Corona-Hotspot Ischgl

Innsbruck ist nicht Reykjavik

Hunderte skandinavische und eine unbekannte Zahl deutscher Touristen haben sich im Tiroler Skiort Ischgl mit dem Coronavirus angesteckt. Tagelang haben die Behörden nicht reagiert.

Wien/Innsbruck, 16. März 2020 / „Ich bin überzeugt, dass wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben.“ Tirols Landeshauptmann Günther Platter gibt sich im Interview mit der „Tiroler Tageszeitung“ selbstbewusst: „Wir in Tirol waren jene, die als Erste weitreichende Maßnahmen gesetzt haben.“ So ganz stimmt das nicht.

Tirol wiegelt ab

Am 29. Februar kehrt eine Maschine der „Icelandair“ von München kommend nach Island zurück. An Bord: Das Coronavirus. Isländische Touristen hatten sich im Tiroler Skiort Ischgl infiziert. Am 5. März erklärt Island Ischgl zum Risikogebiet und informiert die österreichischen Behörden.

Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber wiegelt ab: Es sei „aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist.“ Die Isländer müssten sich wohl beim Heimflug angesteckt haben. Es dauert noch vier Tage, bis die Tiroler Behörden endlich einsehen, dass die Isländer Recht hatten. Erst dann, am 09. März schließen sie jene Bar, in der die Touristen sich infiziert hatten.

Exportschlager Coronavirus

Andere Länder reagieren schneller: Beunruhigt durch die Nachrichten aus Island, testet Norwegen am 07. März Ischgl-Rückkehrer – positiv. Von knapp 1.200 infizierten Norwegern (Stand Sonntag) verdankt laut „t-online.de“ fast die Hälfte ihre Erkrankung der Tirol-Connection. Auch ein großer Teil der Coronafälle in Dänemark geht auf den Infektionsherd Ischgl zurück. Entsprechend sauer sind die Dänen. Man habe angesichts der gehäuften Fälle in Österreich nachgefragt – die österreichischen Behörden hätten aber nichts zur Situation in Tirol sagen können.

In Tirol herrscht derweilen offenbar kein vergleichbares Problembewusstsein. Noch am 06. März wirbt dem Tiroler Blogger Markus Wilhelm zufolge der ORF Tirol noch um Südtiroler Besucher für ein Riesenkonzert in der Innsbrucker Olympiahalle.

Am 07. März geben die Tiroler Behörden erstmals zu: Es kann „nicht ausgeschlossen werden, dass es eine Verbindung zu einem Teil der in Island positiv getesteten Personen gibt”. Am folgenden Tag werden die Mitglieder einer deutschen Reisegruppe getestet, die in Ischgl auf Urlaub gewesen war. Von 16 Personen sind zwölf infiziert. Wie viele Deutsche sich insgesamt angesteckt haben, weiß niemand. Von insgesamt 1,4 Millionen Übernachtungen in der Region fällt etwa die Hälfte auf deutsche Gäste.

Anschober sieht „keine wirtschaftlichen Gründe“

Über 10.000 Betten und dutzende Restaurants, Bars und Hütten gibt es in Ischgl. Rund 93.000 Personen können die naheliegenden Lifte pro Stunde auf die Skipisten befördern. In der Pardatschgradbahn drängen sich bis zu 28 Personen in eine Gondel. Nachdem die Bars im Ort gesperrt werden, laufen die Skilifte noch eine ganze Woche lang weiter, obwohl auch Deutschland schon am Freitag Ischgl zur Risikozone erklärt. Doch die Tiroler nehmen das Skiwochenende noch mit: erst am Sonntagabend werden die Lifte gesperrt. Informationen über den Status als Risikogebiet erhalten die Gäste nicht. Dass wirtschaftliche Interessen gesundheitliche ausgestochen haben könnten, sieht Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) im Falter-Interview „in diesem Fall nicht“.

Der Infektionsherd Ischgl hat auch unmittelbare Folgen für das österreichische Gesundheitssystem: Eine der infizierten Personen ist Anästhesist an der Uniklinik Salzburg. 33 Ärzte, 53 Pflegepersonen, 18 Patienten und eine Rettungshubschrauberbesatzung – drei Sanitäter und ein Pilot – stehen nun unter Quarantäne, weil sie im Spital Kontakt mit dem Arzt hatten.

Zuversicht im Krisenmanagement

Am 13. März erklärt Österreich Ischgl und das Paznauntal sowie St. Anton am Arlberg zu Quarantänezonen. Ausländische Gäste sollten, so Innenminister Karl Nehammer (ÖVP), das Gebiet verlassen und ohne Zwischenstopp in ihre Herkunftsländer reisen. Niemand kontrolliert das. Mehrere hundert Urlauber sollen einfach nach Innsbruck gereist sein und sich dort Hotelzimmer genommen haben, um auf ihre Heimflüge zu warten. Der zuständige Bezirkshauptmann Markus Maaß zeigte sich gegenüber der „Krone“ zuversichtlich, „dass weit mehr als 90 Prozent“ der Gäste „wirklich nach Hause gefahren“ seien.

(tw)

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Titelbild: APA Picturedesk

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