„Was hier passiert, ist eine demokratische Revolution!“, erzählt uns Maurici Jaumandreu im Interview. Er gibt tiefe Einblicke über die Situation in Katalonien und über den spanischen Zentralstaat. Im Interview beschwert er sich auch, dass Europa die Revolution noch immer nicht als das sieht, was sie ist. Die Unabhängigkeitsbestrebungen vor der eigenen Haustür bekämen nicht die mediale Aufmerksamkeit, die sie verdienen. ZackZack.at organisierte ein Exklusivinterview.

ZackZack.at: Wie bist du an der Bewegung beteiligt?

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung wird von vielen verschiedenen Parteien und Organisationen mitgetragen. Ich bin seit über 20 Jahren in einer sozialistischen Partei organisiert und unterstütze über diese die Bewegung. Allerdings haben die aktuellen Ereignisse, die in Katalonien seit dem 14. Oktober passieren, weder mit politischen Parteien, noch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zu tun. Wie der größte der Teil der Bewegung, folge auch ich den Aufrufen, die über zwei Telegram-Gruppen kommen. Auch die CDR (Komitee zur Verteidigung der Republik, ein Netzwerk aus autonomen, selbst-bestimmten Aktivisten, die sich in der Nachbarschaft organisieren, red.) ruft immer wieder zu Aktionen auf.

ZZ: Vor zwei Wochen gab es in Katalonien einen Generalstreik. Wie hat dieser das tägliche Leben beeinflusst und war der Streik von der gesamten Bevölkerung getragen?

Der Generalstreik war nur eine von verschiedenen Aktionen, um die Ablehnung der Katalanen über die Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofes zu zeigen. Dort wurden mehrere katalanische Politiker mit bis zu 100 Jahren Haft verurteilt, weil sie ein Referendum über die Unabhängigkeit initiiert haben. Das Land stand größtenteils still. Aber vergessen wir nicht: Das Referendum vom 1. Oktober 2017 war eines der größten Aktionen von zivilem und gewaltfreiem Ungehorsam in Europa. Spanien antwortete darauf mit Tausenden von Para-Militärs und Polizisten, um die pazifistischen Wähler zu unterdrücken. Die Polizeigewalt von diesem Tag ist hier sehr gut dokumentiert.

ZZ: Letztes Wochenende kam es erneut zu Demonstrationen, auch zu pro-spanischen. Wie groß waren sie?

Ja, am Sonntag kam es auch zu einer Demonstration für die spanische Einheit. Laut den Zahlen, die aus den Institutionen der Spanier kommen, nahmen 80.000 Menschen daran teil. Wahrscheinlich waren es weniger. Doch am Tag davor, am Samstag, waren mindestens 350.000 Menschen in Katalonien auf der Straße. Auch diese Zahlen kommen von der spanischen Polizei. Man kann davon ausgehen, dass es weit mehr waren. Wir hatten in den letzten Jahren jedenfalls Tage, an denen auch Millionen auf der Straße waren.

ZZ: Wie reagierte die Polizei dieses Wochenende? Gibt es bestätigte Zahlen an Verletzten und Verhafteten?

Wie immer reagierte die Polizei mit Gewalt. Ich weiß nicht, wie viele verletzt wurden, denn die Zahl steigt täglich. Es sind jedenfalls Hunderte seit dem 14. Oktober. Seitdem wurden mindestens 39 Personen von der spanischen Polizei verhaftet.

ZZ: Über die sozialen Medien bekommt Europa eine Vielzahl an hässlichen Bildern von Polizeigewalt präsentiert. Geht Spanien gegen unverhältnismäßige Polizeigewalt vor?

Die spanische Polizei genießt nach wie vor völlige Freiheit, wenn es darum geht, die Unabhängigkeitskämpfer zu attackieren. Um die Wurzel des Problems mit der spanischen Polizei zu verstehen, muss man sich die jüngere spanische Geschichte ansehen. Nach dem Tod von Franco aktivierte das faschistische Spanien einen Plan von Franco, der sicherstellt, dass der Staat diktatorische Prinzipien im Sinne der spanischen Einheit weiter durchsetzt. Die spanische Polizei hat nach wie vor diese Befugnisse, weil die spanische Staatsjustiz nach wie vor jenen Prinzipien folgt, wenn es um Unabhängigkeitsbewegungen geht.

ZZ: Es sieht nicht so aus, als würde Spanien aufgeben und Katalonien die Unabhängigkeit geben. Was erhofft sich die Bewegung, was ist das große aktuelle Ziel?

Wir Katalanen warten seit 1714 auf unsere Unabhängigkeit, nachdem diese von Spanien in einem Krieg zerstört wurde. Wir wissen, dass der Kampf für die Freiheit weitergehen wird. Es ist gerade sehr wichtig, dass die Welt versteht, was hier passiert und auch, dass sich Spanien wie ein faschistischer Staat verhält und die spanischen Autoritäten verlieren jede Glaubwürdigkeit. Das größte Problem ist aber, dass die meisten internationalen Medien den katalonischen Konflikt als einen inneren Konflikt des spanischen Staates ansehen. Aber was hier passiert, ist eine demokratische Revolution. Es ist nicht vorauszusagen, wie sich die Situation entwickelt, aber es ist außerordentlich wichtig, dass Europa die demokratischen Werte und Bürgerrechte verteidigt. Unser großes Ziel ist ein friedliches, gut geschütztes Referendum, um dieses politische Problem demokratisch zu lösen.

ZZ: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person: Maurici Jaumandreu ist 41 Jahre und lebt in Cerdanyola del Vallès, eine mittelgroße Stadt nahe Barcelona. Er wuchs in Katalonien auf und verbrachte den Großteil seines Lebens dort. Er ist Doktor der Philosophie und Pädagoge. Maurici arbeitete als Journalist und unterrichtet Philosophie und Literatur. Er ist Herausgeber des Buches: L’olor de la pólvora.Onze Testimonis de La Lluita Antifranquista (Übers.: Der Geruch des Schießpulvers – 11 Zeugen des Widerstands gegen Franco)

Interview aus dem Englischen übersetzt.

(wh)

Titelbild: PAU BARRENA / AFP / picturedesk.com

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