Letzter Wuhan-Report verschwunden

Chen Qiushi vermisst

Chen Qiushi, Menschenrechtsanwalt und Journalist, reiste nach Wuhan, als die chinesische Regierung die Stadt unter Quarantäne stellte. Er berichtete exklusiv vom Epizentrum des Coronavirus. Seit Donnerstag ist er verschwunden.

Peking/Wien, 10. Februar 2020 / Einen Tag nachdem Wuhan und die Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt wurde, kam der 34-jährige Chen Qiushi im Corona-Epizentrum an. Ab dann berichtete er als Video-Reporter über Wuhan. Er besuchte Spitäler, observierte Krematorien, sprach mit Patienten und veröffentlichte seine Recherchen auf Youtube.

#FindQiushi

Er war der letzte unabhängige Reporter, der aus Wuhan berichtete, aber seit Donnerstag ist Chen Qiushi verschwunden. Laut Informationen seiner Freunde war er am Weg zu einem Lokalaugenschein in einem Krankenhaus. Aber dann brach der Kontakt ab, offenbar wurde er von chinesischen Behörden aufgegriffen. Angeblich hält er sich nun in einem der Quarantäne-Lager von Wuhan auf. Dort werden Personen untergebracht, die sich nachweislich mit Corona angesteckt haben oder verdächtig sind, angesteckt zu sein.

Nun soll auch Chen Qiushi dort eingesperrt worden sein. Seither wurde der Hashtag #FindQiushi zum Trend im Internet, unzählige etablierte Medien weltweit berichten über sein verschwinden. Im chinesischen Internet versuchen unzählige Menschen auf das Verschwinden des Wuhan-Reportes aufmerksam zu machen. Schon vor seinen Videos aus Wuhan war Qiushi alles andere als ein Unbekannter: Als rasender Reporter berichtete er von den Protesten in Hongkong. Dort zeigte er, dass die Protestbewegung vor allem auch aus friedlichen Demonstranten besteht.

„Ich habe keine Angst vor der KPC“

Ein zutiefst bedrückendes Video nahm er am 30. Jänner 2020 auf. Dort berichtet er von seinen Beobachtungen in Krankenhäusern und vom psychischen Druck, den er verspürt. Sein WeChat-Account (das zentrale Kommunikations- und Zahlungsapp Chinas) wurde gelöscht, erkennt WeChat Videos mit seinem Gesicht, wird es umgehend gelöscht.

Das Video mit exklusiv Bildern und Eindrücken aus Wuhan schloss Qiushi mit den Worten:

„Ich habe Angst. Vor mir ist der Virus, hinter mir ist die chinesische Strafverfolgung. Aber solange ich lebendig in dieser Stadt bin, werde ich berichten. Ich erzähle nur was ich sah und was ich hörte. Ich habe nicht einmal Angst vor dem Tod, du denkst, ich hätte Angst vor dir, Kommunistische Partei Chinas?“

Menschen fordern seine Freiheit

Freunde, die nun seinen Twitter-Account übernommen haben, sagten gegenüber CNN: “Wir machen uns um seine physische Sicherheit sorgen, haben aber auch Angst, dass er mit dem Virus infiziert wird.“ Seine Freunde bleiben anonym, auch sie kämpfen mit Verfolgung durch die chinesische Partei.

Aber im Internet rumort es. Schon nach dem Tod des Arztes, der bereits im Dezember auf das Virus aufmerksam machte, äußerte viele Chinesen ihren Unmut über die strenge Zensur. Jetzt verlangen viele Menschen in den sozialen Medien WeChat und Weibo, zu erfahren, wo Qiushi ist.

„Niemals gibt es Superhelden, die vom Himmel in diese Welt abstiegen, sondern immer nur ganz gewöhnliche Menschen, die sich selbst in die Zerstörung werfen“

, lautet ein anonymer Post.

(ot)

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Titelbild: Chen Qiushi

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