1998 wusste Gerhard Schröder: Fürs Kanzleramt braucht er Bier und die BILD-Zeitung. Mit diesem Linkspopulismus schaffte er damals für die Roten 41 Prozent. Etwas Vergleichbares gab es in der Zweiten Republik nie. Kreisky, Vranitzky, sie alle waren auf eine andere Art erfolgreich. Womit sich die Sozialdemokraten in beiden Ländern allerdings ähneln, ist ihr steter Niedergang. Die SPÖ droht nach der herben Pleite am Sonntag die gleichen Fehler zu machen, wie ihre Schwester im Norden.

 Wien, 01. Oktober 2019 / Es hätte schlimmer kommen können. Für den Wahlsonntag hatten einige Beobachter des Politgeschehens eine noch schwerere Niederlage der SPÖ vorhergesagt. Die knapp 21% tun den Roten zwar weh. Aber offenbar nicht so sehr, dass ernsthafte Konsequenzen gezogen werden. Die Talsohle scheint noch nicht erreicht.

Skurril: Wahlkampfmanager wird nach Niederlage befördert

Es gibt zum Teil völlig absurde Parallelen der desaströsen Sozi-Wahlkämpfe der SPD (2017) und der SPÖ (2019). Die Verantwortlichen der Niederlage übernehmen nur zum Teil Verantwortung. Irre: Einige retten sich sogar nach oben! Christian Deutsch, Wahlkampfleiter von Pamela Rendi-Wagner, wird für einen inhaltsleeren Wahlkampf belohnt und ersetzt den scheidenden Thomas Drozda als Bundesgeschäftsführer. Das erinnert an die SPD: Der damalige Wahlkampfleiter von Martin Schulz, Ex-Generalsekretär Hubertus Heil, wurde für das schlechteste Ergebnis der Geschichte ebenfalls verwöhnt. Er wurde Arbeitsminister der neuen „Großen“ Koalition.

Dornauer, Herr, Fußi und Co.: Schlammschlacht fängt erst an

Ganz so einfach geht das mit dem Wegwischen der Pleite nicht – auch wenn Rendi-Wagner allen Ernstes noch am Wahlabend verkündete: „Die Richtung stimmt“. Denn jetzt ist auch die Zeit der Spaltpilze, Besserwisse und Ideologen. Die SPÖ droht, in alle Einzelteile zu zerfallen. Der oft ungeschickte und teils jenseitige Tiroler Landeschef Dornauer sieht allen Ernstes einen Grund der Niederlage im Namen der Parteichefin. Man habe die FPÖ-Wähler nicht erreicht wegen Rendi-Wagners Doppelnamen. So geht also rote Aufarbeitung. Julia Herr macht den Kevin Kühnert und will die Chance nutzen, um pure Ideologie frisch aus dem Hörsaal 1 zu 1 umzusetzen. Bei einem hatte sie Recht: Wenn man nicht solidarisch untereinander umgehen würde, sei das der Untergang der Sozialdemokratie. Berater-Urgestein Rudi Fußi wählt einen anderen Weg und greift Partei sowie Spitzenkandidatin scharf an: „Es ist so eine Verarschung.“

Menschlichkeit siegt – die SPÖ nicht

Wie es wirklich weitergeht, wird man in den kommenden Wochen sehen. Schön wird es nicht werden. Aber wird die SPÖ kapieren, dass der Weg des Nichtssagenden und akademisierten Allerlei in die Sackgasse führt? Jetzt, nachdem Peter Pilz und sein Team nicht mehr im Nationalrat vertreten sein werden, wäre eigentlich eine neue Flanke offen. Ein gesunder Linkspopulismus mit klarer Sprache und Volksnähe, der auf Hetze gegen Schwächere verzichtet, wäre eine mehrheitsfähige Variante. Solange man aber seichte Plakatkampagnen wie „Menschlichkeit siegt“ fährt, ist die Talsohle noch nicht erreicht. Früher hieß es mal, die SPÖ siegt. Derzeit scheint das mehr als illusorisch.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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