Was uns die Spanische Grippe über das Coronavirus lehrt

Das Coronavirus wird immer wieder mit der Pandemie von 1918 verglichen – der Spanischen Grippe. Die Atemwegserkrankung forderte je nach Schätzung 25 bis 60 Millionen Menschenleben. Doch halten die Vergleiche stand?

Wien, 29. März 2020 / 27. Mai 1918, der erste Weltkrieg befindet sich fünf Monate vor dem Ende und hat bis dahin ungefähr 20 Millionen Menschenleben gefordert, die blutigste kriegerische Auseinandersetzung der Geschichte. Doch in den darauffolgenden Jahren sollte die Spanische Grippe (Subtyp A/H1N1 – ein virulenter Abkömmling der „Schweinegrippe“, Red.) fast dreimal so viele Todesopfer fordern.

Spanische Grippe nicht aus Spanien

Die spanische Presse berichtet von einer mysteriösen Atemwegserkrankung von epidemischem Charakter, die auch König Alfons XIII. infiziert hatte. Bereits zuvor wurde in anderen Ländern von der Krankheit berichtet, jedoch sollten die Berichte über die neue Krankheit aufgrund des gegenseitigen Misstrauens zwischen Mittelmächten und Alliierten nicht ernstgenommen werden. Spanien, das im ersten Weltkrieg neutral agierte, sollte dadurch der Namensgeber für die Virus-Erkrankung werden. Der Ausbruchsort der Krankheit lag jedoch an anderer Stelle.

Der Ort, der am meisten von Wissenschaftlern für den Ausbruchsort gehalten wird, ist ein US-Armeecamp im Bundesstaat Kansas. Tausende Soldaten wurden im Spital aufgenommen mit schweren Symptomen. Atemschwierigkeiten, Fieber, Husten. Nach drei Tagen folgte der Tod unter furchtbaren Bedingungen. Ärzte berichteten von blau angelaufenen Soldaten, die aus Augen und Ohren bluteten. Amerikanische Soldaten wurden trotzdem nach Europa in die Schützengräben geschickt. Die weltweite Ausbreitung sollte so ihren Lauf nehmen. Regierungen verheimlichten, so gut es nur ging die Krankheit, oder spielten ihre Gefahr herunter, um keinen negativen Effekt auf die Moral der Soldaten zu bewirken. Selbst führende Mediziner spielten die Spanische Grippe als gewöhnliche Grippe herunter. Die Pandemie nahm ihren Lauf. Kein Kontinent sollte von der Spanischen Grippe verschont bleiben. Historiker gehen von bis zu 60 Millionen Toten aus. Doch welche Lehren kann man aus der Pandemie von 1918 auf das Coronavirus ziehen?

Die Zweite Welle

Die größte Gefahr der Spanischen Grippe ging nicht von der ersten Welle aus, die vermutlich mit den Soldaten aus den USA in die europäischen Schützengräben gelang, sondern von der zweiten Welle, die die Menschen Monate später erreichte. Diese besonders tödliche zweite Welle war dafür verantwortlich, dass bis zu einem Drittel der damaligen Weltbevölkerung mit dem Virus infiziert wurden, ungefähr 500 Millionen Menschen. Die Spanische Grippe sollte bis in das Jahr 1921 wüten. Die Zahl der Todesopfer flachte danach dramatisch ab. Wissenschaftler der Universität Cambridge belegen, dass das Virus bis in das Jahr 1957 in Menschen gefunden werden konnte, jedoch mutierte es so stark, dass das Virus sich an Menschen adaptierte.

