Hält Regierung Corona für nicht viel gefährlicher als Grippe?

Protokoll wirft brisante Fragen auf

Knalleffekt in der Auseinandersetzung um Corona-Maßnahmen der Regierung: Geht Türkis-Grün nur von einer ähnlicher Sterblichkeit wie bei der Grippe aus, und beschloss trotzdem den Shutdown?

Wien, 27. April 2020 | Am Montag erregte ein Protokoll Aufsehen. Bei einem Treffen des Corona-Krisenstabs am 12. März im Gesundheitsministerium erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), die Menschen sollten Angst davor haben, dass ihre Eltern oder Großeltern sterben könnten.

Ö1 hatte das Protokoll veröffentlicht. Besonders brisant ist eine Äußerung des Tropenmediziners Herwig Kollaritsch im Krisenstab. Demnach ging die Regierung bei Verhängung der Covid-Maßnahmen möglicherweise nur von einer 10-15 Prozent höheren Sterblichkeit als bei der Grippe aus. Konkret sagte Kollaritsch im Krisenstab laut Protokoll:

Bezugnehmend auf die Kommunikation gebe es als Beispiel die Masernepidemie der 90er in Großbritannien. Dort habe man mit der Angst der Bevölkerung gespielt. Daran anknüpfend müsse man der Bevölkerung (vor allem der vulnerablen Gruppe) klarmachen, dass es sich um eine potenziell tödliche Krankheit handle und nicht mit der einfach Grippe vergleich sei (sic!). Die Sterblichkeit sei demnach zwischen 10-15% höher.

Ein Faksimile des Protokolls, das ö1 vorliegt, wurde auf Twitter veröffentlicht.

Niemand widersprach. Kurz, der sich laut Protokoll als nächster zu Wort meldete, bekräftigte das Vorhaben, der Bevölkerung Angst machen zu wollen. Hat die Regierung – wie aus dem Protokoll hervorgeht – tatsächlich mit einer Sterblichkeit, die nur geringfügig höher ist als die der Grippe, gerechnet als sie den Shutdown beschloss? Eine entsprechende Anfrage von Zackzack and Bundeskanzleramt und Gesundheitsministerium war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht beantwortet. Kollaritsch dementierte jedenfalls, von einem “Spiel mit Angst” gesprochen zu haben.

Zwei Tage zuvor, am 10. März, hatte Kanzler Kurz in einer Pressekonferenz betont, die Sterblichkeit einer Covid-19-Infektion liege 10-30 mal höher als die einer Grippeerkrankung. Kann es sich bei der im Protokoll genannten Zahl um einen Schreibfehler handeln? Es wäre ein entscheidender Fehler, der bisher keinem der Sitzungsteilnehmer (das Protokoll erging an alle) aufgefallen wäre. Bei der ersten Sitzung des Krisenstabs Ende Februar hatten 16 Personen teilgenommen.

Kurz am 10. März: Covid-Sterblichkeit 10-30 mal so hoch wie bei der Grippe. Bild: Screenshot Bundeskanzleramt

Sterblichkeit 0,22%

Die Sterblichkeit der Grippe liegt bei rund 0,2 Prozent. Die Regierung ging also laut Protokoll Mitte März von einer Covid-10-Sterblichkeit von maximal rund 0,22 Prozent aus. Laut dem deutschen Virologen Christian Drosten sterben etwa 0,5 bis 1 Prozent der Covid-19-Erkrankten. Das britische Centre for ­Evidence-Based Medicine (CEBM) geht nur von einer Sterblichkeit zwischen 0,1 und 0,4 Prozent aus.

Die Zahl der jährlichen Grippetoten in Österreich schwankt stark. Durschnittlich sind es laut Gesundheitsministerium rund 1.000 Pro Jahr. In der Grippesaison 2018/19 starben in Österreich aber 1.400 Menschen an der Grippe.

(red)

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Titelbild: APA Picturedesk

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