EU: Österreichs Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch

Regierung lehnte EU-Hilfe ab

Die EU rechnet mit einer Überlastung des österreichischen Gesundheitssystems noch im April. Dann gibt es nicht mehr genug Intensivbetten für alle. Noch im Februar hat Österreich die Hilfe der EU zur Beschaffung von Beatmungsgeräten und Masken ausgeschlagen.

Wien/Brüssel, 02. April 2020 | 1.500 ist die magische Zahl. Etwa so viele Covid-19-Patienten verkraften Österreichs Spitäler laut Europäischem Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Danach reicht es nicht mehr für alle. Am Donnerstag waren es laut Gesundheitsministerium bereits 1.057.

EU-Bericht verheißt nichts Gutes

Die Rechnung der ECDC ist einfach: Wenn 18 Prozent aller Covid-19-Spitalspatienten auf die Intensivstation müssen, verkraftet Österreich 17,7 Patienten pro 100.000 Einwohner. Tatsächlich sind in Österreich sogar mehr als 21 Prozent der Patienten auf der Intensivstation. Bei einer Bevölkerung von rund 8,8 Millionen gehen uns die Intensivbetten also bei rund 1.500 Coronainfizierten im Spital aus. Wenn das passiert, müssen auch bei uns – wie in Italien – die Krankenhausmitarbeiter entscheiden: Wer bekommt ein Intensivbett, und wer nicht?

Die Zahl der Covid-19-Patienten ist in Österreich in den letzten Tagen sogar etwas zurückgegangen. Die der Toten steigt aber weiter. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass weniger Erkrankte ins Spital gebracht werden.

Was die Regierung uns nicht sagt

Die Zahlen der ECDC stammen übrigens von der österreichischen Regierung. Sie weiß also, wo wir stehen. Laut einem internen EU-Dokument, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt, hat Österreich der EU bereits im März bekannt gegeben, dass unserem Gesundheitssystem Mitte April die Intensivbetten ausgehen werden. Der österreichischen Bevölkerung hat die Regierung das bisher nicht mitgeteilt. Das Gesundheitsministerium war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Österreich wollte erst keine Hilfe…

Noch im Februar war der österreichischen Regierung der Ernst der Lage offenbar nicht bewusst. Alle nationalen Regierungen der Europäischen Union, darunter auch die österreichische Bundesregierung, berichteten im Februar nach Brüssel, dass sie kein hohes Risiko für eine mögliche Überlastung ihrer Gesundheitssysteme sehen. Trotzdem bot die Europäische Kommission den Regierungen der Mitgliedsstaaten an, ab 28. Februar für sie Beatmungsgeräte, Masken und andere Schutzausrüstung zu beschaffen. Alle Regierungen – auch die österreichische – lehnten dankend ab. Man sei gut vorbereitet und brauche keine zusätzlichen Mittel.

…und bekommt jetzt keine mehr

Erst am 13. März erkannten die nationalen Regierungen den Ernst der Lage. Das geht aus geheimen Aufzeichnungen von einem Treffen europäischer Gesundheitsexperten hervor, die Reuters vorliegen. Doch dann war es bereits zu spät. Als die österreichische Regierung endlich in die Gänge kam, war keine überlebenswichtige Ausrüstung mehr zu bekommen. Wie das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ letzte Woche berichtete, rief Bundeskanzler Sebastian Kurz persönlich den Chef des deutschen Medizingeräteherstellers Dräger an. Man brauche dringend 1.000 Beatmungsgeräte. „Er kann jetzt nur noch 50 bekommen“, sagte Stefan Dräger. Die anderen waren schneller.

Wenn wir die magische Zahl 1.500 überschreiten und die ersten Kranken kein Beatmungsgerät bekommen – wird Sebastian Kurz sich dann fragen, ob er das Angebot der EU hätte annehmen sollen?

(tw)

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Titelbild: APA Picturedesk

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