Inside Multi-Media-Marketing

So arbeitet der ÖVP-Partner beim Fixkostenzuschuss

Wer Fixkostenzuschuss in Anspruch nimmt, dessen Daten gehen auch an das CallCenter „Multi-Media-Marketing“. ZackZack hat mit einem ehemaligen Mitarbeiter gesprochen und weiß mehr über die dortigen Arbeitsbedingungen. Und ein weiterer Auftrag gerät ins Rampenlicht.

Wien, 02. Juni 2020 | Beantragt man als Unternehmer den sogenannten „Fixkostenzuschuss“, dann gehen die Daten auch an ein ÖVP-nahes Callcenter, die Multi-Media-Marketing GmbH. Chef dieses M3-Büros ist Günther H., ein ÖVP-Wirtschaftsbundmann. Neben der M3 gehört ihm auch das Call-Center „Medical Contacts & Consult“.

Was ist der Job der Multi-Media-Marketing?

Warum wird auf die Dienste von H. und der MMM zurückgegriffen, und warum braucht es Daten aus dem Fixkostenzuschuss? Laut der Tageszeitung „Der Standard“ kümmere sich die M3 um Personen, die ihr Formular falsch ausgefüllt hätten. Bei einem Fehler werde der Antragssteller von der M3 kontaktiert.

Pikant: Erst am Sonntag sagte Kanzler Sebastian Kurz im Ö3-Frühstücksradio, dass falsch ausgefüllte Formulare ein Hauptgrund seien, warum viele Menschen noch immer auf ihr Geld vom Staat warten. So werde oftmals sogar der Name falsch geschrieben, was der Grund sei warum, die Schadensersatzzahlungen aufgrund von Corona noch nicht angekommen wären.

Für Klopausen gibt es kein Geld

Ist die M3 das passende Servicecenter, um Menschen beim Ausfüllen der Formulare zu helfen? ZackZack hat mit einem ehemaligen Mitarbeiter gesprochen. Benjamin L. (Name von der Redaktion geändert, Anm.) war 2018 bei der MMM beschäftigt. Ende 2018 wurde die gesamte Belegschaft gekündigt, schildert L. „Manchen hat man gesagt, sie könnten sich Anfang 2019 wieder bewerben, mir hat man das nicht gesagt, ich wollte aber sowieso nicht mehr.“

Die Arbeitsbedingungen seien verheerend gewesen, sei man aufs Klo gegangen, wurde das von der Arbeitszeit abgezogen worden, gezählt wurde nur die Nettozeit vor dem Computer.  Zwischen 8 und 20 Uhr hatten die hunderten Mitarbeiter die Möglichkeit, auf ihre Stunden zu kommen – geschenkt wurde ihnen nichts, wie die Zeitaufzeichnungen, die ZackZack vorliegen, bestätigen.

Minutengenaue Abrechnung ist bei MMM angesagt. Verlässt ein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz, auch nur um aufs Klo zu gehen, oder kurz Wasser zu trinken (Getränke sind beim PC nicht erlaubt), wird das von der Arbeitszeit abgezogen.

Fragwürdige Jobs

Bemerkenswert auch die Aufträge, die L. für die M3 durchführte: Da wurde nicht nur 4G Internet mit einer maximalen Geschwindigkeit von 20 Mbit (4G hat eigentlich eine Geschwindigkeit Richtung 45 Mbit) verkauft, sondern unter anderem ein Auftrag der Arbeiterkammer Tirol durchgeführt. Offiziell sei es eine Umfrage gewesen, aber in Wirklichkeit sei es um Wahlwerbung gegangen, sagt L.:

„Das war Stimmungsmache. In meinen vorgefertigten Sätzen musste so oft wie möglich der Name Zangerl (Anm. Erwin Zangler ist ÖVP-Mitglied und AK Tirol-Chef) vorkommen. All das hat mir gereicht, hätten sie mich nicht gekündigt, wäre ich von selbst gegangen. Vor allem was den 4G-Job angeht, musste ich die Menschen einfach dreist anlügen. Das geht gegen meine Prinzipien.“

Eine interne Nachricht an alle Mitarbeiter, die im “Outbound” (aktives Anrufen) tätig sind beweist: Die MMM unternahm ein Projekt für die AK. Es soll sich um die AK Tirol gehandelt haben. Der Chef Erwin Zangerl kann sich dies aktuell noch nicht erklären.

COFAG hat MMM „eingeladen“

Brisant:  Kurz darauf fand die Arbeiterkammerwahl statt. Zangerls Liste verlor zwar 2 Mandate, der ÖVP-Kandidat erhielt allerdings 61 % der Stimmen. Handelte es sich bei der „Umfrage“ in Wahrheit um Wahlkampf? ZackZack fragte bei Erwin Zangerl nach. Er könne sich “nicht erklären”, warum die MMM ein “AK Projekt” durchführte.

Die Annahme, dass es sich möglicherweise um Wahlkampf gehandelt haben könnte, wurde von Erwin Zangerl mittlerweile entkräftet. Der Auftrag wurde tatsächlich ohne Wissen der AK Tirol an die MMM ausgelagert. Um Wahlkampf handelte es sich nach durchsage des Umfrage-Skriptes nicht. Eher ging es generell darum, ein Stimmungsbild der AK-Mitglieder einzufangen.

Die AK Tirol arbeite nur mit “Market und SORA” zusammen. Sollte von diesen Agenturen ein Subunternehmen beauftragt werden, dann wären SORA und Market verpflichtet, das an die AK weiterzumelden. Zangerl versichert, dass man der Sache nachgehen werde.

Die COFAG (Covid-19 Finanzierungsagentur) nimmt die Dienste der M3 nun beim Fixkostenzuschuss in Anspruch. Sie sagt selbst, dass der Aufrag nicht ausgeschrieben wurde. Das sei rechtlich auch nicht nötig gewesen. Man habe die MMM „eingeladen“, ein Angebot vorzulegen, dieses habe man dann angenommen.

(ot)

 Update: In der ersten Version dieses Artikels, wurde fehlerhafter Weise angenommen, dass es sich um Wahlkampf für die Fraktion von Erwin Zangerl gehandelt haben könnte. Das war falsch, die korrekte Darstellung wurde hinzugefügt.

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Titelbild: APA Picturedesk

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