Häusliche Gewalt während Corona-Lockdown

Erste große Studie

Eine Studie der TU München zu häuslicher Gewalt in Zeiten von Corona lässt aufhorchen: Demnach haben rund 3,6 Prozent der Männer ihre (Ehe-)Partnerin während des Lockdowns vergewaltigt. Die Zahlen sind durchaus mit Österreich vergleichbar, meint Maria Rösslhumer vom Verein Autonome Frauenhäuser.

Wien, 04. Juni 2020 | Harte Realität in Deutschland: rund drei Prozent der in Partnerschaft lebenden Männer übten häusliche Gewalt an ihren Partnerinnen aus, 3,6 Prozent vergewaltigten ihre Partnerin sogar. In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig „bestraft“.

Das ist das Ergebnis der ersten großen repräsentativen Studie zu häuslicher Gewalt während des Corona-Lockdowns. Diese wurde am Dienstag von der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlicht. Bei finanziellen Sorgen in den Familien lagen die Zahlen nochmal deutlich höher, genauso bei schlechter psychischer Gesundheit, z.B. Depressionen oder Angstzuständen.

3.800 in Partnerschaft lebende Frauen zwischen 18 und 65 Jahren wurden zwischen den 22. April und 8. Mai befragt. Das war genau die Zeit, in der in Deutschland strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen aufrecht waren. Dabei wurden sowohl körperliche, emotionale, als auch sexuelle Gewalterfahrungen erhoben.

Emotionale Gewalt

3,8 Prozent der befragten Frauen fühlten sich demnach von ihrem Partner bedroht, 2,2 Prozent dürfen ihr Haus nicht ohne Erlaubnis des Partners verlassen. Rund fünf Prozent der Männer regulierten die Kontakte ihrer Frauen, darunter auch digitale Kontakte über WhatsApp, Telegram oder andere Messengerdienste.

Sexuelle Gewalt

Mindestens 3,6 Prozent der Männer vergewaltigten ihre Partnerinnen während des Lockdowns. Auch schwere Formen körperlicher Gewalt wurden abgefragt: Demnach wurden 1,5 Prozent der Frauen und 1,6 Prozent der Kinder körperlich verletzt.

Die Studie identifiziert einige Faktoren, die das Aufkommen häuslicher Gewalt beeinflussen. Demnach kam es deutlich häufiger zu Gewalt in der Familie, wenn

  • im Haushalt noch junge Kinder unter 10 Jahren lebten
  • die Befragten in Heimquarantäne waren
  • Einer der beiden Partner in Kurzarbeit war oder den Arbeitsplatz aufgrund von Corona verloren hatte
  • Die Familie akute finanzielle Sorgen hatte

Anstieg häuslicher Gewalt in Zusammenhang mit finanziellen Sorgen. Zur Ansicht Bild anklicken. Grafik: TU München

  • Einer oder beide Partner in schlechtem psychischem Gesundheitszustand (z.B. Depressionen und Angst) war

Anstieg häuslicher Gewalt in Zusammenhang mit Depressionen oder Angstzuständen. Zur Ansicht Bild anklicken. Grafik: TU München

Fraueneinrichtungen müssen systemrelevant bleiben

Auf Basis der Studienergebnisse leiten die Studienautorinnen Politikempfehlungen ab: Hilfsangebote müssen besser in der Öffentlichkeit beworben werden, denn Frauen wissen oft nicht, wo sie Hilfe erhalten. Darüber hinaus müssten neben der telefonischen Erreichbarkeit von Hilfsangeboten im Falle von Gewalt diese auch online erreichbar sein, denn telefonische Angebote seien für die Frauen oft nur schwer zu nutzen. Auch psychologische Beratungen und Therapien müssten einfach nutzbar sein und online angeboten werden.

Österreich durchaus vergleichbar

Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser, ist wenig überrascht über die Zahlen der Studie: Man könne die Situation in Deutschland durchaus mit Österreich vergleichen. Die Frauenhelpline habe im Zeitraum des Lockdowns einen Anstieg von rund 40 Prozent bei Anrufen verzeichnet, aus Deutschland wisse sie von 37 Prozent Steigerung. Hinzu käme, dass aufgrund der Situation die Telefonate wesentlich länger und ausführlicher würden. Zukunftsängste der Anruferinnen würde es ihnen zusätzlich erschweren, eine Entscheidung zu treffen. Sie vermutet, eine hohe Dunkelziffer in Österreich, weil es ein Tabu sei, über Gewalterfahrungen, insbesondere sexuelle Gewalterfahrungen zu sprechen. Außerdem vermutet sie durch den Lockdown einen Anstieg bei ungewollten Schwangerschaften:

„Wir vermuten, dass ungewollte Schwangerschaften in der Zeit des Lockdowns zugenommen haben. Der Zugang zum Schwangerschaftsabbruch ist gerade jetzt noch schwieriger geworden. Auch das konfrontiert die betroffenen Frauen mit so vielen zusätzlichen Hürden und Schwierigkeiten. Vielen wollen nicht ins Spital, sich nicht untersuchen lassen aus Angst vor Ansteckungen.“

Absurd: Gewaltschutzeinrichtungen kämpfen ums Überleben

Das Frauenbudget für 2020 wurde durch die Bundesregierung zwar von zehn auf zwölf Millionen Euro erhöht. Brisant: Die Budgeterhöhung kann als Symbolpolitik gewertet werden, denn diese Summe reicht nur aus, um den Wertverlust der Inflation auszugleichen. Gewaltschutz- und Fraueneinrichtungen werden nicht müde, mehr Unterstützung von der öffentlichen Hand zu fordern: Echter Gewaltschutz sei nur mittels 210 Millionen-Euro-Pakets möglich, fordert die Allianz “Gewaltfrei leben”, ein Zusammenschluss von mehr als 40 Gewaltschutz-Organisationen in Österreich – und das bereits vor Anstieg häuslicher Gewalt durch den Lockdown.

(lb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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