Krisenmodus

Der Kapitalismus lacht das Virus aus

Dank Social Distancing haben viele von uns mehr Zeit, nachzudenken. Ich auch. Deshalb gibt es jetzt regelmäßig eine Krisenkolumne. Heute: Der Kapitalismus lacht das Virus aus.

Wien, 24. März 2020 / Wenn die Welt am Abgrund steht, zeigt irgendwo ein Historiker auf, räuspert sich und sagt etwas wie: „Im Grunde ist das nichts Neues. Bereits im Jahr eintausenddrölfzig hat König Blaubart der Zitternde…“ Ich habe es selbst oft genug getan. Grundtenor: Wer in die Vergangenheit schaut, den kann nichts erschüttern. Im Vergleich zur Großen Pest im 14. Jahrhundert wirkt das Coronavirus wie ein Frosch im Hals.

Das ist nervig, weil es erstens obergescheit ist und zweitens auf Menschen, die in der Gegenwart leben, wirkt, als nähme man ihre Probleme nicht ernst. Es ist aber trotzdem meist richtig. Nicht missverstehen – die Existenzängste eines Menschen, der gerade seinen Job verloren hat oder gar die Trauer um einen geliebten Verstorben werden um absolut gar nichts leichter, nur weil es relativ und global gesehen schon einmal schlimmer war. Leid ist individuell und lässt sich nicht relativieren.

Gerade deshalb erscheint uns jede Krise einzigartig, unvergleichlich und vor allem drängend akut. Stimmt auch alles. Trotzdem: All jene, die jetzt orakeln, dass nach der Krise nichts so sein würde wie zuvor, sind auf dem Holzweg. Eine der verbreitetsten Thesen in der quarantänebedingt überbevölkerten Echokammer Sozialer Medien lautet:

„Der Kapitalismus ist am Ende.“

Stimmt nicht. Schon Karl Marx, der ein schlechter Historiker, ein noch schlechterer Prophet, aber ein unübertroffener Beobachter seiner Gegenwart war, schrieb 1857 in einem Artikel im „New York Daily Tribune“: „Gerade das wiederholte Auftreten von Krisen in regelmäßigen Abständen trotz aller Warnungen der Vergangenheit schließt indessen die Vorstellung aus, ihre letzten Gründe in der Rücksichtlosigkeit einzelner zu suchen.“

Amazon kommt mit dem Liefern nicht hinterher. Diese indischen Amazon-Lagerarbeiter stretchen in der Mittagspause. Bild: Mahesh Shantaram über APA-Picturedesk

Die Krise gehört zum Kapitalismus, wie das Haargel zum Kanzler, oder, wie der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe sagte: Krisen sind die feste Begleiterscheinung der Entwicklung des Kapitalismus. Wenn den Kapitalismus etwas auszeichnet, sind es seine Wandelbarkeit und Krisenfestigkeit. Er hat den ersten Weltkrieg, die spanische Grippe, den Zweiten Weltkrieg und jede andere Krise der letzten 300 Jahre nicht nur überstanden, er ist auch gestärkt daraus hervorgegangen.

Den Wirtschaftsaufschwung der 1950er- bis 80er Jahre haben wir der Tatsache zu verdanken, dass nach der ersten Hälfte des „gewalttätigsten Jahrhunderts der Weltgeschichte“ (William Golding) nichts mehr da war, das man noch hätte kaputt machen können. Und wenn man einmal ganz unten ist, gibt es nur noch eine Richtung. Bullenmarkt nennt das die Börse.

Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen

Das Coronavirus ist ein Killer, aber den Kapitalismus wird es nicht umbringen können. Es wirkt sogar als Beschleuniger für wirtschaftliche Entwicklungen, die sich bereits abzeichnen. Gewaltige Technologiekonzerne (Amazon, Google-Mutter Alphabet, Apple, Cisco, Facebook, Huawei, Intel, IBM, Microsoft, Samsung, Tencent und ein paar andere) übernahmen zuerst das Internet; jetzt kommt die Welt dran.

Die Coronakrise schadet ihnen nur kurzfristig. Die KMU- und EPU-Konkurrenz bringt sie dafür um. Amazon, Alphabet, Apple, Facebook und Microsoft haben zusammen 1,3 Billionen an Börsenwert verloren. Das entspricht dem Bruttonationalprodukt Spaniens. Sie werden es überstehen. Wie sang die Jazz-Gitti schon 1990: “Kränk di net, wann’s amoi owe geht, denn du kummst d’rauf, es geht a wieder bergauf.”

Big Tech-Aktien: Von ganz unten gibt es nur eine Richtung.

China fährt gerade seine Wirtschaft wieder hoch, das sind gute Nachrichten für Apples Produktion und Lieferketten. Amazon stellt 100.000 Arbeiter ein – verzichtbares Menschenmaterial, das man nach der Krise wieder „freisetzen“ kann. Die Ausgangbeschränkungen werden dem Konzern helfen, endlich dort Fuß zu fassen, wo er schon seit Jahren aggressiv hin will: Lieferung von Alltagsgütern und Lebensmitteln für Millionen von Amerikanern, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Microsoft, das sich eine Vorrangstellung bei Cloud-Computing und Online-Arbeiten erkämpft hat, freut sich über einen Anstieg von 40 Prozent bei der Nutzung seiner Dienste. Facebooks Messanger-Dienste haben jetzt an normalen Tagen mehr Nutzer als sonst zu Silvester. Wer hat, dem wird gegeben.

Da kommt etwas Großes auf uns zu

Vor allem aber geht es um Daten. Alle großen Technologiekonzerne brauchen Daten. Sie sammeln und verkaufen sie, trainieren ihre KI damit – Daten sind das Erdöl des 21. Jahrhunderts. Und wir produzieren gerade leicht abschöpfbare Daten ohne Ende. Jede Videokonferenz, jedes Bewegungsprofil, jede WhatsApp-Nachricht: Es ist Goldrausch für Datenkraken. Die Krise wird Big Tech stärker machen als je zuvor. Kein Staat der Erde, schon gar nicht der verschreckte Haufen nationalistischer Kleinstaaten in der Europäischen Schönwetterunion, wird sie kontrollieren können. Da kommt etwas Großes auf uns zu.

Europa war nicht auf das Virus vorbereitet. Europa ist nicht auf die Macht der großen Tech-Konzerne vorbereitet. Die Moral von der Krisengeschichte: Wir müssten eigentlich radikal umdenken.

Thomas Walach

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Titelbild: APA Picturedesk

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