Ein kaum in den österreichischen Medien behandeltes Thema: die seit Anfang Oktober brodelnden Proteste gegen die Regierung im Irak. Diese schlägt die Demonstrationen mit abscheulicher Gewalt nieder. Die schockierende Bilanz: 250 Tote, mehr als 3.000 verletzt. Die Menschen lassen sich trotzdem nicht beirren und gehen weiter gegen die Regierung vor. Doch weshalb sind die Leute so unzufrieden und setzen auf den Straßen ihr Leben aufs Spiel?

Wien/Bagdad, 05. November 2019 / Ein Viertel der jungen Iraker ist laut Angaben der Weltbank arbeitslos. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein, obwohl sich die irakische Wirtschaft seit dem 2003 begonnen Krieg mit den USA und Bürgerkrieg, der 2011 begann, wieder erholte. Die Ölwirtschaft des Landes florierte wieder, bereichern konnten sich dadurch jedoch nur die Reichsten der Reichen. Genau gegen diese Elite richten sich auch die Demonstrationen, neben einer Regierung die, die diese unterstützt. Traurig: ein Großteil der Bevölkerung muss ohne Licht, Wasserversorgung und Nahrung auskommen.

Gegen Korruption und Misswirtschaft

Am 1. Oktober, dem irakischen Nationalfeiertag, versammelten sich aufgrund der steigenden Unzufriedenheit tausende junge Menschen im Zentrum Bagdads. Mit lauten Rufen nach Arbeit und gegen die Korruption und Misswirtschaft der Regierung und ihre elitären Freunde machten sie auf sich aufmerksam. Die Regierung agierte von Tag eins an mit brutaler Härte. Die Verbindung zum Internet wurde für die Bevölkerung gekappt. Kaum hatten die Demonstranten nicht die Möglichkeit, die Geschehnisse am Platz der Befreiung zu dokumentieren, stürmten schwarz vermummte Polizisten die Versammlung.

Größtmögliche Gewalt gegen Demonstranten

Bereits am Anfang der Demonstrationen waren zahlreiche Tote zu beklagen. Laut Amnesty International verwendet die Regierung besonders grausame Methoden, um Proteste mit Gewalt niederzuschlagen. Darunter: neueste Technologie von Tränengasgranaten, die darauf abzielen, Menschen zu killen. Die Bilanz: 250 Tote und über 3.000 Verletzte schätzen Menschenrechtsinstitutionen. Die Proteste brechen jedoch nicht ab, auch nicht durch eine Ausgangsperre über die Bagdader Innenstadt.

Journalisten flüchten

Die Berichterstattung über die Demonstrationen ist schwer, durch die gekappte Internetverbindung für die Bevölkerung dringen Informationen nur über Umwege über die Grenzen des Landes heraus. Journalisten meiden mittlerweile aufgrund der großen Gefahr und wild um sich schießender Regierungsstreitkräfte die Proteststellen Bagdads. Die irakische Regierung schiebt die Schuld an der brutalen Gewalt in ihren wenigen Statements auf ausländische Kräfte und auch Augenzeugen der Demonstrationen sind sich selbst nicht sicher, wer überhaupt auf sie schießt. Demnach sollen sich auch iranische Scharfschützen an dem Massaker beteiligen. Ein Ende der unübersichtlichen Gewalt scheint nicht in Sicht zu sein.

(bf)

Titelbild: twitter/Ibrahim Abdulkarim

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