Schokolade wird zum Luxusgut

Wie die Klimaerhitzung aus Krankheiten Seuchen macht
Teil 4 der Serie: Wer die Umwelt zerstört

Jeder Österreicher, vom Baby bis zum Greis, verputzt statistisch betrachtet 8,7 Kilogramm Schokolade pro Jahr. Eine knappe Milliarde ist uns das in Summe wert. Damit liegen wir „nur“ an 5. Stelle, hinter den Spitzenessern in Deutschland, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und Norwegen – aber noch immer im europäischen Spitzenfeld.

Doch das könnte sich bald ändern. Die Klimaerhitzung sorgt für immer mehr kranke und tote Kakaoplantagen. Eine Viruserkrankung in Ghana hat offiziell bereits 16 Prozent der Bäume befallen, eine Eindämmung der Epidemie scheint nicht zu gelingen. Im Gegenteil: Schwappt die Krankheit in die benachbarte Elfenbeinküste über, dann wird Kakao sehr bald weltweit zur Mangelware.

Die größten Sckokolade-Connoisseure in Europa

Schokoladenverbrauch in Tafeln a 100g pro Kopf im Jahr 2018.

Grafik: ZackZack

Wien, 25. Jänner 2020 / Der Schokolademarkt wächst rasant. Mit dem steigenden Wohlstand in den Schwellenländern sind riesige neue Märkte für Schokoprodukte entstanden. Vor 10 Jahren war Schokolade in China noch ein Luxusprodukt – verkauft in kleinen Verpackungseinheiten, damit es sich zumindest einige Menschen leisten konnten. Heute gehört Schokolade für immer mehr Chinesen zum Alltag. Wurden 2019 noch 103 Milliarden US-Dollar mit Kakao umgesetzt, so wird der Handel schon 2024 ein Volumen von mehr als 160 Milliarden US-Dollar erreichen.

600.000 Kleinbauern in der Elfenbeinküste

Westafrika ist das Zentrum für den Anbau des Kakaobaumes. Drei Viertel des gesamten Angebotes stammen von dort. In Ghana und der Elfenbeinküste wachsen rund 50 Prozent des weltweiten Kakaoangebotes. Wobei jede dritte Kakaobohne aus der Elfenbeinküste stammt.

Rund 50 Millionen Menschen sind weltweit von Anbau und Handel mit den Bohnen abhängig. In der Elfenbeinküste leben mehr als 600.000 Kleinbauern vom Ertrag ihrer Pflanzungen.

Vom Amazonas nach Westafrika

Der Ursprung der Kakaopflanze liegt im Amazonasbecken. In Zentralamerika wurde Kakao schon vor der Ankunft der Europäer zu alkoholischen Getränken verarbeitet. Schnell entdeckten die europäischen Kolonialherren den Wert der Bohne und Kakao wurde zu einem Wirtschaftsfaktor in der Region. Kakao wächst nur bis zum 20 Breitengrad nördlich und südlich des Äquators. Die Bohne ist wärmeliebend und braucht regelmäßige Niederschläge.

Die Portugiesen brachten die Pflanze Mitte des 19. Jahrhunderts nach Westafrika. Der große kommerzielle Anbau begann aber erst in den 1930er Jahren.

Der Tod tritt nach drei bis vier Jahren ein

Der Regenwald musste damals schon den Kakaoplantagen weichen und es dauert nur ein paar Jahre, bis 1936 eine als Swollen-Shoot-Krankheit bezeichnete Epidemie ausbrach. Innerhalb weniger Jahre wurde der Bestand an Kakaobäumen auf 500 Quadratkilometern vernichtet. Dahinter steckten Bandnaviren, die von Schmierläusen übertragen wurden. Bandnaviren sind Pflanzenviren, die Nutzpflanzen wie Bananen, Ananas, Grapefruits, Zitrusfrüchte, Stachelbeeren und eben die Kakaopflanzen befallen. Bei den Pflanzen verringert sich zuerst der Ertrag, bis sie nach drei bis vier Jahren endgültig absterben.

Die Bauern sind in einem Teufelskreis gefangen

Die Kakaopflanzen besitzen keinen natürlichen Schutz gegenüber den Bandnaviren. Erfolgsversprechend ist nur die sofortige Entfernung und die Vernichtung der befallenen Bäume. Aufgrund der steigenden weltweiten Nachfrage werden die Kakaoplantagen immer dichter. Weil die Symptome oft erst spät erkannt werden und die Bäume relativ langsam sterben, tragen die Bauern häufig zur Verbreitung der Viren bei, indem sie das Saatgut kranker Bäume weitergeben. Auch nehmen viele Bauern die geringeren Erträge der ersten beiden Jahre in Kauf, statt die Pflanzen zu vernichten. Noch gibt es keine Kompensation für die Vernichtung befallener Pflanzen.

