Corona-Müll landet im Meer

“Mehr Masken als Quallen”

Nach der Viruspandemie kommt die Müllpandemie: Plastikhersteller, die zuletzt durch ein EU-Verbot von Einwegplastik in Bedrängnis gerieten, feiern mit der Coronakrise ein Comeback. Während das Coronavirus die Verwendung von Einweg-Schutzausrüstungen verstärkt hat, steigt auch die Produktion von Lebensmittelverpackungen – mit verheerenden Folgen für die Umwelt.

Wien, 13. Juni 2020 | Wie Quallen schweben sie über den Meeresboden: Einwegmasken und -handschuhe, die im Zuge der Coronapandemie nicht ordnungsgemäß entsorgt wurden. Zusätzlich zur ohnehin massiven Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll, sorgt die Coronapandemie für eine Verschlimmerung der Problematik, warnen Naturschützer.

Meeresverschmutzung: 80 Prozent Plastikmüll

Nach Angaben der Europäischen Kommission sind mehr als 80 Prozent der Abfälle im Meer Plastikmüll:

„80 bis 85% des Meeresmülls (gemessen anhand von Müllzählungen an europäischen Stränden) in der Union sind Kunststoffe, wobei es sich zu 50% um Einwegkunststoffartikel und zu 27% um Gegenstände handelt, die mit der Fischerei zusammenhängen.“

Einwegartikel seien „ein besonders gravierendes Problem und eine große Gefahr für die marinen Ökosysteme, die biologische Vielfalt der Meere und die menschliche Gesundheit“ – und sie schädigen Branchen wie den Tourismus, die Fischerei und den Seeverkehr.

Einweg-Kunststoffartikel EU-weit verboten

2019 stimmte das EU-Parlament für ein Verkaufsverbot von Einweg-Kunststoffartikeln ab 2021. Die neue Richtlinie hat all jene Einwegprodukte aus Kunststoff im Visier, die Europas Strände am meisten verschmutzen, darunter Teller, Besteck, Strohhalme, Luftballonhaltestangen und Wattestäbchen aus Plastik.

Es geht aber auch um Fischfanggeräte, die im Meer verloren gegangen sind oder zurückgelassen wurden. Denn, so ist in der Richtlinie zu lesen, „die Einwegkunststoffartikel, die unter Maßnahmen im Rahmen dieser Richtlinie fallen, machen Schätzungen zufolge etwa 86% aller Einwegkunststoffe aus, die bei Müllzählungen an Stränden in der Union vorgefunden wurden.“

Dann kam die Corona-Panik

Die EU-Richtlinie stellt einen Meilenstein im Kampf gegen die weltweite Umweltverschmutzung dar – insbesondere gegen die Verschmutzung der Meere, die zunehmend zu einem globalen Problem geworden ist. Die Coronapandemie allerdings scheint Europa in Sachen Umwelt- und Naturschutz wieder weit zurückgeworfen zu haben: viele Menschen kauften, aus Angst vor Kontamination, bevorzugt verpackte Lebensmittel, Wasserspender wurden durch Plastikflaschen ersetzt.

Handschuhe, Masken, Plastikflaschen für Desinfektionsmittel oder Essen zum Mitnehmen – alles Einwegprodukte aus Plastik. Und sie werden zunehmend zum Problem, warnen derzeit insbesondere Umweltschützer aus Frankreich.

Die französische NGO „Opération Mer Propre“ sammelt regelmäßig Müll entlang der Côte d’Azur. Sie hat Ende Mai Alarm geschlagen.

Das Land ist vorbildlich unterwegs im Kampf gegen Ressourcenverschwendung: So wurde ein Verbot von Einwegverpackungen aus Plastik schrittweise bis 2040 beschlossen, bereits seit 1.1.2020 ist es nicht mehr möglich, Einwegbecher, Teller oder Wattestäbchen aus Plastik in französischen Supermärkten zu kaufen. Doch dies scheint nun alles vergessen.

