Hotspot Teheran

Wo sich Corona, Armut und Diktatur die Hand reichen

In Teheran, der Schlagader der iranischen Wirtschaft, prallen Kinderarbeit, Armut und Perspektivenlosigkeit auf Korruption, Dekadenz und Reichtum. Die von der Coronakrise schwer getroffene 20 Millionen-Hauptstadt am Fuße des Elburz-Gebirges erstreckt sich von 1.300 Meter Seehöhe bis auf die südlich gelegene Wüste. Das geographische Gefälle entspricht den sozialen Verhältnissen: Im Norden residieren die Reichen, im Süden bestreiten die Armen den Alltag.

Wien, 30. März 2020 / Das islamische Regime in Teheran bat den IWF kürzlich um finanzielle Hilfe in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar. Andererseits haben die Machthaber im Iran in den letzten Jahren Milliarden Dollar im Südlibanon (Hisbollah, Hamas usw.), im Irak (Hast al Shabi, Kataeb Hisbollah), im Jemen (Houthi-Milizen) und nicht zuletzt im Syrien-Krieg investiert. Weitere Millionen Dollar wurden für unzählige islamische Vereine und Organisationen ausgegeben, Schreine und Kuppeln heiliger Stätten vergoldet.

Seit Ausbruch von Covid-19 mutiert die iranische Hauptstadt nun zu einem Moloch. Nachdem das Mullah-Regime der betroffenen Bevölkerung keine finanziellen Zuwendungen zugesichert hat, stecken Millionen Menschen in einem Dilemma: zuhause bleiben oder zur Arbeit gehen. Viele von ihnen hatten es vor der Corona-Krise ohnehin schon schwer.

Die Stadtausfahrten werden seit Donnerstag von der Polizei streng kontrolliert. Niemand darf seinen Wohnort verlassen. Demnächst sollen laut „Corona-Krisenstab“ Parkanlagen geschlossen, die U-Bahn sowie der Bus-Verkehr zur Gänze eingestellt werden. Mit der letzten Entscheidung wird von Regierungsseite aus aber noch gezögert. Die Folgen dieser unvermeidbaren Maßnahmen sind für viele fatal.

Die Kleinen

Zahra (Name von der Redaktion geändert) ist 9 Jahre alt. Sie geht nicht in die Schule. Täglich wird sie mit einem weißen Auto, zusammen mit 3 Kindern hierher gebracht. Keiner weiß, wer der Mann hinter dem Steuer ist. Sie stellt sich mit ihrer weißen Körperwaage in die Nähe einer Fußgängerbrücke am stark frequentierten Sana’t Platz, im nordöstlich Teil von Teheran. Hier wohnen wohlhabende Teheraner. Freundlich, höflich und stets mit einem Lächeln voller Hoffnung spricht sie die Passanten an und stellt gegen eine Spende ihr „Arbeitsgerät“ für eine kurze Gewichtskontrolle zur Verfügung. Für jene, die sich Übergewicht leisten können.

Zahra ist eines der 240.000 Kinder im Iran, die Zwangsarbeit verrichten, oder schlicht persönlich gezwungen sind, zu arbeiten, weil sie ihre Familie ernähren müssen. Müllsammeln, Taschentücher oder Blumen verkaufen sind gängige Beschäftigungen. Die Windschutzscheibe von Autos bei der Ampel können nur die Älteren von ihnen, die dafür schon groß genug sind, putzen.

Social Distancing macht Zahras Leben und das Leben der Kinderarbeiter in Teheran noch schwerer. Während man im Staatsfernsehen die Bevölkerung dazu aufruft, sich vitaminreich zu ernähren und sich öfter am Tag die Hände zu waschen und zuhause zu bleiben, fragt sich Zahra: Was ist überhaupt eine vitaminreiche Ernährung? Wo soll ich mir die Hände waschen? Wo ist mein Zuhause?

