Das Murkraftwerk Graz blickt auf eine lange, protestreiche Geschichte zurück. Umweltorganisationen und die Bürgerinitiative liefen Sturm gegen das Projekt – erfolglos. Gestern wurde es eröffnet. Darüber wurde zwar umfangreich berichtet, Gegenstimmen zum Projekt kamen allerdings kaum zu Wort.

Graz, 10. Oktober 2019 / Bei der gestrigen Eröffnung des Murkraftwerks Graz-Puntigam soll Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) eine Wutrede gehalten haben. Seinem Frust konnte er dabei bei starker Medienpräsenz Luft machen. Kraftwerksgegner waren nicht vor Ort – was vermutlich auch an der sehr kurzfristig ausgesendeten Einladung liegt. Die österreichische Medienlandschaft präsentiert ein merkwürdig einseitiges Bild. ZackZack.at beleuchtet die andere Seite.

Hintergrund Murkraftwerk

ZackZack.at hat bereits über die Problematik und den Steuerwahnsinn des Projekts berichtet. Die Entstehung des Kraftwerks ist von Protesten und Verzweiflung auf Umweltschützer-Seite begleitet. Jahrelang protestierten Umweltschutz-Organisationen und die Initiative „Rettet die Mur“ gegen das Projekt. Sie machten auf die irreversiblen Schäden am Ökosystem der Mur sowie auf die massiven Baumrodungen aufmerksam. Die Initiative „Rettet die Mur“ hat zusammen mit dem WWF eine Studie über die Unwirtschaftlichkeit des Projekts veröffentlicht. Peter Pilz und weitere haben Bürgermeister Nagl und den Finanzstadtrat Rüsch bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft angezeigt. Denn das Projekt ist nicht nur für Natur und Umwelt eine nachhaltige Schädigung, sondern auch für die Grazer Steuerzahler. Entgegen aller Einwände wurde gebaut – und dabei geschickt zum Vorteil für die Bauwirtschaft und die betreibende Kraftwerksgesellschaft, aber zum Nachteil für Umwelt und Steuergelder der Grazer, interveniert.

Verdrehende „Wutrede“ von Nagl

In seiner trotzigen Wutrede soll Nagl sein Projekt als das größte Klimaschutzprojekt der Stadt Graz angepriesen haben. Dabei setzte er mehrfach Seitenhiebe auf die jahrelang protestierenden Organisationen und Initiativen ab. Er nannte namentlich Oppositionspolitiker, die ebenso mobil machten gegen das ihrer Meinung nach höchst unwirtschaftliche und naturzerstörerische Projekt. Er sagte zudem, dass genau jene, die jetzt bei den Klimademos ganz vorne dabei wären, gegen sein Vorzeigeprojekt im Klimaschutz heftigst protestiert hätten.

Wenige kritische Stimmen in Berichterstattung

Die Bürgerinitiative „Rettet die Mur“ hat mit Abstand am stärksten gegen das Projekt mobilisiert. Dass sie in der Berichterstattung kaum zu Wort kommt, spricht für sich. Gabriele Faller hatte im Namen der Initiative eine Stellungnahme an den ORF Steiermark geschickt. Diese wurde nur in einem Satz gewürdigt, während, so Faller, Bürgermeister und Energie Steiermark, die Eigentümerin der kraftwerksbetreibenden Gesellschaft, ausführlich Raum erhielten:

Screenshot von Gabriele Fallers Facebook-Post

Bei der Eröffnung war niemand von den Kraftwerks-Kritikern anzutreffen. Das lag laut Auskunft der Initiative an der sehr kurzfristigen Einladung. Immerhin Elke Kahr von der KPÖ und der Umweltdachverband werden als kritische Stimmen des Projekts präsentiert. Elke Kahr bringt es auf den Punkt: Der Gedanke des Umweltschutzes würde ad absurdum geführt, wenn das Mur-Kraftwerks-Projekt als Umweltschutzprojekt präsentiert wird. Es könne kein Umweltschutzprojekt sein, wenn dafür Tausende von Bäumen gerodet wurden und die letzten Kilometer einer natürlichen Mur verschwunden sind.

Grüne verhalten

Wie die KPÖ haben sich die Grazer Grünen von beginn intensiv für die Protestbewegung eingesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Haltung der Grünen nicht durch die Koalitionsverhandlungen aufgeweicht wird – dann würde ein ähnliches Schicksal wie das der Tiroler Grünen drohen: ZackZack.at hat über ein Kraftwerksprojekt in Tirol berichtet, bei dem die Grünen als Koalitionspartner der Schwarzen gute Miene zum bösen Spiel zeigen – und entgegen sämtlichen Sturm laufenden Umweltorganisationen brav mitmachen.

(lb)

Titelbild: Sigrid Schönfelder

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