Schweden: Ohne Shutdown gut durch die Krise?

Viel ist zu lesen über die angeblich unverantwortliche Strategie Schwedens. Rechte Medien haben das Land als schlechtes Beispiel auserkoren, um harte Maßnahmen als scheinbar einzig gangbaren Weg zu rechtfertigen. Sieht man genauer hin, ergibt sich ein anderes Bild.

Stockholm/Wien, 15. April 2020 | Acht norwegische Forscher kommen zum Schluss: die rigiden Maßnahmen in Norwegen und Dänemark führen nicht zu signifikant weniger Corona-Toten als in Schweden, zumindest nicht insoweit, dass drastische Freiheitseinschränkungen auf Dauer gerechtfertigt wären.

In Schweden haben viele Einrichtungen nicht geschlossen, so auch Schulen für kleinere Kinder, Restaurants und die meisten Geschäfte. Untersagt sind lediglich Versammlungen von über 50 Menschen, in den weiterführenden Schulen und den Universitäten findet derzeit kein Unterricht statt. Ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen sollen die Öffentlichkeit meiden.

Todesrate „nicht wesentlich höher“

„Trotzdem liegt die Todesrate von Corona-Erkrankten in Schweden nicht wesentlich höher, und daher muss erwogen werden, ob die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nachteile in einem vernünftigen Verhältnis zu den Maßnahmen stehen“,

betonen die Norweger in ihrer Studie. Professor Mette Kalager von der Universität Oslo schreibt im norwegischen „Aftenposten“:

„Der Unterschied zwischen Dänemark mit seinen strengen und kostspieligen Maßnahmen zu Schwedens eher lockeren besteht in einer höheren Rate an Corona-Toten von 3,78 Fällen pro 100.000 Menschen. Wir meinen, das ist zu gering in Anbetracht der großen Konsequenzen, die die Maßnahmen mit sich führen.“

Allein das sind bemerkenswerte Feststellungen, liest man doch in vielen österreichischen Medien diametral andere Einschätzungen über die Situation im hohen Norden.

Welche Todesrate bringt die besten Schlagzeilen?

Eine Zahl geistert hierzulande besonders herum: 77 Prozent hoch soll die Todesrate in Schweden sein. So vollmundig klingt jedenfalls der umstrittene „Kurier“-Vize Richard Grasl. Dass sein reißerischer Artikel über die Fahrlässigkeit Schwedens und die heroischen Taten der österreichischen Regierung scheinbar schon wieder vom Netz ist, spricht Bände.

Der „Kurier“ berichtet allerdings immer noch sehr eigenwillig über Zahlen. So nimmt man dort sogenannte „abgeschlossene Fälle“ als Grundlage zur Messung der Todesrate, sprich man addiert die Zahl der bereits vollständig Genesenen mit den Corona-Toten. Rückschlüsse lässt diese Zahl zwar nicht zu, dennoch geistert sie seit Tagen durch vor allem Kurz-freundliche Medien.

Das Problem dabei ist: Die Zahl der tatsächlich Infizierten sowie die Dunkelziffer der Infizierten ohne Symptome spielt hier überhaupt keine Rolle. Noch dazu kommt es auf die Zahl der Testungen an. Wer Testungen erst bei schweren Krankheitsverläufen durchführt, wie Schweden es tut, hat auch eine höhere Todesrate – abgesehen davon, wie diese gemessen wird. Kurz gesagt: die angebliche Todesrate der „closed cases“ sagt überhaupt nichts aus. Die deutsche „BILD“ und andere Zeitungen berichten neuerdings von einer Todesrate von 9 Prozent (“active cases”, Red.) in Schweden. Welche Zahl ist denn jetzt die “richtige”? 9 oder 77? Scheinbar hat man sich darauf geeinigt, Schweden als mahnendes Beispiel für eine misslungene Strategie zu instrumentalisieren, da sind Zahlen relativ.

Intensivstationen mit vielen freien Plätzen

Doch richtet man den Blick nach Schweden, ergibt sich ein anderes Bild. David Konrad, Oberarzt am Stockholmer Karolinska Krankenhaus, sagt:

„Es gibt viele freie Plätze in den Intensivstationen in allen Stockholmer Krankenhäusern.“

Am Wochenende seien 177 Intensiv-Krankenplätze frei gewesen. Man würde immer mehr Patienten entlassen, so Konrad. Selbst bei den Risikogruppen mit lebensgefährlichen Krankheitsverläufen hätten weit mehr als 80 Prozent überlebt.

Bemerkenswert ist auch die Entwarnung des Gesundheitsamtes, das weitgehend ohne Einfluss von Politikern fast alleine verantwortlich für die Corona-Strategie des Landes ist. Auch das Vertrauen in die Wissenschaft ist hoch: fast 90 Prozent sind zufrieden mit dem Chef-Epidemiologen Anders Tegnell und seinen Kollegen. Der Wissenschaftler ist, anders als im regierungslastigen österreichischen Fernsehen, omnipräsent und wirkt so gelassen wie überzeugt vom schwedischen Sonderweg.

Regierende Sozialdemokraten mit hohen Werten

Fakt ist: Knapp über 1.000 Tote bei knapp über 11.000 Infizierten klingt vorerst nicht nach gescheiterter Strategie, auch wenn das knapp 2 Mal so viele sind wie in Österreich, das aber auch mehr als eine Million weniger Einwohner hat. Richtig ist auch, dass ein großer Teil der Infektionen im hohen Norden auf Ischgl und von dort zurückkehrende Skiurlauber zurückzuführen ist.

Die Regierung profitiert bisher von ihrem Weg: die regierenden Sozialdemokraten stehen in einer Umfrage mit dem Zeitraum 30. März bis 8. April bei stabilen 30,6 Prozent und damit um ganze 7 Prozent höher als noch Anfang März (sowie knapp 2 Prozent höher als bei den letzten Parlamentswahlen – siehe unteren Tweet, Red.). Die oppositionellen Konservativen und die rechten „Schwedendemokraten“ stagnieren dagegen bei 20 bzw. 19 Prozent.

Dabei weiß man: die einzig richtige Strategie gibt es nicht. Deshalb behält man sich striktere Maßnahmen vor – sollten diese wirklich nötig sein.

(wb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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