Das Corona-Limit

Wie viele Fälle schafft Österreich?

ZackZack hat sich die Situation in Österreich angesehen: Wie viele Intensivbetten gibt es im Land, und wie viele davon sind im Falle einer sprunghaft ansteigenden Ausbreitung des Virus überhaupt frei? Das Beispiel Italien zeigt hier eine ernste Gefahr: Ein überlastetes Gesundheitssystem im Bereich der Intensivmedizin führt zu einer hohen Sterberate bei Coronakranken.

Wien, 10. März 2020 / Im Ö1-Morgenjournal am Dienstag dieser Woche sagte der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher, das Problem in Italien sei die Überbelastung des Gesundheitssystems. Menschen könnten eigentlich behandelt und gerettet werden, aber das italienische Gesundheitssystem ist nicht auf diese derartig rasche Ausbreitung des Virus vorbereitet. Die Folge:  Tweets und Artikel von italienischen Ärzten gehen als Hilfe- und Warnschrei hinaus in die Welt, sie warnen davor, die Ausbreitung des Virus nicht ernst genug zu nehmen und schreiben von unnötigen Toten, einem absoluten Ausnahmezustand, Verzweiflung und Chaos. Österreich ist davon (noch) weit entfernt – und setzt mit dem gestrigen Tag Maßnahmen, um eine Ausbreitung des Virus im Land zu verhindern. Eine Frage bleibt: Wie viele Infizierte kann Österreich betreuen, bevor es bei uns kritisch wird?

6% der Fälle kritisch bis lebensbedrohlich

Weltweit sind die Messages der Virologen und Epidemiologen ähnlich: Es wird zu einer weltweiten Verbreitung kommen. Bei 14 Prozent verläuft laut WHO die Infektion schwer, bei sechs Prozent kritisch bis lebensbedrohlich – derartige Fälle benötigen intensivmedizinische Betreuung. Das wirft die Frage auf: Wie viele kritisch bis lebensbedrohlich Fälle kann das österreichische Gesundheitssystem verkraften? ZackZack fragte beim Bundesministerium für Soziales und Gesundheit nach: Der aktuellste Stand, den das Ministerium hat, ist aus 2018: Österreich verfüge über 2.547 Betten auf Intensivüberwachungs- und -behandlungseinheiten. Auf die Frage nach der aktuellen Auslastung hat das Ministerium keine Antwort:

„Die Zahlen zur aktuellen Auslastung sind nicht zentral verfügbar, sondern liegen bei den einzelnen Krankenanstaltenträgern auf.“

– so die Auskunft des Kabinetts von Gesundheitsminister Anschober.

Die Grenzen der Auslastung: 2.547 Intensivbetten

Zur durchschnittlichen Maximalauslastung hatte das Gesundheitsministerium folgende Zahlen: „Es sind jahreszeitliche Schwankungen mit Maximalauslastungen v.a. in den Monaten Jänner/Februar feststellbar. Die Auslastung beträgt rund 82 Prozent im Jahresdurchschnitt, wobei die Jänner/Februar mit rund 85 Prozent darüber liegen.“

Rechnen wir großzügig mit einer Maximalauslastung von 80 Prozent, ergibt das derzeit 509 freie Betten auf Intensivstationen in ganz Österreich. Der derzeitige Stand in Österreich an positiv getesteten Coronavirus-Fällen liegt bei 158. Keine besonders beunruhigende Zahl. Was aber, wenn in Österreich – wie in Italien – die Zahl der Infizierten sprunghaft ansteigt? Italien hat mit heutigem Stand mahr als 10.000 positiv getestete Fälle und 631 Tote. Unklar ist, wie viele Corona-Infizierte nicht nachweislich auf das Virus getestet wurden und daher unentdeckt bleiben.

