An der Corona-Front

Jetzt spricht Krankenpflegerin aus Corona-Spital

Karin S. (Name von der Redaktion geändert) ist diplomierte Krankenpflegerin in einem der Corona-Spitäler Österreichs. Im Interview mit ZackZack gibt sie Einblick in die außergewöhnliche Arbeit mit Corona-Infizierten.

Wien, 18. April 2020 |

ZZ: Sie sind diplomierte Krankenpflegerin in einem österreichischen Krankenhaus, das seit der Krise auf die Behandlung von Corona-Patienten umgestellt hat. Für uns „da draußen“ zählen Sie zu den Heldinnen der Krise. Wir wissen aber nicht wirklich, wie der Alltag so einer Heldin gerade aussieht. Können Sie den beschreiben?

KS: Ein Tagdienst beginnt bei uns um 6 Uhr Früh zur Dienstübergabe – ausgestattet mit Mund-Nasen-Schutz. Die Dienstübergabe findet verteilt auf zwei Zimmern statt, mit dazwischen offener Türe. Wegen der Einhaltung von Sicherheitsabständen ist das nicht anders möglich, wir müssen einfach lauter sprechen, sodass auch die im anderen Zimmer uns hören. Anschließend schleusen sich drei Personen ein – das heißt, sie ziehen sich an: Haube, Brille, Schal, Übermantel und Maske. Entweder FFP2 oder FFP3, je nach dem, wie man sich fühlt und was da ist. Unser Arbeitgeber meint, wenn man sich nicht wohl fühlt, soll man FFP3 nehmen.

ZZ: Wie lang dauert das Anziehen?

KS: Wir machen das im Buddy-System: zwei ziehen sich gleichzeitig an und kontrollieren sich dabei gegenseitig, ob man alles richtig gemacht hat. Wir haben schon gute Routine, das dauert mittlerweile nur noch fünf Minuten. Am Anfang hat das noch viel länger gedauert.

ZZ: Wie geht es dann weiter?

KS: Dann in voller Montur, gehen wir zu den Patienten. Es werden für die Verpflegung der Patienten auf der Station fünf Personen benötigt: drei in voller Montur, die zu den Patienten gehen, und zwei mit Handschuhen und Mund-Nasen-Schutz, die draußen außerhalb des abgesperrten Bereichs sind. Der Flur ist geteilt: den Bereich der Patientenzimmer darf man nur in Vollmontur betreten, auf der anderen Seite ist das Arbeiten mit Mundschutz und Handschuhen möglich. Durch Zurufen wird kommuniziert, was an Material bei der Versorgung gerade gebraucht wird. Die beiden draußen richten es her für eine kontaktlose Übergabe.

Zunächst machen wir Frühstück und Morgenpflege. Das heißt – die Leute, die Unterstützung bei der Körperpflege brauchen, die waschen wir, und positionieren sie im Bett (manche können sich nicht selbst umdrehen). Die, die es selbst machen können, begleiten wir mit dem Sauerstoff, denn fast alle werden über eine Maske mit Sauerstoff versorgt.

Danach prüfen wir Vitalzeichen und verabreichen Infusionstherapien. Viele haben ja nicht nur das Coronavirus, sondern auch bakterielle Lungenentzündungen oder andere Infekte nebenbei.

ZZ: Was ist unter Vitalzeichen zu verstehen?

KS: Blutdruck, Puls, Temperatur, Sauerstoff-Sättigung. Das wird alles dokumentiert.

ZZ: Wie geht das in der Montur?

KS: Drin schreiben wir alles auf Zettel, dann gehen wir zum Kollegen draußen und sagen ihnen die Werte an. Sie stehen draußen mit dem Arzt und schauen sich die Ergebnisse an. Danach schleust sich der Arzt ein und es wird gemeinsam die Visite vorgenommen, bei der dann zum Beispiel die Sauerstoff-Therapie angepasst wird, jedes Mal werden auch Abstriche dabei genommen. Die Laborproben, die wir nehmen, müssen – wie auch alles andere – zwei Mal desinfiziert werden. Einmal im Patientenbereich und nach der Übergabe noch einmal durch die Kollegen draußen.

