Südamerika brennt

Fundamentalisten greifen nach Kontinent

Putsch in Bolivien, Revolution in Chile, Proteste in Kolumbien – Südamerika ist im Ausnahmezustand. Und still greift eine mächtige Gruppe immer mehr nach dem Kontinent: evangelikale Fundamentalisten. Was dabei nicht fehlt: Glückwünsche von Donald Trump.

La Paz/Santiago/Bogota, 26. November 2019 / Südamerika destabilisiert sich immer mehr. Da ist Bolivien, das den jahrelangen indigenen Präsidenten Evo Morales aus dem Land jagte. Da ist Chile, in dem eine revolutionäre soziale Revolte stattfindet. Da ist Brasilien, regiert vom Rechtsextremen Jair Bolsonaro. Auch Ecuador und Kolumbien erleben Massenproteste. Beobachter sind sich einig: Südamerika erlebt einen Aufruhr, wie zuletzt vor einem halben Jahrhundert.

„Im Namen von Jesus Christus“

Die Weltöffentlichkeit sieht zumeist nur brennende Barrikaden und Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern. Doch hinter dem Vorhang greifen evangelikale Fundamentalisten nach der Macht in Südamerika. Es begann mit dem größten Staat des Kontinents: Brasilien. Demokratisch wurde Jair Bolsonaro an die Macht gewählt. Er gewann auch durch seinen Pakt mit den evangelikalen Pfingstkirchen. Gleich nach der Wahl ließ er sich in einer dieser Kirchen als kleiner Messias feiern: „Gott wird das Schicksal dieses Volkes verändern: Die Misere, die Gewalt, die Arbeitslosigkeit, die Korruption, das Elend – im Namen von Jesus Christus, treibe diese Gesandten der Hölle aus Brasilien hinaus!“ – sprach ein evangelikaler Prediger.

Bolsonaro, ein südamerikanischer Vorreiter von dem, was die Welt auch bei Trump sieht: Eine unheilige Allianz zwischen christlichen Fundamentalisten und rassistischen, autoritären Politfiguren. Die evangelikalen Christen, die auch in Europa immer bekannter werden, breiten sich aus. Nicht nur im größten katholischen Land der Welt, Brasilien, sondern in ganz Südamerika.

Bolivien: Putsch zurück in den Kolonialismus

In Bolivien putschte nun das Militär gegen den ersten indigenen Präsidenten der Geschichte. Währenddessen diskutiert die Weltöffentlichkeit darüber, ob es ein Putsch gewesen sei. Für den Historiker Tomás Bartoletti hoch alarmierend. Sein Weckruf: Man müsste alle Geschichtsbücher umschreiben, wenn die Ereignisse in Bolivien nicht als Putsch bezeichnet werden. Nach 500 Jahren Kolonialherrschaft schaffte es ein einheimischer Mann, Evo Morales, Präsident zu werden. Morales machte viele Fehler, doch Bolivien erlebte wirtschaftlich die besten Jahre. Dann, nach 13 Jahren an der Macht, bekam er vom Militär seinen Abschied „vorgeschlagen“. Aber was kommt nach Morales?

Evangelikale Fundamentalisten! Jeanine Áñez ernannte sich selbst zur Präsidentin. Sie trat vor die Presse. In der Hand ein Buch. Titel: Die vier Evangelien. Und plötzlich war Bolivien wieder ein christliches Land. Auf den Straßen brannten Wiphala-Flaggen, die Fahne der Einheimischen. Sie repräsentiert Morales‘ Idee der „plurinationalen Demokratie“. In diesem Staat wurden Indigene als vollwertige Bürger anerkannt. Damit ist Schluss. Sofort verabschiedete Áñez ein Dekret, durch das Polizei und Armee „von der strafrechtlichen Verantwortung befreit werden“. Denn die Anhänger von Morales wehren sich.

Die neue Macht in Bolivien verkündet: Bolivien ist christlich, die Pachamama (das Symbol der Weltanschauung der Indigenen) werde nie wieder eine Rolle spielen. Sie beruft sich auf die koloniale christliche Missionierung des 16. und 17. Jahrhunderts. Mit dem Putsch zeigten die evangelikalen Eliten Südamerikas ihre Macht.

Widerstand gegen Kirchen-Präsidenten

Am Wochenende wählt Uruguay. Es sieht so aus, als gäbe es einen Machtwechsel. Luis Lacalle Pou gilt als Kandidat von Kirche und Militär. Und er wird wohl gewinnen. Die Evangelikalen, gestützt von US-amerikanischen Eliten und verbunden im religiösen Glauben, breiten sich weiter aus. Aber es gibt Widerstand. Das sieht man in Chile, in Kolumbien, in Ecuador.

In Chile widersetzt sich eine Masse von Menschen, von Kindern über Pensionisten, nur mit Kochtöpfen bewaffnet, dem Militär. Bilanz: 20 Tote, 200 Augenverletzungen, Folter und Vergewaltigungen. Die Wahl von Milliardär Sebastián Piñera zum chilenischen Präsidenten wurde durch evangelische und evangelikale Kirchen unterstützt. Die Lage bleibt aktuell unübersichtlich, der Staat versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Eine neue Verfassung leuchtet am Horizont.

Auch Kolumbien erlebt Massenproteste. Letzte Woche wurde eine nächtliche Ausgangssperre über Bogotá, der Hauptstadt von Kolumbien, verhängt. Die Menschen protestieren gegen die Regierung, gegen Korruption, gegen staatliche Gewalt. Hier regiert seit einem Jahr ein rechtskonservativer Präsident, Ivan Duque. Und: Auch ihm wird Nähe zu evangelikal-fundamentalistischen Gruppen nachgesagt.

Mit Glückwünschen von Donald

Mehr als genug unruhige Länder in Südamerika. Aber nicht die Einzigen: Seit Monaten herrscht ein Machtkampf in Venezuela. Auch in Ecuador protestieren die Massen.

Nicht mehr nur der Amazonas brennt, Südamerika brennt. Die evangelikalen Kirchen werden immer stärker. Mit Wohlwollen der USA. Ist ein Land „erobert“, zählt vor allem eines: Ausbeutung von Menschen und Natur, Profit für die wirtschaftlichen (meist weißen) Eliten des Landes und der USA. Das sieht man am besten bei Bolsonaro, aktuell auch in Bolivien. Und dann sendet Donald Trump seine Glückwünsche. Im Weißen Haus steht ihm eine fundamentalistische Evangelikale als seine persönliche „spirituelle Beraterin“ zur Seite.

Im Sommer war der brennende Amazonas kaum aus den Medien zu bringen. Zu Recht. Aber in Südamerika überdeckt eine akute soziale Krise die Klimakrise. Die Medien berichten hauptsächlich über aktuelle Ausschreitungen. Keine Zeit bleibt für Hintergrundberichte. Währenddessen geht der schleichende Putsch einer christlich-fundamentalistischen Elite in Südamerika weiter. Nur die Menschen wehren sich.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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