Frohe Weihnachten, Herr Kurz!

Ein besinnliches Editorial

Was für ein Jahr! Kaum zu glauben, dass zwischen dem 17. Mai und heute nur rund sechs Monate liegen. Dazwischen gab es mehr politische Skandale als das beschauliche Österreich sonst in einem Jahrzehnt erlebt. Ein halbes Jahr lang haben alle über Heinz-Christian Strache geredet. Doch eigentlich hätten wir über Sebastian Kurz sprechen müssen.

Wien, 24. Dezember 2019 / Unseren treuen Leserinnen und Lesern wird nicht entgangen sein, dass wir ein Problem mit der Medienpolitik Sebastian Kurz‘ haben. Strache hat es auf Ibiza angekündigt: Wer und was nicht auf Linie ist, fliegt – „zack, zack, zack!“ (Danke für diesen schönen Moment, lieber Herr Strache, er hat uns den Namen ZackZack.at beschert.) Doch während die FPÖ noch ankündigt, sich die Republik unter den Nagel reißen zu wollen, um sie an den Meistbietenden zu verkaufen, ist die „Neue ÖVP“ unter ihrem Messias Sebastian Kurz an die Macht gekommen, um zu bleiben.

Skandale im Dutzend billiger

In Krisenzeiten herrscht unter Investigativjournalisten oft Goldgräberstimmung. Wir glauben sagen zu können, dass ZackZack.at dabei mehr als eine Edelmetallader getroffen hat: Anfang September konnten wir aufdecken, dass private Pensionsversicherer allein 2018 eine Milliarde Euro an Pensionsgeldern verspekulierten hatten. Bei den Machenschaften des Glücksspielkonzerns Novomatic stehen wir erst am Anfang – da kommt noch Einiges.

Die Republik als Casino

In der Casinos-Affäre waren wir die ersten, die aufdecken konnten, dass Norbert Hofer Bescheid wusste. Auch über „Seb“ wurde in den berüchtigten Chatgruppen geschrieben, und zwar nicht schon 2018, wie das „Profil“ fälschlich berichtete hatte, sondern nur wenige Wochen vor der Bestellung Peter Sidlos zum Casinos-Vorstand. Sebastian Kurz drohte uns nach der Veröffentlichung dieser Tatsache im ORF unverholen mit Klagen – ein sicheres Zeichen dafür, dass wir einen Nerv getroffen hatten. Auch, dass Herbert Kickl über die Vorgänge informiert war, konnte ZackZack.at beweisen. Das wiederum brachte Kickl so sehr auf die Palme, dass er sagte: „Mir wird eh schon wieder ganz übel, wenn ich jetzt merke, dass die Akten auch schon wieder zum Peter Pilz (dem zackzack.at-Herausgeber, Red.) fliegen.“

Gold, Maroni und die SPÖ

Im November zeigten wir der Öffentlichkeit als erste Bilder aus jenem Tresorraum, in dem die FPÖ Wien ihren Osttiroler Goldschatz aufbewahrte. Für große Aufregung – aber vielleicht wenig Überraschung – sorgte unsere Enthüllung, dass im Rahmen einer Hausdurchsuchung bei Johann Gudenus Spuren von Kokain gefunden wurden. Auch die Geschichte von Gudenus ist noch nicht auserzählt. Gegen Ende des Monats konnten wir nachweisen, dass eine Spur von Sebastian Kurz‘ Maroni-Fest zu Casinos-Chef Harald Neumann führt.

Anfang Dezember stand die SPÖ im Mittelpunkt unserer Recherchen, als Informanten aus der Löwelstraße uns mitteilten, dass gekündigten SPÖ-Mitarbeitern von der Parteiführung Jobs bei Wolfgang Fellners „Österreich“ angeboten wurden. Fellner bezeichnete das als „völligen Schwachsinn“.

Was kostet die FPÖ?

Dann aber spielte sich die FPÖ wieder in den Vordergrund: ZackZack.at legte Dokumente vor, die zeigen, dass ukrainische Oligarchen bereit waren, Zehn Millionen Euro für ein FPÖ-Mandat zu bezahlen. Straches Leibwächter hat beobachtet, wie kurz darauf viel Bargeld durch die Hände seines Chefs gingen, der einen Teil davon zum FPÖ-Wiederverinigungsparteitag nach Kärnten brachte. Eine Tonbandaufzeichnung der Aussagen des Leibwächters liegt uns vor.

Einen guten Teil unserer Recherchen zur Mandatskauf-Affäre führten wir gemeinsam mit jenen Kollegen der Süddeutschen Zeitung durch, die im Mai das Ibiza-Videos veröffentlicht hatten. Ein kleines Vermögen – ukrainisches Geld? – wanderte über verschlungene Wege zu Ex-FPÖ-Volksanwalt Peter Fichtenbauer. Aber auch die neue, Strache-freie FPÖ kann dank unserer Recherchen ihre Hände nicht in Unschuld waschen: Norbert Hofer wusste alles über den Mandatdskauf.

Türkis-grüne Regierung?

Die Regierungsverhandlungen zwischen ÖVP und Grünen haben wir aufmerksam beobachtet. Von Insidern haben wir erfahren, dass ein Deal über Eurofighter schon Mitte Dezember beschlossene Sache war. Nicht einig waren wir uns in der Redaktion, ob Sebastian Kurz im Koalitionspoker nun gute oder schlechte Karten hat. Mit gezinkten Karten spielt die ÖVP Niederösterreich möglicherweise bei den Gemeinderatswahlen in wenigen Wochen. Dort wurden auffällig viele SPÖ-Symphatisanten aus dem Wählerregister gestrichen.

Frohe Weihnachten!

Wir bei ZackZack.at schauen auf ein Jahr zurück, das uns ernsthaft zweifeln lässt, ob das Land noch zu retten ist. Aber für jeden politischen Skandal, für jeden schmutzigen Deal, für jede Lüge eines Volksvertreters sind in Österreich unzählige gute, ehrliche und liebenswerte Dinge geschehen. Wir aus der Redaktion wollen heute lieber einmal daran denken.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, danken wir, dass Sie uns durch unser erstes halbes Jahr begleitet und viele unserer rund 1.100 Artikel gelesen haben. Mögen noch viele folgen – es gibt schließlich noch viel zu tun. Allen in Österreich – ob sie das Weihnachtsfest feiern oder nicht – wünschen wir eine friedliche und schöne Zeit. Ja, auch Ihnen Herr Kurz: Frohe Weihnachten!

PS: Für alle Genannten gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

(red)

Titelbild: Pixabay, ZackZack.at-Grafik

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