Wem gehört das Saatgut?

Unsere Nahrung in Händen von Agrarchemiekonzernen

Wer Samen hat, hat Macht – von Nahrung hängen wir alle ab. Was kommerzielle Landwirtschaft betrifft, liegt diese Macht mittlerweile in Händen weniger Agrarchemiekonzerne, mit Umsätzen im mehrstelligen Milliardenbereich. Nationale und internationale Gesetze sowie sogenannte Hybridzüchtungen zielen auf deren Machterhalt und ihre Herrschaft über die Nahrungskette sowie auf Abhängigkeit der Bauern. Doch auch Widerstand formiert sich.

Wien, 10. Jänner 2020 / Für die Nahrung von rund 7,75 Milliarden Menschen auf der Erde ist eine Menge Saatgut notwendig. Die Zeiten, als der Mensch sich als Jäger und Sammler um die tägliche Nahrung kümmern musste, sind vorbei. Seither gilt: Wer Saatgut besitzt, entscheidet, wie Landwirtschaft betrieben wird. War Saatgut früher Allgemeingut, liegt es heute dank biologisch-technologischer und rechtlicher Mechanismen in den Händen weniger: Agrarkonzerne haben sich in den letzten Jahrzehnten ihre Macht über Vermehrung und Zugang zu Saatgut gesichert und bestimmen damit über unsere Nahrung und deren Produktion.

Saatgut war seit jeher Allgemeingut

Mit der neolithischen Revolution vor gut 10.000 Jahren wurden über einen langen Zeitraum aus Jägern und Sammlern sesshafte Ackerbauern. Die Menschen begannen, Äcker anzulegen und sie zu bewirtschaften. Dabei behielten die Bauern immer einen Teil ihres Saatguts für das nächste Jahr auf. Die ertragreichsten, stärksten Pflanzen dienten dabei als Samenspender für das nächste Jahr.
In der Zeit seit dem beginnenden Ackerbau entstanden so weltweit 5.000 Arten von Nutzpflanzen mit zwei Millionen Sorten, die sich an das jeweilige Klima und die Bedingungen des Bodens anpassten. Seit jeher wurden die Samen nicht nur kultiviert, sondern auch getauscht. Das Saatgut war Allgemeingut – wer es anbaute bzw. erntete, konnte frei darüber verfügen.

Die „grüne“ Revolution: Der Ackerbauer wird industrialisiert

Größer, schneller, ertragreicher: Die grüne Revolution der 1960er Jahre entwickelte landwirtschaftliche Hochleistungs- bzw. Hochertragssorten und verbreitete diese erfolgreich in den sogenannten Entwicklungsländern. Dadurch verbesserte sich die Ernährungssituation vieler Menschen, vor allem in Asien, damit einher gingen allerdings auch extreme Umweltschäden: unter massivem Pestizideinsatz wurden Anbauflächen vergrößert, Monokulturen angebaut und Ernten schneller gestaffelt – ein Trend, der bis heute anhält. Landwirtschaft wird in immer größeren Dimensionen betrieben, Bauern werden zu Industriellen, die innerhalb ihrer eigenen Lebensspanne maximalen Ertrag bei minimalem Aufwand erzielen wollen. Das gelingt ihnen – mit fatalen Folgen für die nachkommenden Generationen: Immer mehr Bodenfläche wird durch Monokulturen und massiven Pestizideinsatz degradiert und damit zum Anbau unbrauchbar. Es kommt zu Arten-, insbesondere zu Insektensterben. Die Biodiversität geht massiv zurück. Die verbesserte Ernährungssituation vieler Menschen ist damit nur eine vorübergehende – die Folgen dieser Art von Bewirtschaftung führen zu massivem Boden- und Insektensterben, deren Folgen wiederum auf uns Menschen verheerende Auswirkungen haben könnten.

Kampf ums Geschäft mit den Samen

Die Kommerzialisierung der Landwirtschaft eroberte zunächst Land und Dünger, schließlich auch das Saatgut selbst: immerhin verspricht der alleinige Besitz von Saatgut viel Macht und Geld. Das Saatgut, das in der kommerziellen Landwirtschaft zum Einsatz kommt, beziehen die Bauern heutzutage von Agrarkonzernen, nicht selten auch Agrarchemiekonzernen – Konzerne, deren Tätigkeit sich sowohl auf die Agrar-, als auch auf die Chemie-Industrie erstreckt. Diese haben sich auf die Züchtung von sogenannten Hybridsorten spezialisiert – Sorten, die sehr ertragreich sind, allerdings nur in der ersten Generation. Daher müssen Bauern, wollen sie hohe Erträge, ihre Hybridsamen jedes Jahr neu kaufen. Das tun sie auch: Der größte Teil von Gemüse, Mais und Sonnenblumen sind Hybride, auch im Öko-Landbau. Die Abhängigkeit der Bauern von Saatgutproduzenten wurde mit der Erfindung von Hybridsorten besiegelt. Für einige wenige Sorten, wie zum Beispiel Weizen, ist noch keine effektive Hybridzüchtung gelungen – hier werden hohe Summen Geld in die Forschung und Entwicklung gesteckt.
Um sich als Saatgut-Produzent gute Gewinne zu sichern, gibt es zusätzlich zum biologisch-technischen Kopierschutz durch Hybridsorten auch noch nationale und internationale rechtliche Mechanismen, die das geistige Eigentumsrecht auf Pflanzensorten regeln.

