Dicke sind nicht faul!

Undiszipliniert, faul und verfressen – wer über mehr als nur ein paar sanfte Kurven verfügt, ist häufig mit diesen Klischees konfrontiert. Diskriminierung bei der Arbeits- oder Wohnungssuche gehören mitunter zu den Alltagserfahrungen hochgewichtiger Menschen, das gesellschaftliche Klima ist ihnen gegenüber oftmals feindlich – mit negativen Auswirkungen auf ihren Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung.

Wien, 4. März 2020 / Stark übergewichtige Menschen gelten im Zeitalter der Fitness als faul oder disziplinlos, sie sind häufig mit Diskriminierung zum Beispiel bei der Arbeits- oder Wohnungssuche konfrontiert, bis hin zu spezifischen Alltagserfahrungen wie verachtenden oder angeekelten Blicken – oder mehr oder weniger gut gemeinten, oft übergriffigen Kommentaren und Tipps. Es sei nur eine Frage der Willenskraft, Übergewicht loszuwerden, so lautet eine verbreitete Meinung – wer zu viel wiegt, ist selber schuld. In der Folge wird Menschen mit Adipositas oft unterstellt, es fehle ihnen an Selbstkontrolle und Disziplin. Das entspricht allerdings nicht dem heutigen Kenntnisstand der Forschung: Gewichtsregulation ist nicht reine Willenssache, sondern hängt auch von biologischen, genetischen und umweltbedingten Faktoren ab.

Stigmatisierung Hochgewichtiger thematisieren

Am 4. März ist Welt-Adipositas-Tag: Dieser Tag soll aufmerksam machen auf die Probleme von schwerem Übergewicht, darunter die Stigmatisierung und Diskriminierung von hochgewichtigen Menschen. 2015 fand der erste „World Obesity Day“ statt. Unter Adipositas wird auch Fettleibigkeit, Fettsucht oder Obesitas verstanden: Sie ist eine Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung, die starkes Übergewicht zur Folge hat.

Die Stigmatisierung Über- und Hochgewichtiger schlägt weite Kreise: In unserer von Fitness- und Schlankheits-Trends geprägten Gesellschaft haben sie neben schlechteren Chancen am Arbeits- und Wohnungsmarkt auch schlechtere Bildungschancen und sind durch die Stigmatisierung konkreter Gesundheitsgefährdung ausgesetzt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind dabei gleichermaßen betroffen.

Auf Twitter und Facebook sind zahlreiche Beiträge zum #WorldObesityDay zu finden. Ihr Anliegen ist meist die Entstigmatisierung von fettleibigen Menschen.

Schlechtere Behandlung im Gesundheitssystem – fehlerhafte Diagnose

Vorurteile gegenüber Übergewichtigen können auch ihren Zugang zu und die Qualität von Gesundheitsversorgung und Bildung beeinträchtigen, warnt das internationale Expertengremium um Francesco Rubino vom King’s College London im Fachblatt “Nature Medicine”.  Auch bei Gesundheitspersonal sind dem Expertengremium zufolge Vorurteile gegenüber Übergewichtigen stark verbreitet, was die Versorgung der Betroffenen nachweislich beeinträchtigt. Betroffene berichten, dass sie sich in der Behandlungssituation nicht ernstgenommen fühlten oder ihr Gewicht als einzige Ursache für all ihre gesundheitlichen Probleme und Symptome verantwortlich gemacht wurde. Diäten oder Gewichtsreduktion sind dabei aber kein Allheilmittel – im Krankheitsfall ersetzen sie keine Therapie. Dicke Menschen erfahren im Gesundheitssystem im Schnitt eine kürzere Behandlungsdauer.

Mobbing wegen Übergewicht – schwere psychische Folgen

Je stärker ausgeprägt das Übergewicht sei, so das internationale Expertengremium, desto stärker falle auch die Diskriminierung aus, die Betroffene erfahren. Zudem trifft sie Frauen häufiger als Männer. Kinder und Jugendliche mit Übergewicht leiden häufig unter Mobbing, was schwere psychische Folgen haben kann.

Teufelskreis Stigmatisierung

Leidet die psychische Gesundheit, kann dies die Betroffenen unter anderem zu ungesunder Ernährung und körperlicher Inaktivität treiben. Das wiederum lässt sie weiter zunehmen – ein Teufelskreis. Insbesondere die Darstellung von Übergewicht in den Medien befeuere Vorurteile, hält das Gremium fest. Stigmatisierende Sprache und Bilder gelte es zu vermeiden.

Globale Fettleibigkeitsepidemie

Von Übergewicht und Fettleibigkeit sind weltweit immer mehr Menschen betroffen. Pikant: besonders jene, die auf dem Land leben. Das gilt auch für Österreich. Dies zeigt eine internationale Studie, die den Body-Mass-Index (BMI) von 112 Millionen Erwachsenen aus 200 Ländern – mitunter Österreich – ausgewertet hat. Der Anstieg des BMI in ländlichen Gebieten trägt laut Studie wesentlich zur globalen Fettleibigkeitsepidemie bei Erwachsenen bei. Zwischen 1985 und 2017 erhöhte sich das durchschnittliche Gewicht von Männern und Frauen um fünf bis sechs Kilogramm pro Person. Mehr als die Hälfte dieses weltweiten Anstiegs wurde dabei im ländlichen Raum verzeichnet.

Laut Statistik Austria waren im Jahr 2014 bereits 32,4 Prozent der Österreicher Übergewichtig, 14,3 Prozent sogar adipös, sprich fettleibig mit einem Body Mass Index von über 30.

(lb/apa)

 

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Titelbild: APA Picturedesk

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