Profit vor Gesundheit

Österreich und das Virus

Wie vorbereitet ist Österreich auf die Ausbreitung des Coronavirus? Und vor allem: Wie sehr nehmen politische Verantwortungsträger und Behörden ihre Verantwortung im Sinne des Schutzes der Bevölkerung wahr? ZackZack liegt ein Beispiel aus Wien vor, das diese Fragen aufwirft – der Europäische Radiologenkongress, zu dem jährlich rund 25.000 Mediziner aus aller Welt nach Wien reisen.

Wien, 6. März 2020 / ZackZack wurde ein Emailwechsel zugespielt, in dem es um das Abhalten oder nicht-Abhalten einer Großveranstaltung mit rund 25.000 Menschen geht. Der Veranstalter, die Europäische Gesellschaft für Radiologie, nahm Kontakt mit der Landessanitätsdirektion der Stadt Wien auf. Die Antwort sorgte für Empörung beim Veranstalter und wirft die Frage auf: Was ist angesichts der derzeitigen Lage verantwortlich, was nicht? Derzeit können Privatpersonen als Veranstalter von Großveranstaltungen selbst entscheiden, ob sie diese abhalten oder nicht – auf eigenes Risiko. Die Behörde mischt sich nicht ein, sie gibt ausschließlich Empfehlungen ab.

Riesen-Event mit 25.000 Teilnehmern abgesagt

Er ist einer der größten Mediziner-Events Europas: Seit 1991 hält die Europäische Gesellschaft für Radiologie mit Sitz in Wien den europäischen Radiologenkongress ab, zu dem rund 25.000 Mediziner aus aller Welt in die Bundeshauptstadt lockt. Auch heuer hätte er, wie jedes Jahr im Frühling, von 11. bis 15. März, stattfinden sollen. Wegen des Coronavirus hat die Europäische Gesellschaft für Radiologie (ESR) jedoch beschlossen, die Konferenz zu verschieben: es wäre unverantwortlich und fahrlässig, den Kongress angesichts der Ausbreitung des Coronavirus abzuhalten. Die Geschäftsführung traf diese Entscheidung auf eigene Verantwortung – ohne rechtliche Grundlage durch eine Verordnung der Regierung. ZackZack erhielt nicht nur ein ausführliches Interview, sondern auch den Emailwechsel, der betreffend die Großveranstaltung zwischen dem Veranstalter und der Landessanitätsdirektion stattfand.

Großveranstaltungs-Checkliste: „nicht umsetzbar“

In seiner Email an die Landessanitätsdirektion Wien übermittelt ESR-Geschäftsführer Peter Baierl die Beantwortung der durch die Behörde herausgegebenen Checkliste für Großveranstaltungen. Darin sind zahlreiche Punkte als „umsetzbar“ beantwortet, einige Punkte allerdings nicht umsetzbar. Darunter folgende Fragen:

  1. „Wird ein Temperatur-Screening beim Eingang durchgeführt?“

Die Antwort: „Temperaturscreening ist nicht umsetzbar aufgrund der hohen Anzahl anerwarteten Teilnehmern (24.000)“

  1. „Kommen viele Besucher aus Risikogebieten?“

Antwort: „Teilnehmer kommen aus allen Kontinenten, wir können trotz Empfehlungen auf Veranstalterseite nicht garantieren, dass es keine Teilnehmer aus Risikogebieten gibt; zudem gibt es die Möglichkeit einer Vorortanmeldung, bei der die Herkunft und Identität der Teilnehmer erst vor Ort festgestellt werden kann.“

  1. „Gehören viele Besucher einer Risikogruppe an?“

Antwort:  „Unsere 24.000 Teilnehmer sind aus allen Altersgruppen, darunter auch betagte, renommierte Wissenschaftler. Auch Teilnehmer mit Vorerkrankungen sind natürlich nicht auszuschließen.“

  1. „Wie eng ist der Kontakt zwischen den Besuchern während der Veranstaltung?“

Antwort: „Bei einer derartigen Großveranstaltung kommt es zwangsweise zu engem Kontakt zu den Teilnehmern, in Gängen, Vortragssälen,Waschräumen etc.“

  1. „Findet die Veranstaltung im Freien statt, ohne engen Kontakt der Besucher?“

Antwort: „Die Veranstaltung findet ausschließlich Indoor statt.“

  1. „Sind die Besucher namentlich bekannt, und gibt es eine fixe Sitzplatzordnung?“

Antwort: „Die Besucher sind namentlich bekannt, eine fixe Sitzplatz-Zuordnung ist naturgemäß nicht möglich. Contact Tracing ist nicht umsetzbar, da die Mehrheit der Kongressteilnehmer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Stoßzeiten anreist.“

Die Frage, die sich nach Durchlesen dieser Checklisten-Beantwortung stellt: soll die Großveranstaltung unter diesen Voraussetzungen mit Menschen aus aller Welt, engem Kontakt, keiner Möglichkeit zu Contact Tracing durchgeführt werden? Was wird die Stadt Wien antworten?

