Abschuss?

Info-Krieg um Flug PS752

Die Indizien mehren sich: offenbar wurde das Passagierflugzeug PS752 durch eine Rakete abgeschossen. Ein von der New York Times veröffentlichtes Video – und nach eigenen Angaben – verifiziertes Video bestätigt das. Trudeau und Trump gehen von einem Abschuss aus. Der Kampf um die Darstellung ist mittlerweile voll entfacht.

Teheran/Washington, 10. Jänner 2020 / Während unzählige Familien um ihre Angehörigen trauern, streiten die Konfliktparteien um den Flug PS752. 176 Menschen starben beim Absturz nahe Teheran. Die Maschine war am Mittwochfrüh kurz nach dem Start abgestürzt. Die ukrainische Maschine war am Weg nach Kiew. Washington und Kanada gehen nun von einem Abschuss aus.

Kanadischer Premier glaubt an Abschuss

Justin Trudeau stellte in einem gestrigen Statement klar:

„Wir haben Informationen aus verschiedenen Quellen, einschließlich unserer Verbündeten und unsere eigenen Informationen. Alles deutet darauf hin, dass das Flugzeug von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde.“

Kanada hat besonderes Interesse an den Umständen des Absturzes: 63 der Opfer war kanadische Staatsbürger. Zudem waren 82 Iraner, 10 Schweden, 4 Afghanen, 3 Deutsche, 3 Briten sowie und 11 Ukrainer (2 Passagiere, 9 Besatzungsmitglieder) an Bord.

Über die kanadischen Passagiere weiß man bereits mehr: viele von ihnen waren junge Akademiker, Ärzte, auch Professoren. Einige hatten iranische Familien. Der Flug nach Kiew war nur ein Zwischenstopp. Laut kanadischen Nachrichten waren die meisten am Weg zurück nach Kanada.

„Diese Menschen, die in unserer Gemeinde wirklich herausragten, sind nicht mehr unter uns. Es waren Menschen, die wirklich Einfluss auf die Gemeinde hatten“,

sagt Reza Akbari, Präsidentin der iranischen Gesellschaft von Edmonton. Sie kannte einige Opfer.

Bei einer Pressekonferenz in Ottawa zeigt sich Trudeau entschlossen. Seine Regierung werde nicht ruhen, bis alle Umstände transparent untersucht worden sind und Gerechtigkeit umgesetzt wurde. Wenige Stunden zuvor sagten auch erste US-Offizielle gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass von einem Abschuss ausgegangen werde. Die US-Regierung glaube, dass der Iran den Flieger versehentlich mit Flugabwehrraketen abschoss. Der Iran verfügt über ein russisches Flugabwehrsystem.

Video deutet auf Abschuss hin

Im Laufe des Abends tauchte ein Video auf, das aus Teheran stammen soll. Die New York Times behauptet, das Video verifiziert zu haben. Im Video ist eindeutig ein Abschuss zu sehen. Auch der verzögerte Knall von 10 Sekunden passt auf die Flughöhe von rund 2.400.

Das sind schwere Anschuldigungen gegen den Iran. Dieser reagierte umgehend. „Unmöglich“, sagte Ali Abedzadeh, Chef der Iran Civil Aviation Organization (Iranische Zivile Luftfahrtbehörde). Denn es wären auch Dutzende andere Flugzeuge im Luftraum und in dieser Höhe gewesen. Über alle wäre die Armee informiert gewesen.

Teheran versucht derweil zu beschwichtigen. Es seien ukrainische Experten vor Ort, Wrack und Unfallort werden gemeinsam untersucht. Die Boeing 737-800 gilt als äußerst sicher und soll auch zwei Tage vor dem Flug gewartet worden sein. Man wolle „sämtliche Beweise und Dokumente“ des Fluges PS752 den Medien zur Verfügung stellen, um zu beweisen, dass die Maschine nicht abgeschossen wurde. Wann dies passiert und welche Medien diese Dokumente erhalten sollen, bleibt unklar.

Unabhängige Aufklärung?

Der ukrainische Präsident Selenski steht im Kontakt mit Irans Präsidenten Hassan Rohani. Die Ukraine wolle eine Aufklärung nach internationalem Protokoll. Zudem sagte Selenski auf Facebook: „Ich bitte alle sehr, von Spekulationen und der Verbreitung ungeprüfter Versionen zur Katastrophe bis zur Veröffentlichung offizieller Informationen Abstand zu nehmen.“ Auch schwedische und kanadische Experten sollen an der Untersuchung teilnehmen dürfen.

Im Netz läuft der Kampf um die Darstellung auf Hochtouren. Vor allem um die Blackbox soll ein Streit entbrannt sein. Angeblich würde der Iran die Flugschreiber nicht übergeben wollen. Laut dem Iran werden diese gerade von Experten untersucht. Um den offenen Info-Krieg einzubremsen, braucht es dringend offizielle Untersuchungen. Boeing will die Blackbox. Doch aufgrund der US-Sanktionen könne sich Boeing nicht direkt mit den iranischen Behörden austauschen, schrieb die New York Times. Diese veröffentlichte auch das Video, das den Abschuss bestätigen soll. Laut New York Times wurde es auf Echheit mittels Überprüfung der Geolocation der Aufnahme geprüft. Zudem soll auch Kontakt mit dem anonymen Telegram-Account aufgenommen worden sein, um die Echtheit zu überprüfen. Das Video ist kein Beweis, jedoch ein starkes Indiz. Beweise können nur unabhängige Instanzen liefern.

Wer allerdings unabhängig inmitten des hochbrisanten Konflikts zwischen der USA und dem Iran untersuchen kann, ist fraglich. Die Austrian Airlines strich mittlerweile bis zum 20. Jänner ihre Flüge von und zu Teheran.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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