Coronavirus

24-Stunden-Betreuung in der Klemme

Rund 65.000 Betreuungsperonen – allesamt aus dem Ausland – sind im Rahmen der 24-Stunden-Betreuung in Österreich im Einsatz. Angesichts der Grenzschließungen können einige – vor allem Rumäninnen – weder ein- noch ausreisen. Für die Betreuungspersonen, aber auch für die zu Pflegenden, braucht es dringend eine Lösung.

Wien, 18. März 2020 / Der aktuelle Ausnahmezustand bringt auch für die 24-Stunden-Betreuung nicht nur große Herausforderungen, sondern auch viele Fragezeichen mit sich. Derzeit ist die Hilfe im Alltag für die rund 30.000 betreuungsbedürftigen Personen in Österreich noch weitgehend gewährleistet – allerdings unter immer widriger werdenden Umständen. Rund 65.000 Betreuungskräfte kommen vorwiegend aus Rumänien, der Slowakei und Ungarn.

Sie wechseln sich üblicher Weise im zwei-, drei- oder vier-Wochen-Takt bei der Betreuung ab – je nach dem, wie weit sie nach Hause zu reisen haben: Rumäninnen kommen meist für vier Wochen, da sie einen langen Heimweg haben, Slowakinnen meist für zwei Wochen. Innerhalb dieser Zeit sind sie rund um die Uhr für die zu betreuenden Personen da und leisten dabei körperliche sowie psychische Schwerstarbeit. Denn ihre Kunden sind nicht nur körperlich pflegebedürftig, sondern oft auch dement oder psychisch erkrankt. Auf Grund der aktuellen Situation haben viele Betreuerinnen keine andere Wahl, als weiter zu betreuen – einerseits können sie nicht ausreisen, andererseits gibt es keinen Ersatz für sie – und da sie die zu betreuenden Personen und deren Familien meist sehr gut kennen, wollen sie diese auch nicht im Stich lassen. Sie haben keine Handlungsoptionen.

Weder Ein- noch Ausreise

Durch teils unkoordiniertes, sehr rasches Vorgehen der einzelnen Länder hinsichtlich Grenzschließungen kam es in den letzten Tagen mehrfach zu Problemen – und nicht zuletzt zu kilometerlangen Staus an den Grenzen. Bitter ist die Situation derzeit vor allem für rumänische Personenbetreuerinnen: Am Dienstag sollen rumänische Betreuungskräfte am Weg nach Österreich von der ungarischen Polizei festgenommen und dann zurück nach Hause geschickt worden sein:

Das Kanzleramt, sowie das Außen- und Innenministerium versuchen derzeit, eine gemeinsame Lösung für die Ein- bzw. Ausreise von Betreuungskräften mit Ungarn zu finden. Auf diese Lösung hoffen alle Beteiligten, so auch das Hilfswerk, das Dienstleister für über 800 Kunden in der 24-Stunden-Pflege ist: Roland Wallner, Sprecher des Hilfswerks, sagt im Gespräch mit ZackZack hoffnungsvoll:

“In Summe ist die Situation zwar angespannt, aber derzeit bewältigbar. Dass Betreuerinnen ihren Turnus verlängern, hilft enorm, wird aber keine Dauerlösung sein können. Wir hoffen natürlich, dass es eine Lösung gibt für Betreuungskräfte beim Grenzübertritt. Die Regierung ist da dran, eine Einigung mit den Nachbarländern herbeizuführen.”

“Ich muss bleiben und warten, und weiß nicht, wie lange”

Auch in Rumänien steigt die Zahl der Corona-Fälle, die Bevölkerung ist wie hier zur häuslichen Isolation aufgerufen. Rückkehrer aus Risikogebieten müssen sich für 15 Tage in Selbstisolation begeben – Österreich steht auf der Liste der Risikogebiete. Gegen Verstöße wurden öffentlichkeitswirksam Geldbußen von umgerechnet 2000 Euro verhängt. Daniela Mioc ist eine der Betreuungskräfte aus Rumänien, die zum Zeitpunkt der Grenzschließungen zu Hause in Rumänien waren. Sie sitzt fest und darf nicht mehr nach Österreich reisen:

„Wir zahlen regelmäßig unsere SVA-Beiträge. Ich will auch zahlen. Das ist gut für die Pension, für den Arzt, für alles. Aber ich muss auch Geld verdienen. Für mich ist das nicht gut – ich muss jetzt noch in Rumänien bleiben und warten. Ich weiß nicht, wie lange.“,

sagt Daniela Mioc im Gespräch mit ZackZack. Die Situation beunruhigt sie: Nicht nur ihretwegen, auch ihrer Kolleginnen in Österreich wegen: Die Arbeit ist schwer, und die Verlängerung der Turnusse eine große Belastung.

Derzeit noch keine Engpässe

Matthias Haider, Geschäftsführer der PflegePartner GmbH, die rund 400 Personen-Betreuerinnen in Ostösterreich beschäftigt, sieht die Lage derzeit noch entspannt – die Frage sei, wie lange das so bleibt:

Wir haben zurzeit keine Engpässe – dies ist auch deshalb der Fall, weil die Ausreise für die Betreuungspersonen derzeit sehr schwierig ist. Zum Glück bleiben diese vorerst hier in Österreich und betreuen die älteren Menschen – ein großes Danke dafür. Wir vermitteln hauptsächlich rumänische BetreuerInnen und haben jede/n PersonenbetreuerIn (und die dazugehörige Familie) persönlich angerufen. Diese haben einer Verlängerung ihres Turnuses zugestimmt. Da viele PersonenbetreuerInnen auch eine persönliche Beziehung zu den zu Betreuenden aufgebaut haben, nehmen wir an, dass sie die pflege-und betreuungsbedürftigen Personen nicht einfach im Stich lassen. Sollte sich die Situation in den nächsten 3 Wochen nicht entspannen, könnte es zu einer großen Herausforderung kommen.