Dann schleusen wir uns aus. In der Regel sind wir von sieben bis zehn, halb elf Uhr eingeschleust. Zur Mittagszeit schleust sich meist der Spätdienst ein, weil Luft und Erholung ist nach so einem Einschleusen wirklich nötig.

ZZ: Wie ist es so in so einer Montur?

KS: Man lernt, mit sehr wenig Sicht und wenig Luft auszukommen. Die Schutzbrillen, die wir zu Beginn bekamen, waren ähnlich wie Skibrillen – sie waren innerhalb von 5 Minuten komplett angelaufen. So machen wir Blutabnahme, Pflege, so machen wir alles – beim ersten Dienst bin ich einem Patienten drei Mal auf die Zehen gestiegen. Der saß am Bettrand, ich wollte Blut abnehmen, der Mantel war so lang, gesehen habe ich quasi nichts und bin ihm auf die Zehen gestiegen – das war so peinlich.

ZZ: Schwitzt man dann in so einer Montur wahrscheinlich?

KS: Ich bin froh, dass jetzt nicht Hochsommer ist. Nach den drei Stunden in der Montur bist du komplett durchgenässt. Beim Ausziehen war das vor allem am Anfang eine Prozedur: Weil du bist ja außen total kontaminiert, man darf nirgendwo anstoßen, beim Ausziehen war ich am Anfang sehr unentspannt. Aber auch das ist mittlerweile Routine.

ZZ: Wie war dein erster Patientenkontakt mit einem Covid-19-Patienten?

KS: Das erste Zusammentreffen mit einem Covid-19-Patienten war ein totales Aha-Erlebnis für mich. Man weiß eigentlich: ein Patient mit wenig Sauerstoffsättigung läuft blau an, hat blaue Lippen, ringt um Luft, usw. – Und dann siehst du einen Covid-19-Patienten, der ganz normal aussieht, misst seinen Sauerstoff und siehst: 72 Prozent Sättigung. Mit so einer Sättigung habe ich bisher nur Patienten hysterisch um Luft ringen sehen. Die Covid-19-Patienten merken das alles nicht.

ZZ: Seit Beginn der Epidemie in Österreich sind bereits einige Wochen vergangen, zu Beginn vor allem war viel Unsicherheit und Angst vor diesem unbekannten Virus da. Sie erleben das Virus und seine Patienten täglich – hat sich Ihr Eindruck verändert?

KS: Es wurde uns am Anfang bei der Grundkommunikation gesagt, dass wir keine Erfolge haben werden, dass wir nur Patienten vor sich dahinsiechen sehen werden, nichts machen können werden usw. Ich bin so froh, dass das nicht so ist. Wir haben schon auch immer wieder Erfolge, und das gehört auch zum Alltag. Gestern zum Beispiel haben wir den ersten Patienten von der Intensivstation geheilt entlassen. Das war ein schönes Highlight.

ZZ: Ihre Arbeit ist auch ohne Corona-Krise körperlich und psychisch sehr fordernd. Durch das Corona-Virus hat sich die Lage verändert – belastet Sie die Situation?

KS: Am Anfang war es sehr belastend für mich. Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht und hatte große Angst vor Ansteckung. Es war zwar klar, dass sich viele anstecken werden, und dass auch Personal betroffen sein wird – und trotzdem hat man Angst davor gehabt. Jetzt hat sich das für mich schon beruhigt – und die Corona-Situation ist zum Alltag geworden.

Wir können jederzeit zum Test gehen, auch wenn wir keine Symptome haben. Das gibt eine gewisse Sicherheit und macht das Arbeiten viel entspannter. Mittlerweile ist das schon ganz normal, wenn Du hörst, der Kollege ist in Quarantäne, etliche sind infiziert.

ZZ: Wie geht’s den Kollegen?

KS: Den meisten gut, sie haben kaum Symptome. Das nimmt auch nochmal Angst. Aber nicht jeder geht gleich mit der Situation um. Viele meiner Kollegen haben Schlafstörungen. Die eine Kollegin zum Beispiel ist sehr belastet. Sie kommt von der Arbeit heim in eine leere Wohnung, sie hat niemanden zu Hause. Für solche ist es belastender, ich komm aber heim und hab einen Garten, kann ins Freie.

ZZ: Was hat sich durch die Corona-Situation für Sie in der Arbeit verändert?

