Tirol hat große Pläne: Zwischen Pitztal und Ötztal soll das weltweit größte Gletscherskigebiet entstehen. Während der Klimawandel im Eiltempo voranschreitet und Wissenschafter weltweit vor verheerenden Konsequenzen warnen, denkt Tirol nur ans Geld: 72 Hektar Gletscher sollen dem weltweit größten Skigebiet zum Opfer fallen. Alpenverein, Naturfreunde, WWF und Bürger schlagen Alarm – in einer Petition fordern sie die Tiroler Landesregierung zu einem Stopp des Projekts auf.

Wien, 8. November 2019 / Tirol opfert Umwelt für Tourismus. Das zeigt ein derzeit aktuelles Beispiel in aller Deutlichkeit: Die Tiroler Skigebiete Pitztal und Ötztal wollen sich zusammenschließen, dabei ist ihnen der Gipfel des Linken Fernerkogels im Weg. Die obersten 40 Meter des Gipfels sollen nun einfach abgetragen werden – insgesamt 9.000 LKW Ladungen an Gestein müssen dafür gesprengt werden.

Gletscher soll mit 35.000 Kubikmeter zubetoniert werden

Wenn das Projekt durchgeführt wird, sollen innerhalb von sechs Jahren Bauzeit Skipisten auf drei bisher noch unberührten Gletschern entstehen. Zwischen 2.000m und 3.000m Seehöhe sollen insgesamt 72 Hektar Gletscher planiert, überschüttet oder abgetragen werden. 750.000m³ Gestein, Erde und Eis müssen gesprengt und abgetragen werden – darunter auch der Gipfel des Linken Fernerkogels. 64 Hektar Skipisten auf Gletschern sollen entstehen, zudem ein befahrbarer Tunnel von 600 Metern Länge und ein asphaltierter Speicherteich, der 104.000 m³ Wasser für die Beschneiungsanlage fassen soll.

Bereits rund 120.000 Unterschriften für Stopp

Größer, besser, weiter: WWF, Alpenverein und Naturfreunde sind nicht einverstanden. Sie unterstützen die ins Leben gerufene Petition von Gerd Estermann, die bereits rund 120.000 Menschen unterzeichneten. Gerd Estermann spricht von einer Gletschervergewaltigung: Es werden drei bisher unberührte Gletscher neu erschlossen, die so nicht mehr sein werden. Der Initiator der Petition ist überzeugt: „Es wird Zeit, eine Grenze zu ziehen.“

Der Vorsitzende der Naturfreunde Tirol, Leopold Füreder, erklärt:

„Wir müssen diesen alpinen Flächenfraß stoppen: Gletscher spielen eine essenzielle Rolle im Wasserhaushalt alpiner Regionen, sind Wasserspeicher und einzigartige Naturschätze“

Klimaerwärmung: Skisport ade?

Von 2006 bis 2016 haben Österreichs Gletscher ein Fünftel ihrer Masse verloren. Die Pasterze, Österreichs größter Gletscher, verlor in den vergangenen fünf Jahren 16 Prozent ihrer Eismasse. Der letzte Winter war sehr schneereich, was für die Gletscher gut wäre – von größerer Bedeutung ist allerdings der Sommer – und der brachte erneute Rekordhitze.

Durch den Klimawandel müssen Skigebiete immer höher wandern. Die Nachfrage bei Gletschern wird größer, worunter der Naturraum leidet. Vor allem stellt sich die Frage, wie lange Österreich vor diesem Hintergrund überhaupt noch Skisport-Nation bleiben wird können.

Umweltzerstörerisches Großprojekt

Der Klimawandel trifft die Skigebiete bereits hart. Momentan wird noch kompensiert: Beschneiungsanlagen kommen immer mehr zum Einsatz, Flüsse werden für Speicherseen umgeleitet und Schnee wird hektarweise über den Sommer mit Vlies abgedeckt, um das Schmelzen zu verhindern. Umweltzerstörung steht im Skibusiness an der Tagesordnung, Wasser- und Stromverbrauch sind gigantisch. Robert Renzler, Generalsekräter des Österreichischen Alpenvereins, sagt vor diesem Hintergrund zu dem Projekt:

„Ohne umfassende Klimaschutzmaßnahmen und bei weiter zunehmender Klimaerwärmung könnten sämtliche Gletscher in den Alpen bis 2100 weitgehend verschwunden sein. Daher brauchen wir anstatt neuer touristischer Infrastruktur vielmehr einen umfassenderen Schutz für alpine Regionen.“

Und die Grünen?

Die Grünen schauen hier nicht nur zu: sie sind zusammen mit der ÖVP die maßgeblichen Akteure in Tirol und tun aktiv zu wenig gegen die Umweltzerstörung. Das ist gewissermaßen im Regierungsprogramm verankert: Darin bekennt sich die schwarz-grüne Landesregierung dazu, Skigebiete „weiterzuentwickeln“. Und das fordern die Seilbahnbetreiber jetzt ein. Mit heute sollen alle Unterlagen beim Land eingetroffen sein, damit das notwendige Umweltverträglichkeitsgutachten erstellt werden kann. Dass entgegen aller Umweltschutzrichtlinien Projekte oft dennoch wegen „öffentlichen Interesses“ bewilligt werden, könnte auch hier der Fall sein. Tirol hat mit umweltzerstörerischen Großprojekten im „öffentlichen Interesse“ bereits Erfahrung. Unterm Strich müsste – egal ob Grün oder Schwarz – aber nur eines zählen: Das öffentliche Interesse am Wasser. Denn das ist auch durch Gletscherschwund in Gefahr, und mit ihm die Lebensqualität und Gesundheit der Tiroler.

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

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