Die Wiener Linien starteten eine Kampagne gegen das sogenannte „Manspreading“. In Form eines Schummelzettels zeigen sie, wie es geht: Sitzplätze in Öffis so zu besetzen, dass nicht mehr als ein Sitzplatz in Anspruch genommen wird. Die Kampagne polarisiert: die Wogen gehen in den sozialen Medien hoch.

Wien, 5. November 2019 / New York, Istanbul, Madrid, San Francisco: Sie alle haben Kampagnen gegen Manspreading gefahren, manche sogar ein Verbot etabliert. Jetzt ist Wien dran. Auf Twitter, Facebook und Instagram geht es deshalb rund. Die neue Kampagne der Wiener Linien gegen Manspreading polarisiert die Gemüter: Auf der einen Seite stößt sie auf große Zustimmung, während es von anderer Seite massive Kritik hagelt.

Was ist „Manspreading“?

Das Wort ist noch relativ neu, erst seit 2015 führt das Oxford Dictionary den Begriff. Darin wird „Manspreading“ als eine Art des breitbeinigen Sitzens bezeichnet. Es beschreibt einen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahrenden Mann, der weit auseinanderstehende Beine in seiner Sitzhaltung einnimmt, sodass seine Beine auf angrenzende Sitze übergreifen.

Im Internet finden sich zahlreiche Fotos dieser Praxis: sie zeigen einen „Manspreading“ praktizierenden Mann, neben ihm oft eine Frau, die ihre Beine eng zusammenhält. Die Fotos dokumentieren Verhalten, das in unserer Gesellschaft einem Geschlecht typischerweise zugeordnet wird, und das meist unbewusst eingenommen wird.

Auch die Istanbuler und Berliner Verkehrsbetriebe finden Beine-Spreizen ätzend. Quelle: Twitter Screenshot

Zustimmung und Kritik

In den sozialen Medien geht es rund. Dabei prallen zwei Welten aufeinander:

Viele Frauen begrüßen die Kampagne. Tagtäglich sehen sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Männern, die ihre Beine breitmachen, konfrontiert. Sie quetschen sich auf halbe Plätze und fühlen sich ihres Raumes beraubt – oder gehen auf Konfrontation und drücken die Schenkel des „Manspreaders“ einfach weg. Lästig ist es jedenfalls, manchmal belästigend.

Für viele Männer ist die Kampagne allerdings ein Aufreger: sie meinen, es gäbe weit größere Probleme oder verurteilen die Kampagne als sexistisch, weil auf dem Schummelzettel der Wiener Linien nur Männer in der grenzüberschreitenden Sitzposition dargestellt werden. Nicht zu sehen: Handtaschen, die laut manchen Kommentaren sogar mehr Platz einnehmen sollen.

Sexismus gegen Männer?

Viele Männer fühlen sich durch die Kampagne auf den Schlips getreten: Sie empfinden den Begriff „Manspreading“ als sexistisch. Sexismus ist Diskriminierung auf Basis des Geschlechts – die Diskriminierung läge hier in der Tatsache, dass Männern dieses Verhalten generalisierend unterstellt wird. Das ist in der Kampagne der Wiener Linien tatsächlich so – es werden nur Männer als praktizierende „Manspreader“ abgebildet. Der englische Begriff „Manspreading“ alleine enthält den Mann („man“) bereits. Das lässt sich über die Entstehung des Begriffs erklären: Frauen, denen im öffentlichen Raum täglich Platz weggenommen wurde durch Raumeinnahmeverhalten von Männern in öffentlichen Verkehrsmitteln, haben mittels Bildern der breitgespreizten Beine auf das Verhalten aufmerksam gemacht. Frauen können selbstverständlich genauso breitbeinig sitzen: in der Praxis kommt das im öffentlichen Raum allerdings kaum vor. Die Studie des Hunter College, staatliche Universität in New York, belegt: Mehr als 26% der Männer sitzen in „Manspreading“-Manier da, während weniger als 5% der Frauen dieses Verhalten an den Tag legen. Keine Rücksicht auf Mitmenschen im öffentlichen Raum zu nehmen, ist ein Machtverhalten, das ständig passiert. Auch in Form von festgefahrenen Geschlechterrollen.

Ich sitz, wie ich will!

„Ich sitze, wie ich will“. So reagieren viele auf die „Manspreading“-Kampagne. Und damit haben sie auch zum Teil Recht: niemand hat uns zu sagen, ob wir mit dem Po, den Knien oder im Kopfstand auf einem Sitz Platz nehmen. Jedem seine Freiheit. Oder seine gespreizten Beine. Es ist aber alles eine Frage des Zusammenhangs: sehr wohl können uns öffentliche Verkehrsbetriebe dazu auffordern, mit unserer Sitzweise nur einen Sitzplatz in Anspruch zu nehmen, sofern es die körperlichen Voraussetzungen zulassen. Dass es ausgerechnet als „Manspreading“ bezeichnet wird, ist unglücklich – allerdings der Erfahrung vieler aus der Praxis geschuldet.

Sitz respektvoll, oida!

Am Ende geht es um respektvolles Miteinander – und darum, jedem den Platz zuzugestehen, der ihm zusteht. Nämlich ein ganzer Sitzplatz, nicht ein halber. Und das, wenn möglich, ohne Körperkontakt.

(lb)

Titelbild: Schummelzettel der Wiener Linien. Quelle: Twitter Screenshot

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