Liebe Hietzinger: So sind wir nicht

Kommentar

Nehammer ist Vollgas im Wien-Wahlkampf. Während er fälschlicherweise Wien als Infektionshotspot bezeichnet und die neue Teststrategie der Stadt einfach nicht verstehen will, inszeniert er sich als Vollblut-Hietzinger, wie etwa gestern im ZIB 2-Interview. Als geborener und aufgewachsener Hietzinger kann ich Ihnen sagen, so wie der Herr Nehammer „sind wir nicht“.

Wien, 20. Mai 2020 | Falls Sie Hietzing nicht kennen: Es ist der 13. Wienergemeinde Bezirk und traditionell einer der drei „konservativen“ Bezirke – neben Döbling und der Inneren Stadt. Geprägt von Lainzer Tiergarten, Heurigen und der Kennedybrücke, war es stets ein schwarzes ÖVP-Pflaster.

Es ist auch der Heimatbezirk des Innenministers Karl Nehammer. Wobei Heimat ein starkes Wort ist: Er wohnt dort. Weder besuchte er eine Schule des Bezirks, noch spielte sich seine bisherige Karriere groß in Hietzing ab. Als Ziehkind der ÖVP Niederösterreich entdeckte er die Hietzinger Politik erst seit 2017 für sich, als er den Posten des Bezirkparteiobmanns der ÖVP übernahm. Hietzing ist auch der Bezirk, in dem ich den Großteil meines Lebens verbracht habe und ich kann Ihnen sagen: So wie der Herr Nehammer sind wir Hietzinger nicht.

Plötzliche Inszenierung

In der ZIB 2 vom Dienstag kam das erste Wahlkampfgestöber Nehammers für Hietzing durch. Neben seinen Attacken gegen die Wiener Stadtregierung, die er seit Tagen fährt, inszenierte er sich als der Familienmann Hietzings. Das plötzliche Branding als Hietzinger erinnert an die Kampagne von Kurz, der über Nacht zum Waldviertler wurde. Auch wenn er es nicht gern hört, repräsentativ für Hietzing ist er nicht. Hietzing wirkt zwar für einen innerstädtischen Wiener vermutlich wie ein ländlicher Teil Niederösterreichs, wo sich Fuchs und Hase “Gute Nacht” sagen. Die Verbundenheit mit Wien ist in der Bevölkerung jedoch enorm.

Denn der 13. Bezirk ist nicht nur das Villen- und Gartenviertel, wie es sich die türkise ÖVP im Postkartenmotiv vorstellt. Ein Großteil besteht aus Siedlungen der hart arbeitenden Menschen. Lockerwiese und die Werkbundsiedlung sind traditionelles SPÖ-Gebiet.

Anti-Wien und Anti-Christlich

Die Anti-Wien Kampagne, die die Marschlinie der türkisen ÖVP seit der Übernahme von Sebastian Kurz ist, kommt auch bei den Hietzingern nicht gut an. Das zeigt ein Blick auf das Wahlergebnis der Nationalratswahl 2019. Während die ÖVP in ganz Wien drei Prozent zulegen konnte, verlor sie in der traditionellen ÖVP-Hochburg Stimmen. Ein Grund dafür: Der Konterpart zu den SPÖ-Gebieten ist schwarz, jedoch nicht türkis. Ließen sich viele 2017 vom Umbranding der ÖVP von schwarz auf türkis noch blenden, fällt der Kurs ohne Inhalte der Bevölkerung mittlerweile auf. Denn ein großes Merkmal der Hietzinger Bevölkerung ist der höchste Anteil an Katholiken in Wien. Christliche Werte waren immer ein großes Wahlmotiv für die Einwohner. Mit dem Programm der türkisen ÖVP passt das nicht mehr zusammen, vor allem mit Blick auf die Integrationspolitik. Denn von Werten wie Nächstenliebe kann, wenn man Leute im Mittelmeer ersaufen lässt, keine Rede sein.

Bürgerlich gewinnt dazu, Türkis verliert

Massive Zugewinne konnten 2019 die Grünen und die NEOS verzeichnen. Zwei Parteien, die sich gegen den harten Migrations- und nicht vorhandenen Integrationskurs Nehammers in der Bundespolitik stellen, jedoch trotzdem bürgerliche Werte verkörpern. Ein Zeichen dafür ist auch die Asylunterkunft im Geriatriezentrum am Wienerwald. Über Jahre war es eine der größten Unterkünfte für Geflüchtete in Wien. Die Solidarität der Hietzinger mit Leuten aus anderen Kulturkreisen war in diesen Zeiten herausragend.

Die Anti-Wien-Politik Nehammers und Kurz’ passt nicht zum Geiste und zu den Werten der Hietzinger Bevölkerung oder aller Menschen, die in Hietzing leben: “So wie Nehammer sind wir nicht.”

Benedikt Faast

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Titelbild: APA Picturedesk

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