Schallenberg und das Virus

Mysterium Iran-Reise

Gab es ausreichend Schutzvorkehrungen rund um Schallenbergs Iran-Reise? Wurde aufgrund drohender Quarantäne diplomatisch interveniert, damit der Minister ausreisen kann? Das Ministerium hüllt sich in Schweigen, Schallenberg ist derweil weiter unterwegs.

Wien, 26. Februar 2020 / Mittlerweile ist auch der Iran auf dem Weg zu einem Corona-Risikogebiet. Dem Regime zufolge gibt es 19 Tote und 139 Infizierte. Tatsächlich ist die Zahl wohl deutlich höher. Auch iranische Regierungsmitglieder sind bereits infiziert. Außenminister Schallenberg (ÖVP) reiste am Wochenende dennoch in den Iran, um im Auftrag der EU die Atom-Deal-Gespräche fortzusetzen. Der Aufenthalt und die Umstände der Rückreise werfen jedoch zahlreiche Fragen auf. Diese haben wir dem Ministerium gestellt.

Ohne Schutzmaske naschend am Bazar

Doch der Reihe nach: Wie der „Kurier“ am Montag berichtete, soll der Minister trotz verschärfter Situation vor Ort ohne Schutzmaske „volksnah“ durch einen Bazar flaniert sein und Pistazien genascht haben. Abgesehen von der ungeklärten Frage, ob Masken überhaupt vor Infektion schützen, macht das für den Minister jedenfalls keinen schlanken Fuß.

Irans Vize-Gesundheitsminister ist am Coronavirus erkrankt. Quelle: Twitter.

Schallenbergs Team soll schon früh während der Reise über das erhöhte Risiko in Kenntnis gesetzt worden sein:

„Ihr Aufenthalt dürfte sich tatsächlich verlängern. Die Turkish Airlines fliegen Teheran nicht mehr an.“

Trotzdem schüttelte Schallenberg zum Beispiel Irans Außenminister Sarif die Hände, der sich zu einem fragwürdigen Joke hinreißen ließ: „Habe keinen Coronavirus“, so Sarif grinsend bei der Ankunft Schallenbergs. Bekannt ist mittlerweile, dass zumindest der iranische Vize-Gesundheitsminister infiziert ist. Medienberichten zufolge ist er nicht der einzige infizierte Regimeangehörige.

Verhinderte diplomatische Intervention Quarantäne?

Mehrere Versuche einer schnellen Ausreise, inklusive der Route über die Türkei, scheiterten zunächst. Jedoch wurde offenbar auf Druck des österreichischen Außenministeriums ein Gabelflug über Doha (Katar) nach Wien organisiert. Pikant: Katar stellt alle Passagiere aus dem Iran unter 14-tägige Quarantäne! Schallenberg und sein Team fielen aber offenbar nicht unter diese Regelungen. Gibt es also Sonderbehandlungen von Diplomaten, selbst wenn die Gefahr besteht, dass diese durch den Kontakt mit iranischen Vertretern infiziert worden sind? Oder wird die Quarantäne in Katar bei Passagieren mit Anschlussflügen nicht verhängt? Dies wäre durchaus denkbar, da Katar daran interessiert sein könnte, mögliche Infizierte einfach weiterreisen zu lassen, damit das Virus nicht ins Land kommt. Das wiederum würde stehen und fallen mit den Gegebenheiten und der Organisation vor Ort – aber auch einem möglichen “Nachdruck” der Durchreisenden.

Fragen an das Ministerium

Jedenfalls läge es im Interesse des Ministeriums, derartige Spekulationen auszuräumen und proaktiv zu kommunizieren. ZackZack hat deshalb nach mehreren telefonischen Versuchen am Mittwoch eine Reihe von Fragen per Mail an die Pressestelle des Ministeriums gerichtet. Bislang blieben diese unbeantwortet.

ZackZack wollte insbesondere wissen, auf welche Amtsträger der ÖVP-Außenminister im Iran traf. Laut Medienberichten soll Schallenberg Gerüchte über ein Zusammentreffen mit dem infizierten Vize-Gesundheitsminister dementiert haben. Dieser könnte jedoch ein anderes Regierungsmitglied angesteckt haben. Deshalb haben wir auch Fragen bezüglich der Schutzvorkehrungen und gesundheitlicher Maßnahmen seitens der Delegation an das Ministerium gerichtet.

Keine Antwort. Genauso unklar ist:

Wie ist mit einer möglichen Quarantäne im Iran oder in Katar umgangen worden? Gab es diplomatische Interventionen? Was ist in Katar passiert, wie hat man sich auf die Weiterreise vorbereitet? Hat der Außenminister seitdem Kollegen in der Bundesregierung angetroffen?

Schallenberg weiter auf Reisen

Brisant ist, dass Außenminister Schallenberg offenbar, trotz der erhöhten Ansteckungsgefahr im Iran, nach Genf zu einem UN-Gipfel weiterreiste. Dort traf er auf Kollegen anderer Länder, so auch Deutschlands Außenminister Heiko Maas.

Schallenberg beim Handshake mit Maas in Genf – nach der Dienstreise in den Iran. Bild: APA Picturedesk.

Aufgrund der variierenden Angaben, ab wann Symptome sichtbar sein können (die Angaben reichen von drei Tagen bis zu einem Monat, Red.), ist die Weiterreise des Außenministers verwunderlich. Zumal sich Bundeskanzler Kurz gestern zu mahnenden Worten gegenüber der Bevölkerung gezwungen sah: so rief er zu “vernünftigem Verhalten” auf. Zugleich betonte er, dass Reisewarnungen keine Empfehlungen seien, sondern “einzuhalten”.

Sebastian Kurz verlangt einen “Beitrag” der Bevölkerung. Den Außenminister eingeschlossen? Quelle: Twitter.

Ob die Aufforderung des Kanzlers auch in seiner Ministerriege Anklang findet, ist aufgrund der unbeantworteten Fragen unklar. Die Frage ist auch, warum sich der Außenminister weiterhin zu verschiedenen Themen äußert, so zum Beispiel zu Venezuela und dem Atom-Abkommen mit dem Iran. Zur Corona-Thematik und den Vorgängen rund um seine Iran-Reise schweigt er allerdings noch.

Flughafen-Sprecher klärt auf

Die Pressestelle des Wiener Flughafens war hingegen erreichbar und gab Auskunft über das Prozedere vor Ort. So gebe es laut Sprecher des Flughafens Wien genaue Einsatzpläne,

„der Flughafen steht dazu mit den Gesundheitsbehörden in enger und laufender Abstimmung. Passagiere, die mit Direktflug aus China nach Wien kommen, werden überdies beim Verlassen des Flugzeuges auf Körpertemperatur kontrolliert.“

Dies trifft aber nicht auf Passagiere aus dem Iran bzw. aus Katar zu. Sollte der Außenminister auf dem Weg nach Genf einen Zwischenstopp in Wien eingelegt haben, wurde bei ihm also nicht Fieber gemessen.

Auf die ZackZack-Anfrage, wie bei möglichen Infektionen hochrangiger Politiker bzw. Diplomaten vorgegangen wird, kam bislang noch keine Antwort von offizieller Seite.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

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