Verbreitete Innenministerium Falsch-information?

Kritische Medienberichte über Nacht verschwunden

Die Nachricht war brisant: 28 Asylwerber aus dem Corona-Betreuungszentrum der Stadt Wien sind verschwunden! Der Haken: Das waren Fake News. Wer hat sie verbreitet? Und was ist wirklich geschehen?

Wien, 09. Mai 2020 | Am Donnerstag geisterte die Nachricht durch die Medien, dass aus dem Betreuungszentrum Messe Wien 28 Personen verschwunden seien. Eine glatte Falschinformation, wie sich bald herausstellen sollte. Nachdem der Krisenstab der Stadt Wien Entwarnung gegeben hatte, war zu lesen, dass es sich bei der zuvor verbreiteten Nachricht um Fake News handelte. Brisant: Kurz darauf war diese Feststellung aus den Medien verschwunden, Artikel kommentarlos überarbeitet, Social Media-Postings gelöscht. ZackZack verfolgt die Spur einer Falschmeldung – und ihres Verschwindens.

Die Spur der Falschinformation

Donnerstag Vormittag meldet sich die Abteilung für Krisen- und Katastrophenmanagement des Innenministeriums (BMI) bei der Wiener Magistratsabteilung (MA) 70. Laut Einsatzstab der Landespolizeidirektion (LPD) seien 28 Personen aus der Betreuungseinrichtung am Messegelände abgängig. Einen Grund für das vermeintliche Verschwinden liefert das BMI auch gleich mit: Das Personal vor Ort sei “überlastet und unterbesetzt”.

Die erstaunte Magistratsabteilung, die keine Personen vermisst, fragt bei der Landespolizeidirektion nach. Auch die ist verwundert: Man wisse nichts von verschwundenen Personen und habe folglich auch nie das BMI darüber informiert. Zu Mittag ruft deshalb ein Mitarbeiter des Polizei-Einsatzstabs im BMI an und erklärt, dass keine Personen vermisst werden. Auch die MA 70 meldet sich nochmals im Ministerium und stellt klar: Die Nachrichten über verschwundene Personen stimmen nicht.

Am frühen Nachmittag meldet sich das Ministerium zurück: Alles klar, ein “Kommunikationsproblem”. Doch wenige Stunden später ist die falsche Geschichte in den Medien zu lesen. Pikant: Die Redakteure trauen ihrem Tippgeber blind. Niemand fragt jemals bei der Stadt oder der Polizei nach.

Der Krisenstab der Stadt veröffenlicht nun eine Pressemitteilung, um den Sachverhalt aufzuklären, doch es ist bereits zu spät. Hunderttausende Menschen haben die Fake News über die “überforderten Mitarbeiter” und “verschwundenen Asylwerber” bereits in reichweitenstarken Medien gelesen. Immerhin stellen andere Medien noch am selben Tag klar, dass es sich um eine Falschnachricht handelt, deren Urheber im BMI vermutet werde.  “Das Innenministerium leakte am Donnerstag das Gerücht, es seien 28 Asylwerber aus der Messe Wien abgängig. Eine Falschmeldung,” hieß es in der Online-Version einer großen Gratiszeitung.

Zeitungsberichte verschwanden über Nacht

Doch dann passiert Erstaunliches: Am Freitag sind die entsprechenden Artikel plötzlich überarbeitet, die Social Media-Postings über die Falschnachricht verschwunden. Keine Rede mehr von Fake News oder dem mutmaßlichen Leak im BMI. Es ist, als hätte es die Falschnachricht nie gegeben. Außer natürlich für jene, die sie bereits gelesen haben.

Auf Nachfrage von ZackZack beim Innenministerium kann man sich dort nicht erklären, wie die Falschnachricht überhaupt an die Medien gelangen konnte: Mit dem Messezentrum habe “das Bundesministerium für Inneres nichts zu tun”, hieß es – obwohl sich das BMI noch am Tag zuvor über den Stand der Dinge im Messezentrum informiert hatte.

Es wäre nicht das erste Mal, das Falschmeldungen über die Stadt Wien aus dem Innenministerium kommen. Bereits letzte Woche hatte sich Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) in der “Krone” über einen rasanten Anstieg der Infektionszahlen in Wien besorgt gezeigt, den es laut AGES allerdings gar nicht gegeben hat.

(bf/tw)

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Titelbild: APA Picturedesk

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