Strache-Tape:

Das FPÖ-Taschen-Geld

Anfang Oktober treffen sich der Fahrer des ehemaligen Vizekanzlers HC Strache sowie mehrere Vertraute in der Kanzlei eines Wiener Anwalts. Eine Audioaufzeichnung des Gesprächs liegt ZackZack.at vor, die Beteiligten bestätigten auf Nachfrage ihre Teilnahme. Das Thema ist brisant: Es geht darum, wie Strache eine große Summe Bargeld aus der Rechtsanwaltskanzlei des FPÖ-Politikers abholte und zum Parteitag nach Kärnten brachte.

Wien, 11. Dezember 2019 / Am 28. Juni 2013 erhält FPÖ-Anwalt Peter Fichtenbauer Besuch: Sein Parteichef HC Strache betritt die Kanzlei am Wiener Rathausplatz. Strache hat etwas mit: ein braune Sporttasche.

Die braune Tasche

Sein Fahrer erinnert sich:

„Ich habe unten im Auto gewartet… HC Strache ging allein ins Gebäude… genau. Und hat die Sporttasche aus dem Kofferraum mitgenommen… Seine braune Sporttasche.“

Eine halbe Stunde bleibt Strache in der Kanzlei.

„Nach diesem Termin stieg er wieder ins Auto… Tasche in den Kofferraum und dann eingestiegen.“

Im FPÖ-SUV lässt sich Strache zuerst in den FPÖ-Parlamentsklub und dann nach Kärnten chauffieren. Dort in Pörtschach werden an diesem Tag FPÖ und FPK wiedervereinigt. Der Fahrer hält fest:

„Er war kurz in seinem Büro. Wir sind nach wenigen Minuten, sicher nicht mehr als 15 Minuten, endgültig abgefahren… Ich glaube, dass er einen Teil da drinnen gelassen hat im Safe dort.“

Die Fahrt nach Kärnten

Aber warum holt Strache das Geld gerade am 28. Juni von Fichtenbauer? Warum lässt er es nicht im sicheren Safe seines Parlamentsklubs? Warum nimmt er es mit nach Pörtschach? Haben die Kameraden der FPK einen Preis, der über Posten und Mandate hinausgeht?

Bei einem Stopp sieht sich der Fahrer den Inhalt der Tasche an – und sieht bündelweise in Pakete eingeschweißte Euro-Geldscheine.

„Es war gemischt… Auf dem Foto sieht man es besser… Es gibt logischerweise Fotos. Zwei hab ich gemacht. Es war auf alle Fälle eine Mischkulanz…“

Die „Mischkulanz“ ist möglicherweise ein Teil von 10 Millionen Euro. Sie gehören der FPÖ. Und sie haben eine politische Geschichte.

Zehn Millionen und ein Mandat

Im März 2013 treffen sich ein paar Herren in Fichtenbauers Kanzlei. Sie schließen eine Vereinbarung: Ukrainische Oligarchen zahlen 10 Millionen Euro – und kaufen damit ein Nationalratsmandat der FPÖ. Die Ukrainer haben das Geld mit – und den Namen ihres Wunschabgeordneten: Thomas Schellenbacher.

Ein niederösterreichischer Geschäftsmann (Ernst N.) vermittelt den Deal und fühlt sich um seine Provision geprellt. Er wendet sich ans Gericht und schildert den Sachverhalt. Ein Zeuge bestätigt die Vorkommnisse später in einer eidesstattlichen Erklärung.

Am 17. Juni 2013 verlegt der Niederösterreicher Schellenbacher seinen Hauptwohnsitz nach Wien.

Am 2. Juli präsentiert HC Strache in einer Pressekonferenz seinen neuen Kandidaten für die Nationalratswahl im Herbst: Thomas Schellenbacher. Am Wahlabend steht fest: Schellenbacher hat es nicht geschafft. In der Folge treten drei FPÖ-Kandidaten zurück. Schellenbacher rückt nach – und ist Abgeordneter. Die Ukrainer haben gezahlt und die FPÖ hat ihre Leistung erbracht.

Geldflüsse

Zwischen 9. September und 13. November werden 1,35 Millionen Euro auf das Firmenkonto der IBS von Schellenbacher gestückelt einbezahlt und kurz darauf abgebucht. 390.000 Euro werden für einen Vergleich verbraucht. Am 17. September klingelt die Kasse auch bei Fichtenbauer: 280.000 Euro werden auf sein Konto überwiesen. Es ist nicht klar, wer Fichtenbauer bezahlt hat. Die Spalte „Auftraggeber“ bleibt leer.

Sechs Fragen können nur Fichtenbauer und Strache beantworten:

  1. Wieviel Geld war in der braunen Sporttasche?
  2. Wieviel Geld ist wann und von wem bei Fichtenbauer deponiert worden?
  3. Warum hat Strache das Geld am 28. Juni geholt?
  4. Wer hat neben Strache, Fichtenbauer und Schellenbacher noch Oligarchen-Geld bekommen?
  5. Gibt es einen weiteren Abgeordneten der FPÖ, der kassiert hat?
  6. Und: War die FPÖ informiert?

Nicht strafbar

Ein Jahr später stellt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ein Strafverfahren rund um die 10 Millionen ein. Ihre Begründung ist juristisch korrekt: Mandatskauf ist laut österreichischem Gesetz nicht strafbar.

Eines steht fest: Das Schellenbacher-Mandat war ein Mandat der FPÖ. Schellenbacher, Fichtenbauer, Strache – sie alle werden Fragen nach den Millionen beantworten müssen. Nur auf einen Geldfluss gibt es nicht den geringsten Hinweis: auf Geld für die Partei selbst. Da liegt auch der strafrechtliche Haken: Wenn die neue Führung der FPÖ zum Schluss kommt, dass sie auch hier von Strache & Co. um Geld gebracht worden sind, können sie ihren Ex-Parteichef wegen des Verdachts der Untreue anzeigen. Nur eines kann die Partei Strache nicht wegnehmen: die braune Sporttasche, die mit ihrem Herrn schon so viel erlebt hat.

(red)

Titelbild: ZackZack.at

Aktuell

HIER SPENDEN!

Archiv