Kurz verliert den Faden

Peter Pilz kommentiert

Herausgeber Peter Pilz kommentiert die fehlgeschlagene Kurz-Inszenierung rund um das von ZackZack veröffentlichte Video.

Wien, 30. Mai 2020 |

Mit einem kurzen Ruck hebt er beide Arme. Eine Andeutung eines Lächelns, und dann direkt in die Kamera: „Sehr geehrte Damen und Herren!“ Ein paar routinierte Zeilen später: „In Italien müssen Ärzte entscheiden, wen sie retten…“ Da reißt der Faden. „Entschuldigung, wir werden´s ein paar Mal machen müssen, weil ich bin noch nicht gut genug drin.“

“OK, geht weiter?”

Kurz darauf: „OK, geht weiter? Sehr geehrte Damen und Herren!“ Diesmal verliert er bei den Geschäften, die geschlossen sind, den Faden. Oe24 überträgt live, ZackZack veröffentlicht den Mitschnitt.

Einige fragen: „Na und? Das ist doch normal, das passiert jeden Tag.“

Das stimmt. Das passiert jeden Tag bei Proben für auswendig gelernte Texte. Die, denen die Fäden reißen, sind Schauspieler. Und sie üben die fremde Rolle solange, bis sie sitzt. Bis man ihnen glaubt, dass sie Richard Löwenherz, der Graf von Notre Dame oder die Geierwally sind. Oder der Bundeskanzler.

Kurz hat ein großes Team, das Kurz-Erklärungen und Kurz-Haltungen produziert. In ruhigen Zeiten ändert sich alles langsam. Da reicht ein Text lange Zeit: „Wir schließen die Balkanroute“. In Krisenzeiten ändert sich vieles schnell. Die Kanzlermaschine produziert auf Hochtouren. Und der Kanzlerdarsteller muss täglich neue Texte lernen.

Eine Null zu viel

Niemand würde einem Schauspieler vorwerfen, dass sein neuer Text dem alten widerspricht. Bei Politikern ist das anders. Schauspieler Kurz muss daher behaupten, dass er das, was er gerade sagt, immer schon gesagt hat. Er spekuliert mit der Vergesslichkeit seiner Rezensenten. Und er weiß: Der Vergesslichkeit kann, wenn es nötig scheint, nachgeholfen werden.

„Ich bin noch nicht gut genug drin.“ Das ist der Schlüsselsatz des Fadenreißers. Seit einigen Wochen ist Kanzlerdarstellen Kurz immer schlechter drin. Die Hymnen in Krone und Kurier werden immer seltener von den Lesern mitgesungen. Und plötzlich passiert das Schlimmste: Die Umfragewerte brechen ein.

Die letzte Corona-Kurve schlecht genommen. Eine Null zu viel im Finanzministerium. Der überzogene Kampf gegen Wien. Die sparsamen Vier als „geizige Vier“. Die Demaskierung im Kleinwalsertal. Das Hemd geht auf, die Hose ist auf einmal zu weit. Des Kanzlers neue Kleider rutschen.

Im Übergang von der Coronakrise zur Wirtschaftskrise wird das größte Talent des Kanzlerspielers zu seinem Problem: Jetzt, in der Krise, braucht auch Österreich eine Führung, die einen Kurs halten kann, weil sie einen hat. Angela Merkel wird in der Krise wieder groß. Sebastian Kurz schrumpft.

„Ich bin noch nicht gut genug drin.“ Kurz kann und will es nicht verstehen. Er wird nie mehr gut genug drin sein. Weil das Land jetzt, in einer langen Krise,  politische Persönlichkeiten braucht. Und keine Schauspieler.

Peter Pilz

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Titelbild: APA Picturedesk

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