Skandalkalender: Türchen 6

Waldheim-Affäre

Hinter dem sechsten Türchen stehen ein Alt-Präsident, seine Vergangenheit und sein Pferd.

Wien, 06. Dezember 2019 / Die Präsidentenwahl des Jahres 1986 war geprägt von einer Debatte über den ÖVP-Kandidaten Kurt Waldheim. Der zweimalige Generalsekretär der UN galt als der „erfolgreichste Diplomat seit Metternich“. „Er gab die Welt auf, um Österreich zu dienen.“ Das hörte man zumindest aus Kreisen der UN über seine zweite – er probierte es bereits 1971 erfolglos – Präsidentschaftskandidatur. Im Vorfeld der Präsidentschaftskandidatur veröffentlichte Waldheim ein Buch mit einem autobiographischen Kapitel über seine Zeit vor 1945. Die Kriegszeit zwischen 1942-45 wurde jedoch nicht weiters erwähnt von Waldheim. Journalisten stellten dann Recherchen über seine Zeit an.

Waldheim bei SA

„Profil“, „New York Times“ und der Jüdische Weltkongress gaben bekannt: Waldheim war SA-Mitglied! In der Kriegszeit diente Waldheim im Generalstab Löhrs, dessen Armeeeinheiten schwere Kriegsverbrechen begangen. Der Druck auf Waldheim bezüglich seiner Involvierung wurde zunehmend größer. Die ÖVP stempelte die Vorwürfe als „Schmutzkübel“ ab. Waldheim bestätigte die Vorwürfe nicht, er sagte:

„Ich habe meine Pflicht als Soldat erfüllt“.

Bundeskanzler Fred Sinowatz (SPÖ) äußerte sich süffisant über die Antwort Waldheims wie folgt:

„Ich stelle fest, dass Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd“.

Botschafter wenden sich ab, Österreich isoliert

Waldheim sollte die Wahl trotz der Vorwürfe knapp für sich entscheiden, doch die kritischen Stimmen verstummten nicht. Zahlreiche Botschafter erschienen nicht zu Waldheims Angelobung. Von den USA wurde er auf die „Watchlist“ gesetzt, was einem Einreiseverbot glich. Waldheim und Österreich wurden zunehmend isoliert.

1991 entschied sich Waldheim, für keine zweite Amtszeit zu kandidieren, doch eine Debatte über Österreichs Rolle in der NS-Zeit sollte danach entfachen. Bis damals galt Österreich stets als erstes Opfer des Nationalsozialismus, durch die Waldheim-Affäre wurde diese Rolle das erste Mal kritisch hinterfragt.

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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