Terroranschlag wegen Jesus-Parodie

Christliche Fundamentalisten verübten zu Weihnachten einen Terroranschlag auf die Büroräume einer Satiregruppe in Rio de Janeiro. Deren Jesus-Parodie wird nach einem Gerichtsurteil auf Netflix nicht mehr gezeigt.

Wien/Rio de Janeiro, 09. Jänner 2020 / Jesus als Homosexueller? Christliche Fundamentalisten in Brasilien finden diesen Schmäh der Satiriker „Porta dos Fundos“ („Hintertür“) nicht lustig. In einem 46-minütigen Film über die „erste Versuchung Christi“ stellte die Gruppe um den brasilianischen TV-Star Fábio Porchat Jesus unter anderem als homosexuell dar. Die Produktion wurde mit einem Emmy für die beste internationale Komödie ausgezeichnet. Ein Gerichtsurteil verbietet nun die Veröffentlichung. Zuvor war ein Terroranschlag auf Porta dos Fundos verübt worden.

Fábio Porchat (zweiter v. l.) bei der Emmy-Verleihung 2019. Bild: APA Picturedesk

Zu Weihnachten attackierten unbekannte Täter die Büroräume der Satiregruppe mit Molotow-Cocktails. Dabei kamen keine Menschen zu Schaden. Eine nationalistische Gruppierung bekannte sich zu dem Anschlag. In einem Bekennervideo posieren Personen mit Skimasken vor einem faschistischen Symbol. Die mutmaßlichen Terroristen begründen ihren Anschlag damit, dass die „Blasphemie“ der „Marxisten“ das Land schwäche.

Fábio Porchat will sich durch den Anschlag nicht einschüchtern lassen: „Sie werden uns nicht zum Schweigen bringen. Niemals. Wir müssen wachsam und stark sein.“

Erinnerung an Mohammed-Karikaturen

Der Vorfall weckt Erinnerungen an den „Karikaturenstreit“, den die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen durch die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten 2005 ausgelöst hatte. Radikale Muslime reagierten weltweit mit gewalttätigen Protesten. Insbesondere kam es zu einer Reihe von Brandanschlägen auf dänische Botschaften.

Netflix muss Ausstrahlung stoppen

Nach heftigen Protesten radikaler Christen muss Netflix nun die umstrittene Jesus-Parodie aus dem Programm nehmen. Der Film dürfe bis auf Weiteres nicht mehr gezeigt werden, urteilte am Mittwoch ein Gericht in Rio de Janeiro.

Damit gab es dem Antrag einer christlichen Gruppe auf eine einstweilige Verfügung statt. Felipe Santa Cruz, der Vorsitzende der brasilianischen Anwaltskammer, kritisierte die Entscheidung. „Die brasilianische Verfassung garantiert die freie künstlerische Entfaltung“, sagte er dem Nachrichtenportal G1. „Jede Art der Zensur bedeutet einen Rückschritt und kann von der Gesellschaft nicht hingenommen werden.“

Präsidenten-Sohn kritisiert Film

Eduardo Bolsonaro, der Sohn des rechtsradikalen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, schlug sich auf die Seite der Kritiker: Wir sind für Meinungsfreiheit, aber ist sie es wert, den Glauben von 86 Prozent der Bevölkerung anzugreifen?“, fragte Bolsonaro auf Twitter.

Screenshot Twitter

Vorwürfe, die Darstellung Christi sei homophob, wies Fábio Porchat in einem Interview mit dem US-Magazin Variety zurück: „Die Schwulencommunity liebt uns.“ Homophob sei vielmehr, dass sich christliche Fundamentalisten an der Darstellung Jesu als homosexuell störten.

Porchat: „Habe das mit Gott besprochen“

Kritikern von Porta dos Fundos begegnete Porchat mit einem satirischen Verweis auf die sozialen Probleme Brasiliens: „Leute, ich habe das mit Gott besprochen. Es ist alles in Ordnung, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Jetzt könnt ihr euch wieder über die Ungleichheit aufregen, die unser Land zerstört. Aber bitte mit der gleichen Leidenschaft, ja?“

(tw/agenturen)

Titelbild: APA Picturedesk

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