ZackZack erhielt die Email von der ESR. Für Großansicht auf das Bild klicken.

Weder Regierung noch Gemeinde Wien mischen sich ein: Abhalten der Großveranstaltung ist private Entscheidung

Peter Baierl, Geschäftsführer der ESR, weist in seinem Schreiben an die Behörde weiters darauf hin, dass der Kongress Teile eines Gebäudes der Vereinten Nationen nutzt, und die Verantwortung über eine mögliche gesundheitliche Gefährdung der Kongressteilnehmer sowie der UN-Mitarbeiter im angrenzenden Gebäude nicht einem privaten Veranstalter überlassen werden könne. Er appelliert also direkt an die Verantwortung der Behörde, das Abhalten der Großveranstaltung zu untersagen – aus seinem Schreiben geht auch hervor, warum:

„Eine eventuell notwendig werdende Evakuierung bzw. Quarantäne übersteigt unserer Einschätzung nach die Kapazitäten der entsprechenden Behörden. Auch möchten wir darauf hinweisen, dass Begleitpersonen unserer Teilnehmer, sowie Teilnehmer selbst ihren Kongressaufenthalt nutzen, um österreichweit und in angrenzenden Nachbarländern touristische Aktivitäten wahrzunehmen, was völlig außerhalb unseres Kontroll- und Verantwortungsbereiches ist. Dieser Aspekt ist auch im Fragebogen zur Risikobewertung nicht abgedeckt.“

Landessanitätsdirektion: „Dies obliegt Ihrer Verantwortung.“

Das Schreiben erging an zahlreiche Empfänger, unter anderem Gesundheitsminister Anschober. Die Antwort der Landessanitätsdirektion Wien erfolgte noch am selben Abend des 2. März. Darin wird empfohlen, die Veranstaltung abzuhalten – und eine Vorreiterrolle unter den Veranstaltern einzunehmen, indem durch sektorenweise Zuordnung von Sitzplätzen das Contect Traicing, also die Rückverfolgung der Kontakte erleichtert wird: Ungeachtet dessen, dass der Veranstalter ausdrücklich in seiner Checklisten-Beantwortung darauf hingewiesen hat, dass die Teilnehmenden zu Stoßzeiten in der Stadt unterwegs wären und dass die Sitzplatz-Zuordnung nicht möglich sei.

Darüberhinaus stellt sich die Frage, was eine Sitzplatz-Zuordnung überhaupt bringen solle. Wer schon einmal auf einer Konferenz war, weiß: Konferenzen leben vom Netzwerken und vom Austausch vor allem in den Pausen. Selbst, wenn es eine Sitzplatzordnung gäbe: Wer mit wem gesprochen hat, wer aller die Hand auf derselben Waschbecken-Armatur oder Türklinke hatte, kann nicht kontrolliert, geschweige denn rückverfolgt werden. Der Veranstalter könne die Konferenz aber auch auf eigene Verantwortung verschieben:

„Wenn Sie die Empfehlung, keine TeilnehmerInnen zuzulassen, die sich in den letzten 14 Tagen in den Regionen mit anhaltender Übertragung von SARS COV-2 aufgehalten haben, nicht einhalten können, dann können Sie auch andenken, die Veranstaltung zu verschieben. Dies obliegt Ihrer Verantwortung.“

Auch diese Email wurde ZackZack von der ESR zur Verfügung gestellt. Zur Großansicht draufklicken.

30.000 Leute aus aller Herren Länder – in Österreich reichen Hinweise zur Hygiene

Fassen wir es noch einmal zusammen: Die Rückverfolgung der Kontakte unter den Teilnehmern kann nicht umgesetzt werden. Ebensowenig ein Temperaturscreening (einmal ungeachtet dessen, dass fraglich ist, wieviel das bringt) am Eingang des Konferenzgebäudes, noch weniger kann gewährleistet werden, dass die Teilnehmer sich nicht in den letzten zwei Wochen in Risikogebieten aufgehalten haben. Die Stadt Wien sieht in ihrer Stellungnahme dennoch keinen Grund zur Beunruhigung und empfiehlt, Hinweise für die Tagungsteilnehmer zu Hygiene wie Händewaschen, Hust- und Nies-Hygiene und Händeschütteln auszugeben.