KS:  Unser Krisenmanagement hat sehr gut funktioniert. Die sind so unaufgeregt und sagen einfach klipp und klar: so und so ist es, und das und das ist zu tun. Die Zwists und Streitigkeiten, die es sonst immer auf der Station gibt, sind total in den Hintergrund getreten. Die Krise hat für das Teamgefüge und die Arbeit auf der Station auch was Positives. Keiner regt sich auf, warum wer welchen Dienst bekommt oder nicht bekommt. Das ist sehr angenehm.

ZZ: Ist die Belegschaft näher zusammengerückt dadurch?

KS: Wir sind nicht mehr unserer eigentlichen Station zugeteilt – einige Stationen wurden geschlossen, die Mitarbeiter dort auf die Covid-19-Stationen aufgeteilt. Jetzt lernen wir Leute kennen, an denen wir seit 12 Jahren vorbeigelaufen sind. Ich hätte mir nicht erwartet, dass wir als „die anderen von der anderen Station“ so gut aufgenommen werden. Und wir lernen dadurch auch andere Arbeitsweisen kennen, die zum Teil besser sind als auf meiner eigenen Station.

ZZ: Ihre Berufsgruppe pflegt gerne Schmäh. Rennt der auch jetzt in der Krise weiter?

KS: Ja. Eine Kollegin postet immer wieder Isolations-Videos. Letzte Woche zum Beispiel wurde in voller Schutzausrüstungs-Montur am Gang getwerkt.

ZZ: Fühlen Sie sich ausreichend wertgeschätzt für Ihre Arbeit?

KS: Schon. Wir freuen uns immer wieder über kleine Überraschungen, auch von externen Firmen: Konditoreien liefern Torten, der Betriebsrat eine Osterjause, Lieferdienste stellen uns Gutscheine für Essen aus.

ZZ: Wie sieht es innerhalb der Institution mit Wertschätzung aus?

KS: Die Zusammenarbeit mit den Ärzten hat sich sehr verändert. Wo sie uns normal wenig wertschätzen, bedanken sie sich jetzt plötzlich. Sie sind viel netter als sonst und sagen „danke“ oder sogar „das ist nett von dir“. Die sind dankbar, dass sie sich nicht einschleusen müssen und wir das für sie erledigen. In dem Rahmen, in dem wir das natürlich dürfen. Es wird auch viel mehr gemeinsam entscheiden – oft wird über die Pflege hinweggegangen und gesagt „Ich bin der Arzt, ich schaffe an“ – aber jetzt kann man auch als Pflegeperson seine Meinung einbringen, und die wird dann tatsächlich gehört und auch umgesetzt. Das ist neu.

ZZ: Zum Beispiel?

Die Versorgung von Demenzerkrankten. Normal kannst Du Beschäftigungstherapie mit ihnen betreiben, damit sie Struktur haben usw. Das ist jetzt nicht möglich, weil die den Quarantäne-Bereich nicht verlassen dürfen.

Diese Beschäftigungstherapie kann man auch im Zimmer machen. Das haben wir vorgeschlagen und das machen wir jetzt, wenn wir eingeschleust sind. Zum Beispiel mit Kartenspielen oder Stiften und Papier zum Malen. Und Kommunikation ist das Wichtigste – für alle Patienten. Sie sehen ja teilweise seit zwei Wochen kein Gesicht mehr. Da ist es wichtig, mit ihnen zu reden, und wenns nur über’s Wetter ist.

ZZ: Machen Sie Ihre Arbeit gern?

KS: Ich bin jetzt zufriedener als vor der Krise.

ZZ: Was kann man sich für die Zeit nach Corona mitnehmen?

KS: Diese Strukturiertheit. Die wäre wichtig. Wenn bisher Veränderungen angestanden sind oder versucht wurden einzuführen, ist das oft verlaufen. Mein Wunsch für 2021: Mehr Struktur, so wie sie jetzt ist. Es werden Entscheidungen flächendeckend kommuniziert, davor war es oft der Fall, dass nur Teile des Teams Infos bekamen, andere wussten von nichts. Jetzt wird Information sehr flott und zuverlässig weitergegeben.

ZZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Larissa Breitenegger

Lesen Sie auch

Titelbild: APA Picturedesk

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben