In der aktuellen Raumfahrt besitzt Russland ein durchaus beachtliches Alleinstellungsmerkmal: das Progress-Raumschiff. Kein anderes System kann derzeit den Personalwechsel auf der ISS, der internationalen Raumstation, durchführen. Als der Westen seine Sanktionen wegen der Annexion der Krim aussprach, polterte Dmitrij Rogosin, der derzeitige Chef der russischen Weltraumagentur Roskomos vollmundig: „Dann müssen die Amerikaner künftig mit dem Trampolin zur ISS starten“.

Wien, 07. Oktober 2019 / Das sind prahlerische Worte des Raumfahrtverantwortlichen. Ein Blick auf die russische Raumfahrt offenbart schnell ein trauriges Bild. Managementversagen, Selbstüberschätzung und zweifelhafte strategische Planung sind die Zutaten. Die Technik der derzeit so „einzigartigen“ Progress-Raumschiffe stammt auf den späten 1960er Jahren. Modernes hat Russland wenig anzubieten, sieht man mal von für die Raumfahrt angepassten, teilweise unzuverlässigen Interkontinentalraketen ab. Amerika hat das deutlich modernere Spaceshuttle schon seit Jahren ins Museum verbannt.

Beinahe Katastrophe im letzten Herbst

Doch so zuverlässig sind die Progress-Raumschiffe nicht. Im Oktober 2018 mussten zwei Raumfahrer, die zur ISS gestartet waren, nach einem Treibwerksausfall notlanden. Dabei hatten die beiden großes Glück: die Kapsel mit dem Raumfahrer wurde 2:45 Minuten nach dem Start, wie bei einem Notfall vorgesehen, abgesprengt. Qualitätsprobleme in der Fertigung sollen die Ursache für diese beinahe Katastrophe gewesen sein. Letztlich ist das ein für die gesamte bemannte Raumfahrt problematischer Zustand. Außer den Progress-Raumschiffen kann kein bemanntes Fahrzeug die Internationale Raumstation erreichen.

Rogosin sollte es laut Putin richten

Der frühere Vizeregierungschef und Hardliner Dmitrij Rogosin wurde 2018 von Putin installiert, um die Raumfahrt in Russland aus der Sackgasse zu führen. Doch außer Spott und Häme auf sich zu ziehen, hat Rogosin bisher wenig erreicht. Ein russisches Start-Up schickte einen Rogosin aus Pappe in einem roten Lada mittels Höhenballon ins „Weltall“. Es war eine Anspielung auf Elon Musk und seinem Falcon-Heavy-Projekt. Das Parodievideo dieser Pappmascheaktion wurde in Russland zum Internethit.

Die tiefe Krise

Ein genauer Blick zeigt: fast alle Projekte in der russischen Raumfahrt stecken in der Krise. Die neue Trägerrakete Sojus-5, die seit 2009 entwickelt wird, gilt schon vor ihrem ersten Einsatz, der für das Jahr 2024 geplant ist, als veraltet. 2024 ist übrigens genau der Zeitpunkt, an dem die ISS stillgelegt werden soll. Grotesk: Exakt zur Versorgung der ISS wird die Sojus-5 eigentlich entwickelt. Der Entwicklungsrückstand ist offensichtlich.

Das Kosmodrom Wostotschny, der 2016 eröffnete neue Weltraumbahnhof, kann derzeit nur für unbemannte Missionen genutzt werden, da die Sojus-Systeme nicht für eine Wasserlandung ausgelegt sind. Durch einen Planungsfehler wurde ein Teil der Montagehallen zu klein dimensioniert, sodass die bewährte Sojus-2.1-Rakete in Wostotschny gar nicht zusammengebaut werden kann. 2015 traten die Arbeiter in einen Hungerstreik, weil ihnen die Löhne vorenthalten wurden. Verantwortlich für den Bau war damals, richtig, Dmitrij Rogosin.

Ablenkungsmanöver Mondmission

Nun steht eine für 2030 geplante Mondmission ganz oben auf der Aufgabenliste von Rogosin. Er will damit vor allem Putin gefallen. Scherzhaft meinte Rosogin: „Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, zu fliegen und zu überprüfen, ob sie (Anmerkung: die Amerikaner) dort waren oder nicht.“ Das dazu nötige Raumschiff mit dem Namen Federazija liegt in seiner Entwicklung jedoch Jahre hinter dem Zeitplan. Als Versorgungsraumschiff und Nachfolger der Progress geplant, war dessen möglicher Einsatz schon in der Planungsphase viel zu teuer für diese Aufgabe. Nun muss es eben zum Mond fliegen.

Auf den Spuren von Elon Musk

Trotz all dieser wenig erbaulichen Tatsachen träumt Dmitrij Rogosin von einer wiederverwendbaren Rakete. Die bereits erfolgreiche eingesetzte Falcon-Technologie von Elon Musk ist das Vorbild. Dabei soll ein Raketenstart aber nur halb so teuer sein, wie beim Falcon-System. Ein wirklich ambitioniertes Vorhaben für die russische Raumfahrtindustrie in dieser für sie schwierigen Situation. Der Blick auf China und die privaten Initiativen in den USA zeigt, dass es auch anders gehen kann. Dabei ist keine Schadenfreude angesagt. So muss doch gerade Europa aufpassen, nicht ins Hintertreffen zu geraten.

(sm)

Titelbild: APA Picturedesk

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