Österreich ist besorgt

Währenddessen legt Italien sein öffentliches Leben lahm, schließt Schulen und Kindergärten, verbietet Großveranstaltungen – genauso wie die Schweiz, Frankreich, Spanien. Kalifornien hat 35 bestätigte Fälle und ruft den Notstand aus. Und Österreich? Österreich ist besorgt um die Notlage der heimischen Hotellerie und stellt einen 100 Millionen Euro Überbrückungskredit für die heimische Tourismus-Branche zur Verfügung. Wird es diesen Kredit auch für das öffentliche Gesundheitswesen geben? Personal lässt sich nur leider nicht so schnell aufstellen. Was Priorität hat, scheint bei diesen Handlungen klar – und es ist nicht die öffentliche Gesundheit.

ESR-Geschäftsführer macht Rückzieher gegenüber ZackZack

Der Geschäftsführer Peter Baierl gab ZackZack übrigens ein Interview, in dem er sich ausführlich über das unverantwortliche und grob fahrlässige Handeln der Republik Österreich und der Gemeinde Wien empörte. Die ESR erwägt, die Republik auf Unterlassung zu klagen – wurde gestern durch eine Aussendung der APA öffentlich. Im Gespräch mit ZackZack ging Baierl noch weiter: Er äußerte sich äußerst scharf gegen das Vorgehen von Bundeskanzler Kurz und Gesundheitsminister Anschober und gab höchst spannende Einblicke in das Handeln der Regierung, erwähnte in diesem Zusammenhang auch Sprechverbote und die anstehenden Wien-Wahlen. Treffsicher und in teils zynischer, aber erfrischender Klarheit sprach er an, was sich womöglich viele denken. Kurz vor Veröffentlichung des Interviews durch ZackZack bekamen wir jedoch einen Anruf: Das Interview dürfe auf keinen Fall erscheinen. ZackZack berücksichtigt diesen Wunsch, auch wenn dadurch eine mutige Stimme aus der Bevölkerung einmal mehr nicht an die Öffentlichkeit gelangt.

Der plötzliche Sinneswandel verwundert vor allem, weil Herr Baierl im Interview selbst sagte, es brauche mutige Journalisten, die nicht nach Händewaschen und Hygiene fragen, sondern die unsere Verantwortungsträger mit den richtigen Fragen konfrontieren. Nun hätte Herr Baierl dieses Medium gehabt, das zumindest wiedergibt, was er und viele andere Österreicher sich denken – und macht einen Rückzieher.

Das tut ZackZack sehr Leid – die Frage, was die Angst für diesen Rückzug verursacht hat, bleibt unbeantwortet. Herr Baierl hat auf Anfrage hin ein Gespräch verweigert, Emails bleiben unbeantwortet – als wär nie was gewesen. Dabei hatte er selbst der Regierung vorgeworfen, sie würde den Kopf in den Sand stecken. Daher fragt ZackZack nun selbst: Wie viele Infizierte braucht es – 100, 500 oder 5.000 – , bis die Regierung endlich rigorosere Maßnahmen setzt?

Langfristig: Großer Schaden für Land und Leute

Die WHO warnte nicht nur einmal, EU-Staaten würden angesichts der Coronavirus-Ausbreitung nicht rigoros genug handeln. Mit einem Blick auf Nachbarländer wie Schweiz, Frankreich und Italien, die Großveranstaltungen per Verfügung verboten haben, wird klar: Österreich hat andere Prioritäten, als die öffentliche Gesundheit. Chinas, spätestens Italiens Beispiel zeigte bereits: Wer zu spät handelt, handelt gegen sich selbst.

(lb)

Lesen Sie auch

Titelbild: Pixabay

HIER SPENDEN!

Direkt an unser Konto spenden!

Bildungsverein Offene Gesellschaft
Verwendungszweck: ZackZack
AT97 2011 1839 1738 5900

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben

ZackZack braucht dazu eine starke Basis:

DICH

Auf dem Boulevard fahren alle rechts in dieselbe Richtung. Wir sind der erste Gegenverkehr.

Schließen