Rechnen wir weiters mit der von der WHO verlautbarten Zahl von 6 Prozent kritischem bis lebensbedrohlichem Verlauf – und nehmen an, die 14 Prozent schwerer Fälle würden keiner Intensivbetten bedürfen. Nehmen wir daher für Österreich 9.000 Infizierte (inklusive nicht getesteter Dunkelziffer) an, und bei 6 Prozent davon einen kritischen bis lebensbedrohlichen Krankheitsverlauf, kämen wir genau auf 540 zusätzlich benötigte Intensivbetten. Mit 509 vorhandenen, freien Intensiv-Betten könnte Österreich diese Zahl wohl gerade noch stemmen – das Ministerium beantwortete die Frage nach dringendem, zusätzlichem Bettenbedarf folgendermaßen:

„Im Falle eines dringenden Bettenbedarfs können entsprechende Bettenkapazitäten in den Krankenanstalten bereitgestellt werden, indem beispielsweise nicht vordringliche Krankenhausaufenthalte (elektive Eingriffe mit Intensivbettenbedarf) auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.“

Sobald die Zahl von Infizierten also steigt, wird klar: Das Gesundheitssystem muss an anderen Stellen Patienten vertrösten. Die Gesundheitsversorgung kann abschlagsfrei nicht mehr als diese rund 8.500 Infizierten tragen. Dabei handelt es sich nicht um getestete Fälle, sondern um die Anzahl der tatsächlich Erkrankten, davon viele ohne gröbere Symptome. Österreich tut daher gut daran, Maßnahmen zu setzen, um die Ausbreitung des Virus eindämmen – im Sinne der öffentlichen Gesundheit und der begrenzten Maximalkapazitäten im öffentlichen Gesundheitssystem.

Annahmen: 80% Auslastung der Betten durch andere Krankheitsverläufe; 6% Coronafälle mit kritischem Verlauf , schwere Erkrankungen brauchen keine intensivmedizinische Betreuung; bei 8.500 liegt der Druchgangspunkt. Dann stehen keine Betten mehr zur Verfügung.

Wer weiß wirklich Bescheid?

Trotz vieler Telefonate und Nachfragen war es ZackZack nicht möglich die genauen Grenzen der intensivmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten herauszufinden. Deshalb haben wir auf Grundlage sehr vieler verschiedener Quellen diese vereinfachte Modellrechung erstellt. Dieses Diagramm ist also nicht mehr als eine grobe Schätzung und drüfte eventuell sogar noch zu großzügig gerechnet sein.

Eines ist bei der Recherche klar geworden: Es gibt zu wenig aktuell verlässliches Zahlenmaterial. Eine Folge der Kompetenzzersplitterung im Gesundheitswesen. Somit sind wenige Gundlagen vorhanden, um gute Entscheidungen zu treffen.

In der aktuellen Grippe-Saison sind 100.000 Menschen in Österreich erkrankt sind. Österreich ist noch nicht dazu übergegangen, fläschendeckende Tests wie zum Beispiel in Südkorea durchzuführen. Von unerkannt Erkrankten geht schließlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr aus. Diese Erfahrung musste Ialien jetzt teuer bezahlen: Sechs bis acht Wochen konnte sich der Virus vermutlich unerkannt ausbreiten.

Das Beispiel unseres Nachbarlands führt uns drastisch vor Augen, wie die Todesrate steigt, wenn eine intensivmedizinische Betreuung nicht mehr für alle Risikopatienten stattfinden kann.

“Intensivbett ist nicht gleich Intensivbett”

Unsere Rechnung ist vor allem dann ausgewiesen großzügig, wenn man bedenkt, dass womöglich nicht alle Intensivbetten auch tatsächlich für die Behandlung von Coronavirus-Patienten geeignet sind. Wie viele das wären, darauf hat ZackZack bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Auskunft erhalten. Sollten wir Auskunft erhalten, können Sie es nach einer Aktualisierung hier lesen. Zum Schluss noch ein Zitat aus der Stellungnahme des Wiener Krankenanstaltenverbunds:

Ihre Fragestellung nach „Intensivbetten“ im KAV ist in der Form nicht sinnvoll zu beantworten. Denn ganz grundsätzlich muss man festhalten – Intensivbett ist nicht gleich Intensivbett.

