Medikamenten-Engpässe

Österreicher zunehmend betroffen

Medikamenten-Engpässe sind ein globales Phänomen, das der freien Marktwirtschaft und zunehmender Monopolstellung einzelner Pharma-Unternehmen geschuldet ist. Auch Österreich ist immer mehr betroffen. Vor allem im letzten Jahr hat sich die Situation verschärft, berichtet der ORF. Für einen Großteil der Medikamente gibt es aber Ersatzpräparate.

Wien, 15. Jänner 2020 / Bestimmte Medikamente sind in Österreich immer öfter nicht erhältlich. Laut Liste der Meldungen zu Vertriebseinschränkungen von Arzneimittelspezialitäten vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen sind mit heutigem Stand 219 Präparate in Österreich nicht lieferbar – mit unbekannter Dunkelziffer: Lieferschwierigkeiten müssen nicht gemeldet werden, es gibt auch kein zentrales Register. Fehlen kann also wesentlich mehr – von der Pille gegen Bluthochdruck, über Antidepressiva, bis hin zu Impfstoffen oder Antibiotika.

Ersatzpräparate vorhanden

Entschärft wird die Situation allerdings durch Ersatzpräparate, die für fast jedes Medikament erhältlich sind. Das bedeutet: es kommt von einem anderen Hersteller, in anderer Verpackung, mit anderer Form oder Farbe der Tablette – aber verfügt über denselben Inhaltsstoff. Die Verschreibung von Ersatzpräparaten bedeutet einen zusätzlichen Aufwand – Rezepte müssen neu ausgestellt werden, Apotheken müssen sich um die Ersatzprodukte bemühen. Patienten müssen ein zweites oder drittes Mal in die Apotheke gehen. In manchen Fällen gestaltet sich der Ersatz allerdings als heikel. Der Rechnungshof untersuchte die Situation der Medikamentenversorgung in ausgewählten Krankenanstalten in Tirol und Salzburg und warnte im November 2019 vor einer möglichen Patientengefährdung.

Christian Wurstbauer, Vizepräsident der österreichischen Apothekerkammer, gibt im Interview mit Ö1 allerdings Entwarnung: In jeder Situation wird die Apotheke so intervenieren, dass das Wohl des Patienten nicht gefährdet ist. Wäre dieses gefährdet, sehe das Gesetz die Herausgabe eines Ersatzpräparats auch ohne Rezept vor, allerdings nur die kleinste Packungsgröße.

Versorgungsengpass führt zu Rückkäufen

Patientenanwalt Gerald Bachinger spricht gegenüber Ö1 von einem Versorgungsengpass, wie zum Beispiel bei Immunsuppressiva – das sind Medikamente, die die Funktion des Immunsystems verhindern und bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen oder nach einer Organtransplantation zum Einsatz kommen. Er sagt, es seien von einem Medikament Rückkäufe aus Italien gemacht worden, um die Versorgungssituation in Österreich in den Griff zu bekommen. Diese Engpässe hätten direkte Auswirkungen auf Gesundheit und Leben der Patienten.

Problem der Monopolstellung und ausgelagerten Produktion

Probleme, die zu Engpässen führen, sind vielseitig. Profitorientierte Unternehmen streben danach, ihre Produktionskosten zu senken, damit die Gewinnspanne ihrer Produkte größer wird. Daher wird die Produktion oft in Länder wie China oder Indien ausgelagert. Beim geringsten Verdacht auf Qualitätsmängel muss die Produktion sofort gestoppt werden. Auch auf dem langen Transportweg sind Komplikationen möglich. Weiters kommt es zunehmend zu Monopolstellungen, Pharma-Unternehmen fusionieren – was dazu führt, dass bestimmte Stoffe nur mehr von einem Produzenten hergestellt werden, oft auch nur noch an einem Ort. Fällt dieser aus, gibt es keinen Ersatz dafür.

Illegaler Markt

Für jegliche Produkte von Wert gibt es einen illegalen Markt. Das gilt auch für Medikamente: Produkte können aus der legalen Kette „abgezogen“ werden und über illegale Vertriebswege weiterverkauft werden. Auch dadurch können Arzneimittelengpässe auf dem heimischen Medizinmarkt entstehen. Andererseits können Fälschungen namhafter Produkte über legale oder illegale Wege vertrieben werden. Gefälschte Medikamente bergen je nach Art der Fälschung ein zum Teil sehr hohes Gesundheitsrisiko.

Weitere Einflüsse: Parallelhandel, Unternehmensstrategien

Freier Warenverkehr führt dazu, dass Arzneimittel-Importeure Medikamente in Ländern, wo sie billig erhältlich sind, einkaufen und diese in Ländern, wo sie teurer sind, weiterverkaufen. Länder handeln Medikamentenpreise selbst aus. Ein Beispiel für Folgen von Preisunterschieden sind onkologische Produkte in Bulgarien: Da sie dort extrem billig sind, ist der bulgarische Markt wie leergefegt. Oft kommen Medikamente in Ländern, in denen sie billiger verkauft werden, auch erst 2-3 Jahre später auf den Markt, da es die Unternehmensstrategie des produzierenden Unternehmens so vorsieht.

Wer entscheidet, wie viel Medikamente wir brauchen?

Die Einschätzung über den Bedarf von Medikamenten in einem Land obliegt der Pharma-Industrie. Die primäre Verantwortung, die Lieferfähigkeit von Präparaten aufrechtzuerhalten, liegt beim Zulassungsinhaber bzw. beim Großhändler. Es ist sicherzustellen, dass der Bedarf der Patientinnen und Patienten im Inland gedeckt ist. Dazu § 57a. (1) des Arzneimittelgesetzes:

„Der Zulassungsinhaber oder der Inhaber einer Registrierung einer Arzneispezialität und die Arzneimittel-Großhändler und Arzneimittel-Vollgroßhändler, die diese tatsächlich in Verkehr gebrachte Arzneispezialität vertreiben, haben im Rahmen ihrer jeweiligen Verantwortung eine angemessene und kontinuierliche Bereitstellung der Arzneispezialität für die Abgabe durch Apotheken oder für sonst zur Abgabe gemäß § 59 Berechtigte sicherzustellen, damit der Bedarf der Patienten im Inland gedeckt ist“.

Für Lieferengpässe kann dennoch juristisch niemand verantwortlich gemacht werden, so Patientenanwalt Gerald Bachinger im Gespräch mit Ö1.

Verpflichtende Meldung von Versorgungsengpässen gefordert

Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen veranstaltete im Oktober 2019 zum zweiten Mal einen runden Tisch zum Thema „Arzneimittelversorgung in Österreich“. Dabei erarbeiteten mehr als 30 Vertreterinnen und Vertreter österreichischer Stakeholder des Gesundheitswesens Lösungsansätze, um die Versorgung mit Medikamenten in Österreich sicherzustellen. Eine eigens eingerichtete Task Force bearbeitet dabei entstandene Vorschläge und Maßnahmen zur Umsetzung – gefordert wurde eine verpflichtende Meldung von Vertriebseinschränkungen, um auftretende Engpässe rechtzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einleiten zu können, sowie ein Exportverbot bei besonders kritischen Engpässen, um zu verhindern, dass „bei bereits drohenden Engpässen für Österreich bestimmte und noch in Österreich lagernde Kontingente über unerwünschte Exporte dem österreichischen Gesundheitssystem entzogen werden.“

(lb)

Titelbild: APA Picturedesk

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