Sortenschutz und Patente auf Pflanzen – ein gutes Geschäft

Mit dem Saatgut, das der Bauer von einem Saatgutkonzern kauft, kann er lange nicht mehr machen, was er will: Die Samen, die er anbaut, sind gemietet – nicht gekauft. Ist sogenannter Sortenschutz auf eine Pflanze angemeldet, darf nur der Saatgutproduzent Saatgut dieser Pflanze vermehren und vertreiben. Die Weitergabe der Samen aus einer geernteten Frucht über den Gartenzaun an den Nachbarn ist damit bereits illegal. Sortenschutz gilt auch in Österreich – jeder kann eine neu gezüchtete Pflanze nach bestimmten Kriterien zum Sortenschutz anmelden. Darüber hinaus gibt es noch eine schärfere Waffe im Kampf um das nicht-hybride Saatgut: das Patentrecht. Es sichert den Saatgutproduzenten ein lukratives Geschäft. Generell gilt: der Patentinhaber kassiert Lizenzgebühren für den Nachbau einer Sorte, sofern er diesen Nachbau erlaubt. Europaweit gibt es nur noch wenige Länder, in denen keine Nachbaugebühren eingehoben werden. Deutschland zum Beispiel hat eine solche Nachbaugebühr: Ein Bauer muss Nachbaurechte an die Saatgutfirma bezahlen, sofern er Saatgut, das er aus gekauften Nicht-Hybrid-Sorten vermehrt, erneut anbaut. Dies kostet ihn bis zu 80 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises, oder besser gesagt Mietpreises. Österreich gehört noch zu den wenigen Ländern, die sich gegen eine Nachbaugebühr ausgesprochen haben – allerdings wird die verpflichtende EU-weite Einführung intensiv diskutiert. Die EU-Agrarreform 2020 könnte dies bald auch für Österreich Realität werden lassen.

Wer hat die Macht?

Hinter diesen Bestrebungen steht eine mächtige Lobby. In den letzten 20 Jahren wurden viele mittelgroße Saatzucht-Betriebe von den großen Agrarchemiekonzernen übernommen, mittlerweile kontrollieren einige wenige Unternehmen drei Viertel des kommerziellen weltweiten Saatgutmarkts. Die Kombination aus Agrar und Chemie scheint naheliegend: die Konzerne produzieren auf der einen Seite Saatgut und auf der anderen Seite das für die industrielle Landwirtschaft nötige Gift: Pestizide und Herbizide, wie Glyphosat, um den Anbau der Sorten, die durch gentechnische Veränderung mit speziellen Pestizid-Resistenzen gerüstet sind,  zu ermöglichen. Den Agrarindustrie wurde bis vor Kurzem noch von folgenden Konzernen bestimmt: BASF, Bayer, Monsanto, DuPont, Dow und Syngenta sowie ChemChina. Diese sind 2016 bis 2018 fusioniert, die Macht über unsere Nahrung konzentriert sich somit in immer weniger Händen. Bayer kaufte den US-Agrarkonzernriesen Monsanto, DuPont übernahm Dow, Syngenta wurde zu einer Tochtergesellschaft von ChemChina. Das Interesse dieser Riesen richtet sich auf Sorten, die an den Input ihrer Agrarchemie angepasst sind – viele Initiativen zum Schutz der Artenvielfalt befürchten, dass diese immer mehr zurückgeht – und am Ende nur noch einige wenige Sorten übrigbleiben.

Widerstand von unten

Nicht nur die Lobby der Agrarchemiekonzerne – auch der Widerstand von unten wächst. Überall auf der Welt entstehen Initiativen, Vereine, Organisationen. Der Zusammenschluss von Bauern, Gärtnern, Verbrauchern, NGOs und Umweltschützern kämpft für freies Saatgut. International bekannt ist unter anderem die von Vandana Shiva gegründete Organisation Navdanya: sie setzt sich für Saatgut als Allgemeingut ein, dessen Bewahrung, Vermehrung und Weitergabe nicht nur ein Recht, sondern in Zeiten biologischer und ökologischer Zerstörung auch eine Pflicht wird. Die Organisation hat 122 gemeinschaftliche Saatgut-Bänke in Indien errichtet, die Bauern aus der Abhängigkeit von Saatgutproduzenten hin in eine selbstbestimmte, nachhaltige Landwirtschaft führen sollen. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem der österreichische Verein Arche Noah für seinen Einsatz in Sachen Artenvielfalt und Erhalt alter Sorten bekannt. Der Verein leistete auch politische Arbeit auf EU-Ebene. Mit 31. Dezember sperrte das Arche Noah-Büro in Brüssel auf Grund finanzieller Nöte allerdings zu – und mit ihm eine der wenigen Initiativen, die sich auf EU-Ebene für das Recht auf freies Saatgut und Artenvielfalt einsetzten.

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

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