein unangenehmes Aufeinandertreffen der verfeindeten Parteien. Wie der „Kurier“ berichtete, kam es bei einem Treffen im Wiener Palais Coburg, an dem auch Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus teilnahm, zu Handgreiflichkeiten.

Politiker verwickelt

In der Causa sind viele Fragen offen. Eine politisch relevante lautet: Wieso machen namhafte Politiker von SPÖ und FPÖ, darunter Ex-Finanzminister Andreas Staribacher (SPÖ), Ex-Innenminister Franz Löschnak (SPÖ), Ex-Klubobmann Johann Gudenus (FPÖ) und Ex-Nationalrat Thomas Schellenbacher (FPÖ), die allesamt alte Bekannte oder Geschäftspartner von Andrei K. sind, in diesem Umfeld Geschäfte?

Und noch eine drängende Frage ist offen: Als Gudenus und Strache auf Ibiza der vermeintlichen ukrainischen Oligarchin einen Deal mit österreichischem Wasser vorschlugen, musste Güssinger gemeint gewesen sein – es ist die einzige Quelle, zu der der die FPÖ über Andrei K. und seine Geschäftsfreunde Schellenbacher und Gudenus Zugang hat. Im Juli 2017, zum Zeitpunkt der Entstehung des Ibiza-Videos, war K. bereits hoch verschuldet. Güssinger gehörte zu seinem Firmengeflecht. Wollten Gudenus und Strache der angeblichen Oligarchin also die Schulden ihres Bekannten Andrei K. aufschwatzen?

Einmal mehr zeigt sich: An der Ibiza-Affäre ist noch mehr dran, als man auf den ersten Blick erkennt.

(red)

Titelbild: Adobe Stock

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