Das System Tirol im Corona-Krisenstab

Medizinischer Berater Schranz ist Vizepräsident der „Tiroler Adlerrunde“

Dr. Alois Schranz ist Unfallchirurg und medizinscher Berater des Tiroler Corona-Krisenstabs. Er ist aber auch Vize-Präsident der elitären “Tiroler Adlerrunde” und Platter-Intimus. In der aktuellen Epidemie zeigt sich das “System Tirol” in voller Deutlichkeit.

Wien/Innsbruck, 24. März 2020 / Vor knapp einem Monat, am 26. Februar, tagte der Tiroler Corona-Krisenstab. Danach sagte Landeshauptmann Günther Platter: „Unsere Hauptaufgabe ist es, alles zu unternehmen und die Situation so im Griff zu haben, dass man keine weiteren Fälle mehr hat.“

Dr. Alois Schranz verteidigt Behörden

Einen Monat später ist der Corona-Krisenstab weiter voll gefragt und ganz Tirol steht unter Quarantäne. Denn von den Aprés-Ski-Hütten der Tiroler Berge verbreitete sich das neuartige Virus in Tirol und in der Welt. Rückblickend ist der Krisenstab also hochkarätig gescheitert. Und auch wenn die Aprés-Ski-Hütten bereits ein Fall für die Staatsanwaltschaft sind, sieht sich die Tiroler ÖVP-Führung weiter als sakrosankt.

Dr. Alois Schranz, medizinischer Berater des Tiroler Krisenstabs, sieht die Kritik an den Tiroler Behörden als „unverhältnismäßig und als fachlich falsch.“  Denn medial werde der Anschein erweckt, Tirol hätte den Ausbruch verhindern können.

Die ÖVP-Bastion “Adlerrunde”

Damit verteidigt Schranz auch Platter. Das ist wohl genauso wenig Zufall, wie die Stelle von Schranz im Tiroler Krisenstab. Denn Schranz ist Vize-Präsident der „Tiroler Adlerrunde.“ Die Mitglieder dieses – offiziell unpolitischen – Zirkels zählen zu Tirols Reichsten und Mächtigsten. Auch die Ischgler Hoteliers Alexander von der Thannen sowie Vater Hans sind Mitglieder in der Adlerrunde.

Die Adlerrunde gilt als ÖVP-Bastion. Im Wahlkampf 2017 spendete die Adlerrunde 1,1 Millionen Euro für die Kurz-Wahl, ganze acht Mitglieder zahlten der ÖVP.

Schranz unterstützte Skandal-Nationalrat Dominik Schrott

Dr. Alois Schranz, der Privatarzt der nun mit seiner Expertise das Land Tirol unterstützt, stand ebenfalls hinter Sebastian Kurz und besonders hinter dem ehemaligen Nationalratsabgeordneten Dominik Schrott. Schrott ist aktuell im Kabinett von Innenminister Nehammer tätig. Er trat als Abgeordneter zurück, nachdem bekannt wurde, dass seine Wahlkampfagentur ein „Fake-Gewinnspiel“ organisierte – und gewann. Im Wahlkampf 2017 sagte Schranz:

„Sebastian Kurz und Oberlandkandidat Dominik Schrott in seinem Team haben meine ganze Unterstützung, weil sie als junge Generation neue Ansätze andenken und auch den Mut zur Umsetzung haben.”

Schranz‘ medizinische Tätigkeit ist auch vom Tourismus abhängig. Seine Privatkliniken führen an drei Standorten ambulante Eingriffe durch. Diese sind mit in den Tiroler-Skihotspots angesiedelt. Privatversicherte Touristen, die sich beim Skiurlaub verletzen, landen häufig in einer Schranz-Klinik. Schranz hat auch beste Verbindungen nach China, er hat dort ein Skizentrum.

Schranz verantwortlich für China-Hilfe?

Der ORF bezeichnete Schranz gestern „als verantwortlich dafür, dass wir jetzt Schutzausrüstung aus China bekommen.“ In Wahrheit versorgt China gerade alle Corona-Epizentren mit Masken und Schutzanzügen. Tirol ist nur eines davon.

Erst im August 2019 feierte Schranz seinen 60. Geburtstag. Gefeiert wurde unter anderem mit Landeshauptmann Platter sowie mit Nationalrat und Tiroler Wirtschaftsbund-Chef Franz Hörl. Knapp 9 Monate später fanden sie sich im Corona-Krisenstab Tirols wieder.

Seine elitäre 60er-Geburtstagsfeier zelebrierte Schranz unter anderem mit Nationalrat Franz Hörl und Landeshauptmann Günther Platter.

Dornauer sieht System Tirol am Ende

Das ominöse „System Tirol“, das sich aus einem Netzwerk von Politik, Skiliftkaisern, Tourismus-Mogulen, Agrargemeinschaften und Konzern-Bossen zusammensetzt, bündelt sich gerade in der Adlerrunde. Wie das Land Tirol die Kritik abtut, ist ebenfalls ein Bespiel des „System Tirols“. So schickt man den Platter-Intimus Schranz nach vorne, um die Kritik als „unverhältnismäßig“ abzutun.

SPÖ-Tirol-Chef Georg Dornauer sieht die Verflechtung von Politik und Wirtschaft so:

“Die Politik der ÖVP in Tirol ist so verwoben mit den Industrie – im speziellen mit den Tourismusinteressen -, dass es für die politisch Verantwortlichen offensichtlich gar nicht mehr möglich war, klare und unabhängige Entscheidungen zu treffen. Das muss man einmal in aller Deutlichkeit sagen. Das ist das eigentliche Systemversagen in Tirol.”

Für Dornauer kann sich auch die Bundesregierung nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen:

“Es drängt sich für mich auch die Frage auf, zu welchem Zeitpunkt die Bundesregierung – allen voran Sebastian Kurz – von den Zuständen in Tirol informiert war. Meinen Recherchen zufolge war das spätestens am 5. März der Fall. In Tirol sind sich 10 Tage später die Gäste und Mitarbeiter immer noch Nase an Nase gegenüber gestanden. Bekanntlich wurde der Liftbetrieb erst am 15. März eingestellt.”

Über Alois Schranz sagt er:

„Früher war er Unfallchirug, jetzt ist er Virologe. Es ist höchste Zeit, echte Experten – aus den Bereichen der Epidemiologie, Virologie, Infektiologie, Sozialpsychologie und Kommunikation – an die Spitze des Tiroler Krisenmanagements zu stellen. Der Krisenstab ist bei Lawinenkatastrophen top, mit dieser Epidemie ist er aber überfordert.“

Tirol war schon am 5. März von Island zum Risikogebiet erklärt worden, die Skilifte und den Wintertourismus betrieb man aber trotzdem noch weiter. Experten meinen aber auch, dass moderne Klimaanlagen so gut gefiltert sind, dass bei den Anlagen kein erhöhtes Risiko gegeben sei.

(ot)

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Titelbild: APA Picturedesk

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