Ego, das Spiel des Lebens

Tipp Nr. 3 für die Corona-Isolation

Es ist wieder in, den Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung infrage zu stellen. Also nutzen wir die Zeit, um ein systemkritisches Buch zu würdigen, das ausgerechnet von einem Konservativen stammt. Das Leben als Spiel, das wir zu verlieren drohen.

Wien, 26. März 2020 / Frank Schirrmacher starb 2014 in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main, der Finanzmetropole Deutschlands und der EU. Der ehemalige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) war ein großer Denker und Autor des konservativen Feuilletons. Sein Buch „Ego: Das Spiel des Lebens“ ist ein großartiges Werk.

Ein linker Konservativer – oder konservativer Linker?

Bekannt wurde Schirrmacher vor allem durch ein 2006 geführtes Interview mit Literaturnobelpreisträger Günter Grass („Die Blechtrommel“, Red.), der darin zugab, in den letzten Kriegsmonaten bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Von der politischen Linken wurde er nicht nur deshalb lange gefürchtet, doch das änderte sich. Im Jahre 2011, inmitten der Finanzkrise, schrieb Schirrmacher einen aufsehenerregenden Artikel in der FAZ:

„Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat.“

Die These, dass konservativ-bürgerliche Politik zu schlechteren individuellen Lebensbedingungen und zu großer Ungleichheit geführt habe, führte er 2013 in einem kontroversen Buch weiter aus. In Deutschland wurde es sehr emotional debattiert, in einer Zeit, in der konservative Krisenpolitik auf dem Vormarsch war. Der Staat sparte bei de Leut‘, aber rettete die Banken. Wenn die Krisenverursacher gewinnen, ist es ein Spiel, das die große Mehrheit verliert.

Das Spiel des Lebens

„Ego: Das Spiel des Lebens“ war fünf Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Darin stellt Schirrmacher die Demokratiefähigkeit von Staaten und den freien Willen des Menschen angesichts eines Kapitalismus infrage, der eine radikal automatisierte Ökonomie ohne jegliche Moral fördere. Dies tut er in für ihn typisch drastischer Sprache, ohne zu sehr zu übertreiben. Auch bei dystopischen Analogien zu Darth Vader und Graf Dracula schafft er es, nicht in Verschwörungstheorien abzugleiten. Das Buch ist ein echter Schocker, weil es schonungslos offenlegt, wie wir auf Krisen immer und immer wieder zurasen. Too big to fail heißt es dann bei den Großen, während die Kleinen eingehen. Die „effiziente Marktmaschine“, durch Automatisierung noch erbarmungsloser, brauche sogar solche Krisen als Reinigungseffekt. Wenn es keine Märkte mehr zu erschließen gibt, werden neue künstlich geschaffen oder alte zerstört, um sie danach wieder wie – Achtung – ein Virus zu befallen. Er schreibt an vielen Stellen zynisch:

„Worin besteht beispielsweise der Unterschied zwischen dem Ratschlag, sich im Falle eines Atomangriffs unter einen Tisch zu verkriechen, den amerikanische Kinogänger in den Fünfzigerjahren auf der Leinwand sehen konnten, und dem Ratschlag, finanziell für sein Altern in Märkten vorzusorgen, die eben diese Altersvorsorge vernichten?“

Lehren für Corona

Zugegeben, das Buch ist nichts für sanfte Gemüter und auch nichts für Freunde der deftigen Wirtshaus-Sprache. Dafür ist es zu blumig und verklausuliert geschrieben. Man sollte jedoch Schirrmachers kluge Thesen nicht dem Feuilleton überlassen, sondern so aufsaugen, dass man sie auch im Wirtshaus verständlich wiedergeben kann. Denn: das Wirtshaus war immer ein umkämpfter politischer Ort. Übrigens: auch die Wirte gehören derzeit zu den Leidtragenden der Corona-Krise, denn kein Mensch hockt aktuell bei Bier und Schinkenfleckerln als zahlender Gast in der Stubn. Das ist für die Gastronomen jetzt schon ein Problem und es scheint nicht kleiner zu werden.

Es lohnt, sich Gedanken nicht nur über wirtschaftliche Existenzen zu machen, sondern auch die Frage nach den Lehren aus der Dauerkrise zu stellen. Vielleicht sollte man den spießigen Tipps, beim Wirt um die Ecke und nicht bei der internationalen Kette einzukaufen, einfach mal Folge leisten. Schmeckt meistens eh besser! Vielleicht sollte man sich aber auch die Frage stellen, wer bei dieser Krise gut aussteigen wird. Ein Ansatzpunkt ist sicher die Tech-Branche, die aufgrund der vielen flimmernden Kisten der Isolations-Republik profitiert wie nie. Steuern zahlt sie dennoch nicht ausreichend. Automatisiert und überwacht, wie Schirrmacher eindringlich beschreibt, wird aber immer mehr. Wer wohl nicht von der Krise profitiert, ist auch klar: das Wirtshaus. Um es nicht wie sooft den Rechten zu überlassen, sollte jeder Linke (Konservative) den Schirrmacher lesen – und beim Wirt um die Ecke bestellen! Wenn der auch irgendwann sagt “Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat”, sind wir ein gutes Stück weiter.

Benjamin Weiser

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Titelbild: APA Picturedesk

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