Matthias Haider hofft auf eine baldige Ausnahmeregelung für das Ein- und Ausreisen von 24h-Betreuungskräften, damit die Betreuung gesichert bleibt.

“Viele kollabieren emotional und psychisch”

Diese Unsicherheit schlägt sich auch auf die Personenbetreuerinnen. Flavia Matei ist Aktivistin von “DREPT pentru îngrijire”, einer Gruppe von rumänischen 24-Stunden Personenbetreuer*innen, die für mehr Gerechtigkeit in der Pflegebranche kämpft. “DREPT pentru îngrijire” bedeutet übersetzt sinngemäß “GERECHTIGKEIT für Pflegearbeit” Sie schildert die Lage der rumänischen Betreuungskräfte:

“Die Situation ist äußerst schwierig. Die Betreuerinnen waren schon vier Wochen hier und wissen nicht, wie viel länger sie noch hier bleiben. Viele Frauen kollabieren emotional und psychisch. Diese Unsicherheit und die ganze Corona-Situation ist für sie total schwierig, aber auch, dass sie seit vielen Wochen mit einer kranken Person isoliert im Haus sind. Sie brauchen dringend psychologische Betreuung oder einen Wechsel, dafür gibt es aber derzeit keine Lösung vom Staat.”

Den Betreuenden sei klar, dass die Mobilität auf Grund der Ansteckungsgefahr gefährlich ist, und dass die Mobilität viele Risiken bringt, vor allem weil sie über drei Länder reisen. Sie wollen daher hier bleiben, bis das Ansteckungsrisiko geringer ist – aber sie können ihre Arbeit nicht durchgehend machen:

“Sie brauchen Wechsel: Einen Tag Pause, oder zwei Tage Pause, eine Möglichkeit, von der Arbeit abzuschalten. Sie sind emotional erschöpft und psychisch belastet. Der Vorschlag mit den Zivildienern wäre eine temporäre Lösung.”

Solidarität und Unterstützung aus Bevölkerung

Eine vorübergehende Antwort auf die prekäre Lage der ausländischen Betreuungskräfte könnte angesichts der Überforderung der jeweiligen Verantwortungsträger und Einsatzorgansiationen von Seiten der Bevölkerung kommen. Seit Beginn der Corona-Krise hat sich gezeigt: Auf die Solidarität von Österreichern und Österreicherinnen ist Verlass. Neben zahlreichen Formen der Solidarität und Unterstützung in Form von Nachbarschaftshilfe mobilisiert die Krise auch viel freiwilliges Engagement. PflegePartner hat angesichts der aktuellen Lage um freiwillige Helfer gebeten, die Einkaufswege für die Betreuerinnen übernehmen sollten, damit diese nicht das Haus verlassen müssten. Der Aufruf via Facebook wurde zahlreich beantwortet: Es hätten sich mehr gemeldet, als gebraucht würden.

Auch Roland Wallner, Sprecher des Hilfswerks Österreich, beschreibt ähnliche Erfahrungen:

„Wir erleben derzeit eine Welle der Hilfsbereitschaft von Angehörigen, die sagen ich übernehme die Betreuung meines Angehörigen jetzt selbst, weil die Pflegekräfte sicherlich gebraucht werden.“

Sollte es die Regierung nicht schaffen, eine Regelung mit den betroffenen Staaten für die Ein-, Durch- bzw. Ausreise zu finden, kann nur noch auf die eigenen Leute zurückgegriffen werden. Herbert Saurugg sprach es im Interview mit ZackZack bereits an: Die Einsatzorganisationen und Verantwortungsträger Österreichs und anderer Länder sind derzeit nur mit Feuer löschen beschäftigt. Für mehr gäbe es keine Ressourcen – sie könnten sich um die Hilfen, die auf lokaler Ebene benötigt würden, nicht kümmern. Die müssten angesichts der Krise jetzt aus der Bevölkerung kommen.

Derzeit noch keine Regelung

Die Bundesregierung ist bemüht, Ausnahmeregelungen mit den Nachbarländern zu verhandeln, damit die 24-Stunden-Betreuung mit Sicherheit gewährleistet ist. Gesundheitsminister Rudolf Anschober teilte bereits am Wochenende mit:

„Ziel ist eine Ausnahmeregelung aus der Grenzschließung für 24h-Betreuer, damit die Betreuung pflegebedürftiger Menschen in Österreich gesichert bleibt.“

Er hält eine Lösung für möglich – „wie etwa auch bei anderen Grenzschließungen, wo der Berufspendlerverkehr weiter ermöglicht wurde“, sagte Anschober.

Ein Bericht von Larissa Breitenegger

Lesen Sie auch

Titelbild: APA Picturedesk

HIER SPENDEN!

Direkt an unser Konto spenden!

Bildungsverein Offene Gesellschaft
Verwendungszweck: ZackZack
AT97 2011 1839 1738 5900

AKTUELLES

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben