Brasilien mitten in Corona-Krise

Präsident Bolsonaro entlässt Gesundheitsminister

Inmitten der Corona-Pandemie hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro den populären Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta entlassen, mit dem er seit Wochen im Clinch liegt. Mandetta hatte sich über Wochen gegen Verharmlosung des Virus durch Bolsonaro gestellt.

Wien, 17. April 2020 | Nach einem Treffen im Präsidentenpalast teilte Mandetta am Donnerstag via Twitter mit, dass er entlassen wurde. Sein Nachfolger ist der Onkologe Nelson Teich.

Der Minister hatte sich mehrfach gegen Bolsonaro aufgelehnt und versucht, strikte Corona-Auflagen gegen den Willen des rechtsradikalen Staatschefs durchzusetzen. Aus Protest gegen die Entlassung des beliebten Ministers traten in vielen brasilianischen Städten Menschen an die Fenster und schlugen laut auf Töpfe und Pfannen.

Bolsonaro: Covid-19 ist “kleine Grippe”

Bolsonaro hat die von dem neuartigen Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 als “kleine Grippe” bezeichnet und sieht im weltweiten Kampf gegen das Virus eine “Hysterie”. Mandetta hatte sich dagegen an die internationalen Empfehlungen gehalten und versucht, die Regeln der sozialen Distanz in Brasilien durchzusetzen. Während Bolsonaros Beliebtheit in Umfragen sank, wurde Mandetta bei seinen Landsleuten immer populärer.

Präsident versus Gesundheitsminister

“Die Wissenschaft ist das Licht”, erklärte Mandetta bei einer Pressekonferenz nach seiner Entlassung. Kurz zuvor war er im Ministerium von seinen Beamten mit stehenden Ovationen begrüßt worden.

Mandetta scheint am Sonntag eine rote Linie überschritten zu haben, als er dem Sender TV Globo sagte, die Brasilianer wüssten nicht mehr, “ob sie auf den Minister oder den Präsidenten hören” sollten. Die Äußerung zeigte deutlich das Zerwürfnis in der Regierung und kostete den Minister die Unterstützung des Militärs, das bis dahin zu ihm gehalten hatte.

Onkologe neuer Gesundheitsminister

Zum Nachfolger Mandettas ernannte Bolsonaro den Onkologen Teich. Bei seiner ersten Pressekonferenz als neuer Gesundheitsminister sagte Teich, er werde keine “abrupte Entscheidung” hinsichtlich einer Lockerung der Corona-Beschränkungen treffen.

Bolsonaro treibt Wiederaufnahme der Wirtschaft voran

Bolsonaro drängt hingegen auf eine baldige Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten. “Das Leben hat keinen Preis. Aber die Wirtschaft muss wieder zum Normalbetrieb zurückkehren, um die Beschäftigung zu sichern. Nicht so schnell wie möglich, aber wir müssen nun über Lockerungen nachdenken.”

“Die Absichten des neuen Ministers sind nicht klar, aber Bolsonaro hätte ihn nicht genommen, wenn er nicht auf der gleichen Wellenlänge wäre”, sagte der Politikwissenschaftler Vinicius Oliveira von der Universität in Sao Paulo.

Experten gehen von Hunderttausenden Infizierten aus

Offiziellen Angaben zufolge starben in Brasilien bisher mindestens 1.924 Menschen nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Mindestens 30.425 Menschen infizierten sich mit dem Erreger. Zahlreiche Experten halten diese Zahlen jedoch für viel zu niedrig und gehen von Hunderttausenden Infizierten in dem 210-Millionen-Einwohner-Land aus. Der Höhepunkt der Pandemie in Brasilien wird für Mai oder Juni erwartet.

(lb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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