Fruchtbarkeit und Schwangerschaft

Neandertaler-Gen bringt Vorteil

Neandertaler-Gene lassen sich dank moderner Techniken gut im Genom heutiger Menschen nachweisen. Die neueste Forschung zeigt, dass bestimme Genabschnitte heutigen Frauen Vorteile bei Fruchtbarkeit und Schwangerschaft verschaffen, und sich dadurch immer weiter verbreiten.

Wien, 31. Mai 2020 | Lange Zeit galt die Theorie: Der Neandertaler war zu dumm zum Überleben und deshalb ausgestorben. Neueste Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass der Neandertaler in vielen Bereichen dem modernen Menschen grundsätzlich ebenbürtig war. Das gilt zum Beispiel für den Werkzeuggebrauch, bei der Großwildjagd oder auch bei künstlerisch-gestalterische Tätigkeiten, wie Felszeichnungen oder der Herstellung von Schmuckstücken. Das passt auch gut zu der Theorie, dass der Neandertaler nicht ausgestorben, sondern im Homo Sapiens aufgegangen ist. Damit leben seine Gene im modernen Menschen quasi weiter. Etwa ein bis zwei Prozent des Erbguts von Europäern stammt nachweislich vom Neandertaler.

Damit ist klar, dass die Paarung von modernen Menschen und Neandertalern keine gelegentlichen Einzelereignisse waren. Forschungsergebnisse der Universität Madrid zeigen, dass die Kindheit von Neandertalern vermutlich genauso lange dauerte wie die heute lebender Kinder. Damit steht der Neandertaler im Gegensatz zu anderen Frühmenschen auch unserer nahen Verwandten, den Schimpansen, die schnell erwachsen werden.

Höhere Fruchtbarkeit und weniger Komplikationen in der Schwangerschaft

Nun hat ein internationales Forscherteam im Fachmagazin „Molecular Biology and Evolution“ eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Vor 40.000 Jahren gelangte eine Genvariante des Neandertalers ins Erbgut der modernen Menschen. Diese hat sich bis heute erhalten und zeigt eine besondere Wirkung, denn sie schafft Vorteile für die betroffenen Personen.

Die Trägerinnen dieser Genvariante haben im Schnitt mehr Nachwuchs, werden leichter schwanger, haben weniger Blutungen während der Schwangerschaft und erleiden seltener Fehlgeburten. Das sind klare evolutionäre Vorteile.

20 Prozent tragen den Genabschnitt in sich

Die Untersuchung wurde durch einen Vergleich von Neandertaler-Genen mit Genen von über 450.000 Briten aus der UK Biobank SNP und rund 44.000 japanischen Frauen aus der Biobank Japan durchgeführt. Der für die Effekte verantwortliche Genabschnitt konnte nur bei Neandertalern aus Europa nachgewiesen werden.

Der Genabschnitt findet sich weder im Genom von Neandertaler-Verwandten aus Asien, noch im Genom des Denisova-Menschen. Bei heute lebenden Menschen aus Europa, Nordamerika und auch Asien taucht er dafür recht häufig auf. Bei rund 20 Prozent von nicht-afrikanischen Frauen konnte der Genabschnitt nachgewiesen werden.

Evolutionärer Vorteil bleibt erhalten

Da die Trägerinnen dieser Genvariante im Durchschnitt mehr Nachwuchs haben, ist diese Entwicklung kaum verwunderlich. Damit sehen wir hier eine Entwicklung, die im Gegensatz zu vielen anderen Neandertaler-Gensequenzen steht. Sie wurden im Lauf der letzten Jahrtausende aus dem Erbgut der heute lebenden Menschen ausgesondert, vermutlich weil sie ihren Trägern Nachteile brachten.

(tn)

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Titelbild: APA Picturedesk

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