Social Distancing funktioniert

Zwei Begriffe, die in der heutigen Zeit oft verwendet werden, sind „flatten the curve“ – also die Kurve der Infizierten zu drücken, sodass Krankenhäuser mit Kranken nicht überfüllt werden – und “Social Distancing” – also physischen Abstand zu anderen Menschen zu halten, um eine Ausbreitung zu verhindern. Welche Auswirkungen Social Distancing hatte, kann man anhand zweier US-Städte sehen. Philadelphia hielt sich an die Linie der US-Regierung, die mit allen Mitteln versuchte, die Krankheit herunterzuspielen. Deshalb hielt die Stadt mit 1,7 Millionen Bewohnern in den letzten Kriegstagen noch eine Militärparade ab, an der 200.000 Menschen teilnahmen. Der Virus verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Stadt. In den nächsten sechs Wochen sollten 12.000 Menschen an den Folgen sterben. Die Stadt St. Louis hingegen setzte auf strikte Maßnahmen, um den Kontakt zwischen der Bevölkerung zu minimieren. Kirchen, Schulen, Gerichtssäle wurden geschlossen, Versammlungen von mehr als 20 Menschen untersagt. Die Spanische Grippe erreichte die Stadt zwar, jedoch wurde die Kurve der Infizierten flachgehalten. In den gesamten USA starben ungefähr 675.000 Menschen an den Folgen der Pandemie, 22 Millionen galten als infiziert.

Der Unterschied zwischen Social Distancing und keiner Einstellung der sozialen Kontakte anhand von St.Louis und Philadelphia im Jahr 1918.

Quelle: pnas.org

Spanische Grippe suchte andere Opfer

Der große Unterscheid zwischen der Spanischen Grippe und dem Coronavirus liegt bei den Opfern, die vom Virus am meisten betroffen waren. Die Gruppe, die am stärksten von der Spanischen Grippe betroffen war, waren Personen mit starkem Immunsystem im Alter zwischen 20 und 40. Das lag in der Natur des Virus. Das Immunsystem reagierte sehr stark auf das Virus, gerade bei körperlich fitten Menschen ein Problem. Die Lungen füllten sich mit Flüssigkeiten, die das Virus bekämpfen sollten und führte zum „Ertrinken“. Das Coronavirus hingegen ist besonders für die ältere Generation gefährlich.

Keine Anzeigepflicht

Im Gegensatz zum Coronavirus, galt für die Spanische Grippe in Österreich keine Meldepflicht. Das hatte mit der damaligen Medizin zu tun, da die Krankheit schwer zu diagnostizieren war und extrem schnell tötete. Eine komplette Isolation wurde damals für die Behörden in Österreich zudem für undenkbar deklariert, auch weil der Ausbruch zu spät festgestellt wurde und daher zu weit fortgeschritten war.

Letalität

Momentan ist es noch schwer, eine exakte Letalitätsrate, sprich Sterblichkeitsrate, für das Coronavirus zu definieren, und zwar aufgrund der unterschiedlichen Testmethoden der Länder. In Italien liegt sie derzeit bei circa zehn Prozent, in Deutschland hingegen bei 0,64 Prozent. Der weltweite Durchschnitt liegt Stand: 28. März bei 4,58 Prozent. Bei der Spanischen Grippe hingegen galten 500 Millionen Menschen als erkrankt. Geht man von ungefähr 50 Millionen Toten aus, ergibt das eine Letalitätsrate von zehn Prozent. Demnach mehr als doppelt so hoch wie beim Coronavirus.

Todesfälle in Berlin, New York, Paris und London im Jahr 1918.

Fazit

Die meisten Länder nehmen das Coronavirus ernst und veranlassen Maßnahmen zum Social Distancing. Ein krasser Gegensatz zum Jahr 1918, als man aufgrund des sich im Endstadium befindenden Ersten Weltkrieges keine Schwäche zeigen wollte. Die fortgeschrittene Medizin des 21. Jahrhundert ist zudem ein großer Faktor, sie wird bei der Bekämpfung des Virus hilfreich sein. Die Impfforschung zum Beispiel steckte im Jahr 1918 noch in den Kinderschuhen.

(bf)

Lesen Sie auch

Titelbild: APA Picturedesk

HIER SPENDEN!

Direkt an unser Konto spenden!

Bildungsverein Offene Gesellschaft
Verwendungszweck: ZackZack
AT97 2011 1839 1738 5900

AKTUELLES

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben