Erlösung oder Katastrophe?

Renée Schroeder über „Human Nature“ und die Revolution der Gentechnik

Seit November läuft „Human Nature“, ein gefeierter Film über Gentechnik, in den heimischen Kinos. ZackZack.at hat mit Österreichs bekanntester Genforscherin über den Film gesprochen. Werden neue Technologien nicht nur Gene, sondern auch die Welt verändern?

Wien, 01. Dezember 2019 / Stecken wir mitten in einer wissenschaftlichen Revolution, die unser Leben verändern wird? Bis vor wenigen Jahren war es kompliziert, langwierig und teuer, die genetische Information in einer Zelle zu verändern. Doch CRISPR/Cas9 hat das geändert.

Die Methode wurde 2012 von Emmanuelle Marie Charpentier, einer ehemaligen Forscherin der Universität Wien erstmals veröffentlicht. (Charpentier musste Österreich wegen der geltenden Kettenvertragsregelung verlassen.) Seitdem können Gene massenhaft, schnell und billig verändert werden. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber längst Realität.

Was wird die Zukunft bringen?

Genutzt wird die Methode etwa von der Nahrungsmittelindustrie oder der Medizin. Bakterienkulturen werden immun gegen Viren, genetische Krankheiten können geheilt werden. Doch auch die Veränderung menschlichen Erbguts ist durch CRISPR/Cas9 viel einfacher zu bewerkstelligen.

Während die einen sich Kinder wünschen, die intelligenter und resistent gegen Krankheiten sind, träumen die anderen von Supersoldaten, die weder Schmerz noch Angst kennen.

Erlösung oder Katastrophe?

Zu Beginn des Films ist eine Aufnahme einer Rede des US-amerikanischen Biologen Robert Sinsheimer aus dem Jahr 1966 zu sehen. „Es wird eine Zeit kommen“, sagte Sinsheimer, da der Mensch die Macht besitzen wird, seine eigenen Gene zu verändern. Das wird im Universum ein neues Ereignis sein.“ Diese Zeit ist heute.

Aber was bedeuten die Fortschritte in der Gentechnik für uns? „Die Aussicht“, sagte Sinsheimer, „erscheint mir überwältigend in ihrem Potential für Erlösung – ebenso wie für die Katastrophe.“

Wir haben mit Renée Schroeder, Österreichs bekanntester Genforscherin über den Film „Human Nature“ und die Frage, wie Gentechnik die Welt verändern wird, gesprochen.

Fr. Prof. Schroeder, alle Welt spricht über die Genschere CRISPR. Aber wie funktioniert sie eigentlich?

Mit Hilfe der CRISPR/Cas-Methode kann man fehlerhafte Gene ausbessern. Wie mit einer Schere kann man ganz kontrolliert bestimmte Abschnitte aus einem Gen schneiden. Dort fügt man dann eine korrigierte Version ein.

Wenn früher jemand Gentherapie gemacht hat, dann hat man ein Stück DNA mit der richtigen Sequenz einfach in die Zelle eingefügt. Man konnte aber nicht kontrollieren, wo das neue Stück DNA in das Genom integriert wurde. Im Film wurde das als „Russisches Roulette“ bezeichnet. Das heißt, der Patient hatte am Ende eine Kopie des funktionsfähigen Gens, aber das krank machende Gen war immer noch da. Es fand also keine Reparatur statt.

Das zweite Problem war: Weil man nicht kontrollieren konnte, wo die neue DNA in der Zelle eingefügt wurde, konnte es passieren, dass sich die DNA zum Beispiel in ein Gen setzte, das Krebszellen am Wachsen hindert, sogenannte Tumorsupressorgene.

Solche wichtigen Gene konnten durch die fremde DNA zerstört werden, wodurch es zu vermehrter Krebsbildung kam. So kam es zum Beispiel vor, dass Patienten dank ihrer Gentherapie eine tödliche genetische Krankheit überlebten, aber dann Leukämie bekamen.

Wegen dieses hohen Risikos für Krebserkrankungen ist die klassische Gentherapie eigentlich nie wirklich zum Tragen gekommen.

Mit CRISPR/Cas ist das anders. Da findet wirklich eine Reparatur statt.

„In der Medizin sind wir noch lange nicht soweit."“

Die neue Methode ist gegenüber klassischen nicht nur präziser. Gentechnik wurde durch CRISPR/Cas auch massentauglich. In „Human Nature“ wird Genmanipulation am Fließband vor allem als erfolgreiches Geschäftsmodell in der Medizin präsentiert. Was bedeutet das aber für die Forschung?

Das sind wirklich zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. In der Forschung wird die CRISPR-Methode mittlerweile ständig angewendet. Wie untersucht man die Funktion eines Gens? Meistens, indem man es zerstört. Sonst kann man ja nicht wissen, was es eigentlich macht. Man braucht dazu Mutanten, zum Beispiel genetisch veränderte Zellen. Früher waren die gar nicht leicht herzustellen. Mit CRISPR/Cas geht das wirklich toll und jeder verwendet es. In der Forschung ist die Methode schon Standard.

In der medizinischen Anwendung ist das ganz anders. Da sind wir noch lang nicht soweit. Wir Menschen haben Milliarden und Abermilliarden an Zellen. Welche davon soll man verändern? Was kommen wird, ist, dass man Stammzellen eines Patienten isoliert, sie verändert, züchtet und dem Patienten zurückgibt. Die Rede ist dabei nicht von embryonalen Stammzellen, sondern von solchen, die nur noch ganz bestimmte Zellen erzeugen können – Blutzellen oder Knochenzellen zum Beispiel. Diese Methode wird ganz sicher bald angewendet werden.

Im Film gibt es dafür ein Beispiel: David ist ein Bub mit Sichelzellenanämie – einer Blutkrankheit.

Genau. Die Sichelzellenanämie ist das typische Beispiel. Sie ist der erste Fall, den man entdeckt hat, wo eine Mutation in einem einzigen Gen eine klare Auswirkung hat. Normalerweise sind an Dingen, die uns prägen – unser Aussehen zum Beispiel – sehr viele verschiedene Gene beteiligt. Für Therapien, wo nur ein einziges Gen verändert muss, gibt es sonst nur wenige Beispiele.

Für die Medizinethik macht es einen wesentlichen Unterschied, ob eine Genmanipulation vererbt werden kann oder nicht.

Ja, natürlich. Veränderungen an somatischen Zellen, also an Körperzellen, betreffen nur den jeweiligen Patienten und werden nicht weitergegeben. Veränderungen in der sogenannten Keimbahn werden aber an folgende Generationen weitergegeben.

Das eine würde man machen, um eine Krankheit zu reparieren. Das andere wäre Designen, so wie das Einige gerne machen würden.

„Lauter gleiche Übermenschen? Das ist doch total uninteressant!"“

Die Wissenschaftler, die in „Human Nature“ zu Wort kommen, sprechen von einer neuen Ära der Wissenschaft oder einer Revolution, wie es sie nie zuvor gegeben habe – vielleicht mit Ausnahme des Internets. Schätzen Sie das ähnlich ein?

Ich glaube das eigentlich nicht. Wissen Sie, warum nicht? Wenn wir sagen, wir wollen jetzt Designerbabys und Supermenschen – wir wissen doch überhaupt nicht, was das sein soll. Fragen Sie doch einmal jemanden: ‚Wie möchtest du sein?‘ Die Meisten sind doch im Wesentlichen zufrieden damit, wie sie sind. Man würde vielleicht diese oder jene Kleinigkeit ändern. Aber lauter gleiche Übermenschen? Das ist doch total uninteressant!