Je nach medizinischem Fachbereich gibt es unterschiedliche technische/intensivmedizinische Anforderungen, denen Betten in Intensivbereichen genügen müssen. Sie unterscheiden sich zum zweiten anhand der personellen Anforderungen – also anhand der Betreuungsschlüssel (Anzahl und Qualifikation des medizinischen und pflegerischen Personals), die zu deren Belegung vorgegeben sind. Aus den genannten Gründen kann ich Ihnen keine absolute Zahl nennen.

Auch Belegungszahlen verändern sich naturgemäß laufend (täglich, stündlich). Dass einzelne Betten kurzzeitig aufgrund etwa von Krankenständen (z.B. in der alljährlichen Grippezeit) in den Pflegeteams nicht zur Verfügung stehen, ist nicht außergewöhnlich und kommt in jedem Spitalsbetrieb vor.

Nachdem ich annehme, dass Sie im Zusammenhang mit COVID-19 recherchieren, darf ich Sie noch auf den Grippeplan hinweisen, den wir vor einigen Jahren in den Wiener Städtischen Spitälern etabliert haben. Hintergrund ist, dass wir in Vorbereitung auf immer wiederkehrende Infektionserkrankungen wie die Influenza zur vorhersehbaren Periode unsere Kapazitäten so planen, dass wir dazu in der Lage sind, InfluenzapatientInnen, die tatsächlich eine Spitalsversorgung benötigen, an Stationen zu kohortieren und damit auch im Spital die Infektionsgefahr für andere PatientInnen möglichst gering zu halten. Wir haben hier alljährlich mehrere hundert Betten, die wir zur Verfügung stellen können. Dieser Grippeplan ist auch eine gute organisatorische Grundlage im Falle von COVID-19 Infektionen. Außerdem ist in diesem Zusammenhang wesentlich, dass wirklich nur diejenigen COVID-19 Erkrankten in Spitäler gehören, die tatsächlich Spitalsversorgung benötigen. Das ist auch das Ziel der behördlichen Maßnahmen, die derzeit in diesem Zusammenhang gesetzt werden.

Bis zu 70 Prozent der Weltbevölkerung könnten erkranken

Marc Lipsitch, Epidemiologe an der Harvard Universität in den USA, hat errechnet, wie weit sich das Coronavirus womöglich ausbreiten wird: Er spricht von 40 bis 70 Prozent der gesamten Weltbevölkerung, die sich mit dem Virus infizieren könnten. Diese Vorhersage errechnete er mittels eines mathematischen Modells, das Epidemiologen verwenden, um Epidemien zu dokumentieren und vorherzusagen.

Virologe: „Wir laufen in eine Epidemie-Welle hinein“

Auch Christian Drosten, ein deutscher Virologe der Charité in Berlin, ist der Meinung, dass wir erst am Anfang einer weltweiten Verbreitung des Virus stehen: „Es ist eine absolut ernste Situation. Wir haben nicht so viel Zeit, uns darauf vorzubereiten. Auch wenn Eindruck entsteht, dass es scheinbar gar nicht so schlimm  ist.“, sagt der Virologe Christian Drosten bei der gestrigen deutschen Bundespressekonferenz zum aktuellen Thema. Man müsse wissen, dass sich die Situation ändern wird: „Wir müssen damit rechnen, dass wir direkt in eine Epidemie-Welle hineinlaufen.“ Der saisonale Effekt auf die Viren sei nicht so groß wie auf andere Virenstämme, und man dürfe sich nicht erwarten, dass das Virus durch den Sommer selbst zum Stillstand käme.

Angesichts dieser Lage bleibt eine Frage offen: Gibt es eine Plan, nach welchen Kriterien die Intensivbetten an mögliche Coronafälle vergeben werden?

(lb, sm)

Aktualisierung vom 11. März, 13:00 Uhr

Dr. Franz Wiesbauer, Internist mit Spezialisierung auf Epidemiologie, hat seine eigene Rechnung zu den kritischen Grenzen einer möglichen Auslastung des Gesundheitssystems in Österreich angestellt:

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Titelbild: APA Picturedesk

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