In unserer dritten Folge beleuchten wir den Einmarsch türkischer Truppen in Nordsyrien zur Niederschlagung der kurdischen Freiheitskämpfer. Wer hat welche Interessen? Welche Rolle spielt Europa? Und: was bedeutet die Militäroffensive für die internationale Sicherheit?

Wien, 10. Oktober 2019 / Laut Augenzeugenberichten hat die Offensive der Erdogan-Truppen bereits tausenden Menschen in Nordsyrien das Leben gekostet. Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums hat die türkische Armee ganze 181 Ziele angegriffen. Ziel ist vor allem die YPG, eine kurdische Miliz, die von Erdogan als terroristisch eingestuft wird. Die YPG trug die Hauptlast im Kampf gegen den IS und wurde deshalb von der USA unterstützt – und bis vor kurzem geschützt.

Was ist vorgefallen?

US-Präsident Donald Trump hatte verkündet, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen. Daraufhin war der Weg für Erdogan frei, die verfeindeten Kurden im Norden des Nachbarlandes anzugreifen.

Die Rolle der USA

Der Abzug der US-Truppen ist aus mehreren Gründen problematisch: Die USA galten bisher als Schutzmacht der Kurden, da diese die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) maßgeblich in die Flucht schlugen. Genau das wird nun von US-Seite als Vorwand für den Rückzug benützt, da die Gefahr des IS angeblich gebannt und damit der Auftrag der USA in Syrien vollendet sei. Kritiker werfen Trump vor, mit dem Abzug aus Syrien den IS wieder zum Leben zu erwecken. Damit befindet sich der US-Präsident in der „Afghanistan-Falle“. Ein schneller Abzug kann das Problem, das man bekämpft hat, sofort wiederaufleben lassen. Zudem fällt Trump den Kurden als Verbündete in der Region in den Rücken. Das könnte nachhaltige Folgen für die USA haben, die nun wohl große Schwierigkeiten haben werden, Verbündete in anderen Konflikten zu finden. Das Vertrauen zu den Kurden ist langfristig zerstört. Zu Europa auch: Trump gibt offen zu, dass er mit seinem Schritt die Sicherheit Europas gefährdet. Das bringt ihm selbst in der eigenen Partei harsche Kritik ein.

Türkische Interessen und Ideologie

Die Rolle der Türkei ist relativ klar: Sie will einen autonomen Kurdenstaat an der Landesgrenze verhindern. Für Erdogan waren die Kurden immer Erzfeinde. Einerseits hat dies ideologische Gründe: Die islamistisch-erzkonservative AKP-Partei von Erdogan erkennt die Kurden nicht als eigene Volksgruppe an. Für den Staatspräsidenten der Türkei gibt es nur „entweder Türken oder Terroristen“. Andererseits verfolgt die Türkei auch strategische Interessen. Die instabile, von Krieg gebeutelte Region, bietet der Türkei ideale Bedingungen für Expansionsgelüste. Die alte neo-osmanische Ideologie, wonach die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches Anspruch auf mehr Territorium in der Region hätte, ist in der Erdogan-Partei nach wie vor beliebt. Das Hauptargument der Türken für die Offensive ist die Nähe der Kurdenmiliz YPG zur Terrororganisation PKK, dem Todfeind Erdogans. Die YPG pocht allerdings auf ihre Unabhängigkeit von der PKK.

Die Grafik zeigt das beschriebene Gebiet. Bild: zbruch, istockphoto.com. Grafik: ZackZack

Weitere Player und die internationale Sicherheit

Im Grunde wollen alle relevanten Player über die Zukunft Syriens mitbestimmen und etwas vom „Kuchen abhaben“. Russland übt via „Marionette“ Assad Einfluss in der Region aus und will diesen stabilisiert wissen. Moskau will mit Assad zudem einen Vertrag zur Übernahme des Hafens von Tartus schließen. Dort unterhält Putin bereits eine Marinebasis. So ist der wichtige Zugang zum Mittelmeer gesichert. Solange Erdogan Putin nicht zu nahe kommt, gibt es hier wohl keine Kollision. Im Wesentlichen spielt die Offensive Russland und Iran sogar in die Karten: die noch verbliebene Opposition ist nun aller Vorrausicht nach zu Verhandlungen mit Assad gezwungen. Israel ist derweil in Alarmbereitschaft: Der mit Assad verbündete Iran könnte den freiwerdenden Landkorridor nutzen, um der libanesischen Hisbollah-Miliz Waffen zu liefern. Der Schattenkrieg zwischen den verfeindeten Staaten Israel und Iran könnte somit eine neue Eskalationsstufe erfahren.

Was macht eigentlich Europa?

Das weiß es wohl selbst nicht, da es in diesem Konflikt – wie so oft – nicht ein Europa gibt. Frankreich und Großbritannien spielen ihr eigenes Spiel. Das dürfte nun allerdings schwieriger werden, denn ohne die USA sind die Spezialeinheiten der zwei europäischen Staaten kaum aufrechtzuerhalten. Die strategische Bedeutungs- und Hilflosigkeit Europas ist in Syrien schon seit Anbeginn des Konfliktes zu beobachten. Verlierer des Machtvakuums sind vor allem Hilfsorganisationen und damit Zivilisten. Die viel gepriesene Hilfe vor Ort wird immer schwieriger durchführbar, es geht vor Ort ausschließlich um knallharte Interessen. Wenn die Kämpfe in der Region wieder aufflammen, werden sich wohl erneut einige Menschen auf die Flucht begeben müssen. 

(wb) 

 

Titelbild: APA Picturedesk

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