Corona: Die große Chance für Kunststoff-Verpackungshersteller

Seit Beginn der Epidemie haben französische Kunststoffhersteller eine Zunahme ihrer Produktion gemeldet. Laut Elipso, dem Berufsverband von Plastikverpackungs-Herstellern in Frankreich, ist die Nachfrage seit Beginn der Eindämmung um 20 bis 30 Prozent gestiegen.

Allein in Frankreich haben die Behörden zwei Milliarden Einwegmasken bestellt. Die Hersteller von Plastikverpackungen, zuletzt durch das neu eingeführte Verbot in Bedrängnis geraten, wissen die Krise für sich zu nutzen.

In diesem Video erklärt der Geschäftsführer der EuPC (European Plastics Converters), warum Einwegplastik bei der Bekämpfung der Krise wichtig sei: „Wir (die Industrie der Plastikhersteller, Anm. Red.) haben alle Waffen, um die Krise zu bekämpfen.

„Es ist wichtig, dass Einweg-Plastik in diesen Tagen benutzt werden kann – um die Krise zu bekämpfen.“

„Plastik, insbesondere Plastikverpackungen sind extrem wichtig, um die Lebensmittelversorgung sicherzustellen.“

Auch der Präsident von Elipso soll laut dem französischen öffentlich-rechtlichen Radiosender „france inter“ Anfang April gesagt haben, dass Plastikverpackungen hygienische Bedingungen und den Schutz der Produkte garantieren würden.

Kritik von Umweltorganisationen

Die Organisation Zero Waste France kritisiert, dass die Lobby der Plastikproduzenten eindeutig das Ziel verfolge, die Krise für sich zu nutzen. Industrielle würden mit Verbraucherschutz argumentieren, während laut wissenschaftlichen Studien Kunststoff eines der Produkte sei, auf denen das Virus am längsten überlebe.

„Bald laufen wir Gefahr, im Mittelmehr mehr Masken als Quallen zu haben“,

postet Laurent Lombard von der französischen NGO „Operation Mer Propre“, was so viel wie „Operation sauberes Meer“ bedeutet, auf Facebook. Die NGO führt regelmäßig Reinigungs-Tauchgänge an der französischen Küste durch.

Taucher der Organisation fanden „Covid Waste“ – Dutzende von Handschuhen, Masken und Händedesinfektionsmittel-Flaschen unter dem sonst üblichen Abfall wie Einwegbechern oder Alu-Dosen.

Die gefundenen Mengen an Masken und Handschuhen seien nicht enorm, sagt Joffrey Peltier, einer der Mitarbeiter von „Opération Mer Propre“ gegenüber dem „Guardian“. Er befürchte allerdings eine weltweite und allgegenwärtige Umweltverschmutzung, wenn nichts dagegen getan würde. Immerhin versuchten Millionen von Menschen weltweit, sich mittels Einwegprodukten vor dem Coronavirus zu schützen, so Peltier.

„Bei allen Alternativen ist Kunststoff nicht die Lösung, um vor Covid zu schützen“

Die NGO hofft, dass die Bilder die Menschen dazu veranlassen werden, wiederverwendbare Masken zu benutzen und Latexhandschuhe gegen häufigeres Händewaschen auszutauschen: “Bei allen Alternativen ist Kunststoff nicht die Lösung, um uns vor Covid zu schützen. Das ist die Botschaft “, so Peltier gegenüber dem Guardian.

Umweltschützer warnen seit Jahren vor der Bedrohung der Ozeane und des Meereslebens durch die massiv steigende Plastikverschmutzung. Laut einer Schätzung vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen gelangen jedes Jahr bis zu 13 Millionen Tonnen Kunststoff in die Ozeane. Ins Mittelmeer alleine würden jährlich 570.000 Tonnen Plastik gelangen – eine Menge, die der WWF in 33.800 Plastikflaschen pro Minute umgerechnet hat.

Diese Zahlen könnten erheblich zunehmen, da Länder auf der ganzen Welt mit der Coronapandemie konfrontiert sind.

(lb)

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