Wir haben nicht so viel Phantasie, dass wir der Evolution gleichkommen könnten. Und die ist nun einmal ein Zufallsphänomen. Das ist gerade ihre Stärke. Natürlich wollen Werbung und Industrie möglichst viel gleichschalten, dann lässt sich billiger produzieren. Aber das, was die Evolution erfolgreich macht, ist Diversität nach dem Zufallsprinzip.

Das bringt mich gleich zur nächsten Frage: Die Probleme, die es in der Gentechnik zu lösen gilt, sind sehr komplex. Sind Fehler die notwendige Folge?

Fehler sind mit CRISPR/Cas viel seltener als mit anderen Methoden, aber sie sind nicht auszuschließen. Man muss wirklich sehr sorgfältig sein, gut designen. Ein chinesischer Forscher namens He Jiankui hat letztes Jahr das Erbgut von Babys verändert, die dadurch immun gegen HIV sein sollten. Das war unglaublich stümperhaft gemacht. Kein DNA-Abschnitt ist so geworden, wie er sein sollte. Das war wirklich unverantwortlich.

"Wenn man einen Mörder machen möchte, baut man einen Roboter."

Im Film wird ein Ausschnitt aus einer Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin gezeigt. Putin sagte: „Wir können (dank CRISPR/Cas) Personen nach Maß erschaffen: Einen genialen Mathematiker, einen herausragenden Musiker – aber auch einen Soldaten, ein Individuum, das weder Angst noch Schmerz kennt.“ Könnte uns ein genetisches Wettrüsten aufgezwungen werden?

Das glaube ich nicht. Wenn man zukünftig einen Mörder machen möchte, dann baut man einen Roboter.

Was, wenn sich eines Tages Eingriffe ins Erbgut weitervererben, von denen sich erst später herausstellt, dass sie gefährlich sind?

Was ich sehr beruhigend finde: Wenn so etwas passiert, ist es kein Supergau. Der Genpool unserer Spezies ist so groß, gerade, weil die Menschen so mobil sind – der menschliche Genpool war noch nie so gut wie jetzt. Ich sehe da überhaupt kein Problem.

David sagt gegen Ende des Films etwas sehr Bemerkenswertes: Als ihm erklärt wird, dass Gentechnik Sichelzellenanämie verhindern könnte, sagt er, das sollten die Betroffenen selbst entscheiden. Er selbst werde erst durch die Krankheit zu der Person, die er ist. Ich fand das ganz erstaunlich.

Das ist vor allem eine ethische Frage. Bestimmte genetische Krankheiten könnten sehr einfach vermieden werden, indem man bei bekanntem Risiko künstliche Befruchtung durchführt. Die Eltern wissen ja, wenn sie unter einer schlimmen Erbkrankheit leiden. Betroffene Embryonen könnte man dann einfach aussortieren.

Aber bei welchen Krankheiten soll man das erlauben? Das ist eine sehr sensible Sache. Die betroffenen Eltern kennen ja die jeweiligen Erkrankungen. Ich finde, man muss ihnen die Freiheit lassen zu entscheiden, ob sie die Stärke haben, ein krankes Kind zu haben. Da ist jeder Mensch so unterschiedlich – auch in seiner Lebenssituation – dass wir ihm nicht sagen können: Du darfst dieses oder musst jenes.

(tw)

Zur Person: Die Biochemikerin Renée Schroeder ist eine von Österreichs führenden Naturwissenschaftlerinnen und Trägerin des renommierten Wittgenstein-Preises, des höchstdotierten Wissenschaftspreises der Republik Österreich. Schroeder war Mitglied der Bioethikkommission der österreichischen Bundesregierung. Ihre Bücher über Gentechnik sind Bestseller.  

Titelbild: APA Picturedesk

Aktuell

ZACKZACK unterstützen

Unsere kleine Redaktion kann mit 16 Redakteur*innen, Layouter*innen, Videomachern und einem Karikaturisten jeden Tag ZackZack neu machen.  Dazu braucht es 3.000 Euro am Tag für unabhängigen Journalismus.

Schließen