Sind wir alle immun?

Das wäre ein Paukenschlag: Aktuelle Studien legen die Vermutung nahe, dass so etwas wie eine Herdenimmunität gegen SARS-CoV-2 bereits existiert.

Wien, 2. Juni 2020 | Es war ein viel beachteter TV-Auftritt bei Armin Wolf, den der deutsche Star-Virologe Christian Drosten Ende April im ZIB2-Studio hinlegte. Der im Nachhinein bemerkenswerte Satz fällt in der Mitte des Interviews:

„Es könnte sein, dass die Bevölkerung eine unerkannte Hintergrund-Immunität hat“, sagte Drosten zu Armin Wolf.

Drosten verweist selbst auf eine erste Studie aus Berlin, „die so etwas andeuten“ würde, allerdings: Die unerkannte Herdenimmunität würde „auf der zellulären Ebene“ liegen und diese wäre eben „schlecht messbar.“ Studien, die eine solche unerkannte Herdenimmunität vermuten, häufen sich allerdings.

40-60 Prozent der Zellproben immun

Am 14. Mai veröffentlichte das römische Institut La Jolla eine Studie, die hoffen lässt. Die 20 Wissenschaftler, die an der Studie von La Jolla arbeiten, kommen zu einem bemerkenswerten Schluss: 40 – 60 Prozent jener Zellproben, die nicht dem Virus ausgesetzt waren, wiesen eine Immunität gegen das Virus auf. Die Wissenschaftler verwendeten Blutproben aus den Jahren 2015 bis 2018. Sie vermuten eine Kreuzreaktion zwischen schon lange zirkulierenden Coronaviren und SARS-CoV-2. Bedeutet: Eine früherer grippaler Virusinfektion könnte den Patienten auch immun gegen Covid-19 machen!

Das würde auch erklären, warum so viele Menschen zwar Corona-positiv getestet wurden, aber gar keine Symptome entwickeln. Dazu Drosten bei Wolf im April:

„Die Epidemie würde einfach früher aufhören, als wir das vermuten.“

Afrika: Herdenimmunität vor Dezember 2019 möglich

Experten vermuteten, dass Afrika am härtesten von der Pandemie getroffen werden könnte. Diese Vermutung trat bisher allerdings nicht ein: die Ausbreitung scheint langsamer zu sein als an vielen anderen Orten dieser Welt. Seit dem offiziellen Auftreten des Virus auf dem Kontinent (März 2020) bleiben vermehrt aufkommende respiratorische Infekte, wie Sars-Cov2 sie verursacht, aus. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass sich eine „stille“ Covid-19-Pandemie in bestimmten Teilen Afrikas bereits lange vor dem offiziellen Auftreten des Virus im Land ausgebreitet hat. Die Bevölkerung könnte so zu einer Herdenimmunität gelangt sein, lange vor Dezember 2019.

Eine Studie aus der demokratischen Republik Kongo legt nahe, dass das Virus bereits Monate vor der offiziellen Covid-19-Pandemie im Osten der Republik existent gewesen sein könnte. Die im Mai veröffentlichte Studie untersuchte die Symptome und klinischen Aufzeichnungen zweier Patienten, die eine Infektion mit Sars-Cov2 nahelegen würden. Auch die Röntgenbilder der Lungen würden den Schluss zulassen.

Eine weitere Tatsache, so die Studienautoren, würde ihre Hypothese stärken: Afrika, insbesondere die östlichen Länder des Kontinents, stehen in intensivem Wirtschaftlichen Kontakt mit China. Dennoch wurde der Kontinent vergleichsweise spät von der offiziellen Ausbreitung des Virus getroffen. Auch dies würde für eine Ausbreitung bereits im Vorjahr in Afrika sprechen, so die Studienautoren. Auch die untersuchten Fälle hatten vor der Infektion engen Kontakt mit China, einer davon war kurz vor der Infektion erst aus China zurückgekommen.

Weitere Studien erhärten den Verdacht, dass die Militärfestspiele, die im Oktober 2019 in Wuhan stattfanden, ein sogenanntes Superspreader-Event waren. Zahlreiche internationale Sportler meldeten sich bereits zu Wort und berichteten davon, in Wuhan erkrankt zu sein und dabei die klassischen Symptome (trockener Husten, Fieber) gezeigt zu haben.

Gewissheit nur durch Antikörper-Tests

Wenn sich die Herdenimmunität in den untersuchten Regionen bewahrheitet, hätte das weitreichende Konsequenzen für getroffene Maßnahmen, die eine Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Eine Antwort auf die Frage, ob und wie weit fortgeschritten eine womögliche Herdenimmunität ist, können nur groß angelegte Antikörper-Tests in der Bevölkerung geben. Wie bereits berichtet, könnte die Durchführung von PCR-Tests an sich die Pandemie unendlich weiterführen, selbst wenn keine Infektionen mehr existieren. Antikörper-Tests könnten aber Aufschluss darüber geben, auch wenn noch unklar ist, ob eine durchgemachte Infektion zu dauerhafter oder nur vorübergehender Immunität führt.

(lb,ot)

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Titelbild: APA Picturedesk

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