Die Stimmlosen

Walid (Name von der Redaktion geändert) ist ein afghanischer Flüchtling, Tagelöhner und lebt seit 15 Jahren in Teheran. Als Bauarbeiter muss er mit umgerechnet 120 Euro im Monat auskommen. Er lebt zusammen mit sechs anderen Männern in einem Raum. Eine Krankenversicherung oder Krankengeld gibt es für Walid nicht. Dennoch hat er Glück. Er hat gültige Papiere und darf bleiben.

Afghanische Bauarbeiter waren beim Bau des U-Bahnnetzes in Teheran maßgeblich beteiligt. Nachts dienten die unfertigen Stollen als unterirdischer Schlafplatz. Immer wieder wurden manche damals bei den Bauarbeiten verschüttet – sie starben still und namenlos. Laut Schätzungen der UNHCR leben ca. 1,5 bis 2 Millionen geflüchtete Afghanen im Iran. Afghanische Kinder durften bis 2015 keine öffentliche Schulen besuchen. Ein Teil von ihnen hat keinen Flüchtlingsstatus und riskiert täglich eine Abschiebung.

Walid ist dem Krieg und den Taliban entkommen. Eine Erkrankung an Corona schwingt wie ein Damoklesschwert über seinem Kopf. Die Kapazitäten aller Krankenhäuser sind erschöpft, es mangelt an Handschuhen, Masken und vor allem Krankenhauspersonal. Aber einen Aufenthalt in einem Spital könnte sich Walid sowieso nicht leisten. Er könnte so anonym wie einst viele U- Bahnarbeiter für immer still begraben werden.

Die Gefangenen

Dr. Massoud Mosaheb, der Generalsekretär der Österreichisch-Iranischen Gesellschaft in Wien, wurde am 29. Jänner 2019 während einer Geschäftsreise in den Iran verhaftet und wartet seitdem im berüchtigten „Evin“-Gefängnis in Teheran unter menschenunwürdigen Bedingungen auf seine Todesstrafe. Ihm wird, sowie vielen anderen politischen Gefangenen, Spionage vorgeworfen. Er leidet an einer schweren Herzinsuffizienz, einem Diabetes Typ II, einer Polyneuropathie sowie einer – besonders schmerzhaften – Divertikulitis. Darauf machte auch die Wiener Ärztekammer bereits im Sommer in einem öffentlichen Appell an die österreichische Regierung aufmerksam.

Der Austro-Iraner mit österreichischer Staatsbürgerschaft, arbeitete unter anderem in der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) und bei Siemens, wo er als technischer Projektleiter der zwei größten Austromir-Projekte maßgeblich für den technisch- wissenschaftlichen Teil der Experimente verantwortlich war.

Seit den Unruhen vom November sitzen Tausende landesweit unschuldig in den Gefängnissen. Dazu kommen hunderte, wenn nicht tausende NGO-Mitglieder, Menschenrechtsaktivistinnen, Journalisten, Regime-Kritiker, die nicht nur der Gefahr einer möglichen Corona-Erkrankung ausgesetzt sind, sondern sehr leicht vom Mullah-Regime ermordet und als Corona-Tote deklariert werden könnten. Das ist zumindest die große Befürchtung.

In vielen Haftanstalten gibt es bereits Corona-Fälle. Aus diesem Grund kam es in den letzten Tagen landesweit in mehreren Gefängnissen (Shiraz, Teheran, Täbriz, Varamin usw.) zu Revolten. In Saghez sind nach bestätigen Informationen über 80 Häftlinge auf der Flucht.

Die Haftanstalten sind aber eigentlich nur die „kleinen Gefängnisse“. Das meinte einmal Nasrin Sotudeh, die bekannte Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, die selbst immer wieder verhaftet wurde und sich der Zeit im Hungerstreik befindet. „Das große Gefängnis“ an sich ist für viele jedoch der Iran selbst. Und Teheran ist darin der Trakt, in welchem vielen die Todesstrafe droht.

(Red.)

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Titelbild: APA Picturedesk; Andere Bilder: Privat, Twitter

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