„Wenn zu den Effekten des Klimawandels die derzeit großen Auswirkungen von Pflanzenviren, Pilzbefall und Schädlingen hinzukommen, gelangen wir zu einer erschreckenden Lage.“

Judith Brown, Pflanzenvirologin, University of Arizona

Swollen-Shoot-Krankheit – Es gibt kein Davonlaufen mehr

Noch 1999 ging die Wissenschaft von einer Virusspezies als Ursache der Swollen-Shoot-Krankheit aus. Doch mittlerweile ist klar, dass mehrere Arten von Bandnaviren diese Krankheit auslösen. Es gibt also vielfältige Spezies, verschiedene Wirte und verschiedene Quellen. „Es ist inzwischen klar, dass eine ganze Reihe verschiedener Spezies des Badnavirus die Krankheit auslösen. Diese verursachen regional sehr unterschiedliche äußere Symptome, was die Erkennung weiter erschwert“, sagt George Ameyaw vom Kakaoinstitut in Ghana. Es gibt offenbar kein „Davonlaufen“. Die Elfenbeinküste und Ghana haben versucht, der Krankheit auszuweichen, indem sie Plantagen immer weiter entfernt von den ursprünglichen Ausbruchsherden errichteten. Nun wird aber immer offensichtlicher, dass die Krankheit auch auf entfernten neuen Plantagen auftritt.

Wenig erforschte Übeträger

Grüne Barrieren sollen als ein möglicher Ausweg Abhilfe schaffen. Um die Plantagen herum werden Gürtel aus Pflanzen errichtet, die auf die Viren nicht anfällig sind und diese nicht weitergeben. Das sind in erster Linie Zitrusfrüchte, Palmölplantagen und Kautschuk. Diese Pflanzungen bieten den Bauern ein Zusatzeinkommen. Ob das aber wirklich hilft, ist unklar, denn ein wichtiger Überträger, die Schmierlaus, ist wenig erforscht. Ameisenarten, die die Läuse melken, tragen zur Verbreitung der Schmierlaus bei.

Klimawandel als Multiverstärker

Dazu kommen nun noch Umweltfaktoren, die die Ausbreitung der Krankheit begünstigen. Zwei davon sind steigende Temperaturen und das Ausbleiben von Niederschlägen. Beides sind Folgen der Klimaerhitzung in Westafrika. „Die Kakaobäume in Westafrika sind unter Stress, weil sie keinen Regen mehr erhalten, wenn sie ihn benötigen. Und später im Jahr ist es dann zeitweise zu viel Regen“, erläutert Judith Brown eine Pflanzenvirologin von der University of Arizona. „Wenn zu den Effekten des Klimawandels die derzeit großen Auswirkungen von Pflanzenviren, Pilzbefall und Schädlingen hinzukommen, gelangen wir zu einer erschreckenden Lage.“ Laut Brown dürfte die Zahl der befallenen Bäume in Ghana weit höher sein als die bestätigten 16 Prozent.

CRISPR-Technologie als letzter Ausweg? Vielleicht – aber nicht gewiss!

Als ein weiterer Ausweg scheint die Möglichkeit zu sein, Kakao gentechnisch soweit zu verändern, dass er dem Virus widersteht. Schon 2008 wurde das gesamte Genom der Pflanze vom United States Department of Agriculture nach seiner Entschlüsselung der Wissenschaft frei zur Verfügung gestellt. Werden schon bald die anfälligen Gene des Kakaos durch widerstandsfähige ersetzt? Gerade die CRISPR-Technologie bietet dabei ein interessantes Potenzial. „Wegen des Klimawandels verändern sich auch die Viren immer schneller“, erklärt Brown und bleibt skeptisch: „Wir haben zum Beispiel gerade erst eine neue aggressive Spezies entdeckt, welche die Bäume nach nur einem Jahr tötet.“  

Offen bleibt dabei die Frage, ob vor allem die europäischen Verbraucher gentechnisch veränderten Kakao überhaupt akzeptieren würden. Bei dieser Frage ist auch die Wissenschaft gespalten. Gut möglich, dass Schokolade in ein paar Jahren nur mehr ein Produkt für die Reichen und Schönen sein wird – ein weiterer möglicher Kollateralschaden der aufziehenden Klimakatastrophe.

(sm)

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