Lungenfacharzt packt aus

Lieferung viel zu spät

Ein Tiroler Lungenfacharzt gibt ZackZack anonym Einblicke in die mangelhafte Versorgung mit Hygienematerial: Wenn der Lungenfacharzt in seiner Praxis nicht schon selbst bereits vor Bekanntwerden des ersten Falls in Österreich strenge Hygienemaßnahmen eingeführt hätte, hätte die Krise ihn und seine Patienten kalt erwischt.

Wien, 1. April 2020 /

ZackZack: Sie sind Lungenfacharzt und haben eine Kassenpraxis in Tirol. Wie hat Sie die Ausbreitung des Coronavirus getroffen?

Arzt: Ich und meine Tochter haben eine Lungenfacharztpraxis. Ich war selbst kurz vor Bekanntwerden der Ausbreitung des Virus in Norditalien dort auf Urlaub. Als ich gehört habe, das Virus breitet sich dort aus, haben wir das Land sofort fluchtartig verlassen und gesagt, wir müssen da was tun – schleunigst.

ZackZack: Sie haben damit gerechnet, dass Covid-19 sich auch in Österreich bald ausbreiten würde?

Arzt: Ja. Ich bin dann sofort in den Baumarkt und habe Plexiglas und andere Materialien besorgt, um ein mögliches Ansteckungsrisiko in meiner Praxis so gering wie möglich zu halten. Wir haben daher schon vor dem ersten bekannten Coronavirus-Fall in Österreich die Hygiene stark hochgefahren, haben berührungsfreie Seifen-, Desinfektions- und Handtuchspender montiert, für meine Tochter und Assistentin am Arbeitsplatz habe ich einen Plexiglas-Schutz montiert. Was wir darüber hinaus noch brauchten, waren Atemschutzmasken für uns und unsere Patienten, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten.

ZackZack: Sie haben Ihre Vorräte an Atemschutzmasken noch aufstocken können?

Arzt: Wir haben bei unseren privaten Anbietern, bei denen wir seit Jahren unser Material bestellen, noch einiges an Material bestellt – doch relativ bald bekamen wir nichts mehr, weil ihnen das Material ausging. Die Ärztekammer hat dann ein Schreiben ausgeschickt mit einer Auflistung, was wir alles brauchen – wir haben das Formular ausgefüllt, also die Sachen bestellt, und an die Ärztekammer retourniert. Die hat die Bestellung in die Wege geleitet. Die Lieferung, die dann kam, war sehr frustrierend: Statt der bestellten Atemschutzmasken haben wir eine 5 Liter Desinfektionsmittel-Kanister und eine Packung nicht-sterile Handschuhe bekommen.

Die aufgegebene und an die Tiroler Ärztekammer abgeschickte Bestellung, die von den Behörden geliefert werden sollte.

Die erste Lieferung kam kommentarlos: 5 Liter Desinfektionsmittel und eine Packung Handschuhe.

Dann hieß es, der Rest kommt am Montag – das war dann eine 10er-Packung Masken in Bauhaus-Qualität, also auch nicht, was wir bestellt hatten. Gestern kam dann eine Lieferung – es sieht so aus, als hätten wir jetzt das Material in ausreichender Menge und ausreichender Qualität.

ZackZack: Für welchen Zeitraum?

Arzt: Wie lange wir mit den jetzt gelieferten Materialien auskommen, hängt ganz von der Patientenfrequenz ab, die nächsten 2-3 Wochen dürfte es reichen…

ZackZack: Was haben Sie dann in den letzten 2 Wochen gemacht?

Arzt: Die Hygiene, so gut es geht, gewährleistet – Türen sind offen geblieben, wir haben den Plexiglas-Verbau, wir haben gemacht, was wir machen konnten. Wir haben von den Räumlichkeiten her die Möglichkeit, die Patienten im Sicherheitsabstand unterzubringen und haben einen möglichst kontaktarmen Alltag gelebt. Wenn ein Patient kommt, kommt er zunächst in den Waschraum, wo er sich die Hände wäscht, dann eine Maske aufsetzt und die die ganze Zeit in der Ordination trägt.

ZackZack: Die Bestellung des Materials, das jetzt endlich eingelangt ist: Wer bezahlt dafür?

Arzt: Wir wissen nicht, ob uns das zur Verfügung gestellt wird oder wir eine Rechnung bekommen – es ist mir egal, Hauptsache, wir können die Infektionsgefahr eindämmen. Ob wir eine Rechnung bekommen, wissen wir bis heute nicht. Natürlich ist das für uns ein gewisses Dilemma: Wir haben höhere Aufwendungen, die ersten Bestellungen haben wir privat bezahlt, möglicherweise auch das neu bestellte Material – gleichzeitig ist unsere Patientenzahl angesichts der Krise zurückgegangen.

ZackZack: Jetzt wurde eine generelle Maskenpflicht eingeführt – dabei war bis vor Kurzem nicht einmal für Lungenfachärzte Material da.

Arzt: Wenn jetzt so viel Masken da sind, dass es in der Öffentlichkeit funktioniert, ist es nur zu befürworten. Diese Masken schützen andere, nicht den Träger selbst. Wenn wir so viel Masken haben, dass es für so viele Leute denkbar ist, müsste man sich überlegen, ob es nicht eine generelle Maskenpflicht geben sollte. Das wäre sicher vernünftig. Auch wenn im deutschen Fernsehen ein Hygieniker gesagt hat, das bringt nicht viel – aber auch ein kleiner Schritt ist ein Schritt.

Aber eine Frage, die sich mir aufdrängt: Wo sind die vielen Millionen Masken, die damals bei der Vogelgrippe von der Ministerin Rauch-Kallat (ÖVP, Red.) eingelagert worden sind? Ich kann mich gut erinnern, dass es damals geheißen hat, dass die Ministerin eine Unmenge an Masken eingelagert hätte.

Es hat einmal in einer Pressekonferenz geheißen, die wären abgelaufen. Aber selbst wenn sie nur 5% oder nur 3% Ansteckung verhindern, ist es besser, als dass sie im Lager herumliegen und irgendwann vernichtet werden.

ZackZack: Ihre Praxis bzw. Patienten sind bisher von Covid19 unberührt?

Arzt: Gott Sei Dank ist bei uns noch nichts passiert – ich glaube auch, weil wir die Hygienemaßnahmen bereits vor dem Beginn so konsequent umgesetzt haben. Ich sehe das gelassen – wenn es uns mit der Infektion trifft, dann trifft es uns. Aber wir haben die Maßnahmen hochgefahren, um in der Praxis die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Ich richte mich da nach dem Motto Merkels: Wir schaffen das.

ZackZack: Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Titelbild: APA Picturedesk

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